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27.04.2016

21:55 Uhr

Lufthansa-Konkurrent in roten Zahlen

Air Berlin vergrößert seine Verluste

VonJens Koenen

Weniger Umsatz, enorme Verluste: Air Berlin beendet das Geschäftsjahr mit einem gewaltigen Minus. Die großen Probleme der Fluggesellschaft sind noch immer ungelöst. Dennoch soll nun endlich die Trendwende kommen.

Mehr als 400 Millionen Euro Verluste verzeichnet Air Berlin im Geschäftsjahr 2015. dpa

Air Berlin bleibt in der Verlustzone

Mehr als 400 Millionen Euro Verluste verzeichnet Air Berlin im Geschäftsjahr 2015.

FrankfurtAir Berlin steckt in den roten Zahlen fest. Im Geschäftsjahr 2015 weitete die Airline den Nettoverlust auf 446,6 Millionen Euro aus, teilte der Lufthansa-Rivale am Mittwochabend mit. Ein Jahr zuvor betrug das Minus 376,7 Millionen Euro. Der Umsatz fiel um zwei Prozent auf 4,08 Milliarden Euro. Air Berlin habe 2015 nur wenig von den niedrigeren Spritpreisen profitieren können, hieß es in der Mitteilung. Dieses Jahr solle das anders aussehen: „Im Jahr 2016 werden wir von der relativ günstigen Kerosinpreisentwicklung in Höhe von 250 Millionen Euro profitieren“, sagte Konzernchef Stefan Pichler.

Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft hat damit ihre größten Baustellen in der Bilanz nach wie vor nicht gelöst: die operative Schwäche, die hohe Verschuldung und das fehlende Eigenkapital. Zwar ist für eine Airline im täglichen Geschäft ein anderer Wert wichtig: die Liquidität, also das Vorhandensein ausreichender Mittel für die Aufrechterhaltung des Betriebs. Dennoch ist auch klar, dass bei Air Berlin nach dem dritten Jahr in Folge mit einem negativen Eigenkapital etwas geschehen muss.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Das wissen auch die Großaktionäre, die Golf-Airline Etihad mit knapp 30 Prozent und die türkische Esas Holding mit zwölf Prozent, Dachgesellschaft etwa des Ferienfliegers Pegasus. Derzeit werden deshalb zahlreiche Szenarien geprüft.

Zum einen könnten Teile aus dem Unternehmen herausgelöst werden, etwa die österreichische Tochter Niki oder die Technik, der Wartungsbereich. Das würde kurzfristig Geld in die Kassen spülen, ist aber nicht so einfach umzusetzen. Die Flugzeuge von Niki sind eng in das gesamte Netz von Air Berlin eingebunden und können nicht so einfach herausgelöst werden. Im Markt für Flugzeugwartung wiederum stehen die Margen derzeit massiv unter Druck.

Zum anderen könnte Air Berlin langfristig komplett neu aufgestellt werden. In der Überlegung der Großaktionäre ist etwa ein Schulterschluss mit Alitalia, ebenfalls eine Beteiligung von Etihad. Das könnte eine Übertragung großer Teile an Alitalia bedeuten, etwa die Administration und des Betriebs. Oder Air Berlin könnte mit Alitalia fusionieren. Doch Voraussetzung dafür ist wiederum ein Abschied von der Börse (Delisting), ein Prozess, der aufwendig ist und Zeit kostet.

Deshalb werden weitere Optionen geprüft, etwa eine Kooperation mit dem Billig-Anbieter Easyjet im Tourismus-Bereich. Eine solche Partnerschaft könnte Air Berlin dabei helfen, noch mehr aus dem profitablen Verkehr etwa nach Spanien/Mallorca zu holen. Langfristig sanieren würde das die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft allerdings nicht.

Anders als Lufthansa hat Air Berlin kein reines Kostenproblem.

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