Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.02.2015

17:08 Uhr

Lufthansa-Tarifkonflikt

Kapitalismus gegen Mensch

VonDana Heide

Lufthansa will sparen, die Piloten ihre Privilegien verteidigen. Für beide muss man Verständnis haben. Doch beide sind mächtig, beide haben keine Not, von ihrer Rolle abzurücken. Ein Ende des Streits ist nicht in Sicht.

Die Leidtragenden sind Dritte: Bei der Lufthansa-Tochter Germanwings fielen Donnerstag und Freitag zahlreiche Flüge wegen des Pilotenstreiks aus. dpa

Streik bei Germanwings

Die Leidtragenden sind Dritte: Bei der Lufthansa-Tochter Germanwings fielen Donnerstag und Freitag zahlreiche Flüge wegen des Pilotenstreiks aus.

Das Argument der Piloten ist immer: die Sicherheit, die Sicherheit. Ein Pilot müsse die Möglichkeit haben, in den Ruhestand zu gehen, wenn er sich nicht mehr fit fühlt – damit er keine Menschenleben gefährde. Deswegen wollen die Flugkapitäne ihre Ansprüche auf Frührente nicht aufgeben, deswegen streiken sie, so sagen sie.

Wenn die Streikenden ehrlich wären, müssten sie sagen: Wir sehen es gar nicht ein, finanziell zurückzustecken.

Dana Heide ist Korrespondentin in Berlin.

Dana Heide ist Korrespondentin in Berlin.

Am Ende geht es bei der Lufthansa auch um einen grundsätzlichen Streit um die Ausrichtung des Unternehmens auf mehr Billigangebote – klar, dass das den Mitarbeitern nicht passt, wenn wir ehrlich sind, würden Sie und ich uns auch gegen solch einen Einschnitt wehren. Dass Unternehmenschef Carsten Spohr standhaft bleibt, ist erstaunlich – sein Leben könnte wesentlich einfacher sein, wenn er nur bei dem weniger mächtigen Teil der Belegschaft kürzen würde. Stattdessen greift er auch bei den privilegierten Mitarbeitern des Unternehmens an.

Pilotenstreik bei Germanwings

„Man ist hilflos ausgeliefert“

Pilotenstreik bei Germanwings: „Man ist hilflos ausgeliefert“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Die versuchen damit zu argumentieren, dass sie nur das Wohl ihrer Passagiere im Kopf haben. Doch das Sicherheitsargument hinkt gewaltig. Wer sich in Deutschland nicht mehr fähig fühlt, seinen Beruf auszuüben, wird vom sozialen Sicherungssystem aufgefangen. Wer es sich leisten kann – und Piloten können es sich leisten – sorgt zusätzlich selbst vor.

Welcher Berufsstand hat schon ein solches Privileg, dann zu gehen, wenn ihm nicht mehr nach Arbeiten ist? Der Krankenpfleger nicht, der täglich die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Patienten hat, Busfahrer und Lokführer nicht, die täglich hunderte Menschen hin- und herfahren. Und die können noch nicht einmal selbst vorsorgen, weil ihr Gehalt oft gerade mal dazu reicht, ihr Leben im Hier und Jetzt zu finanzieren.
Wenn die Piloten ehrlich wären, würden sie sagen: Unsere Motive sind rein egoistisch. Rational sind sie dagegen nicht, denn am Ende schaden sie dem Unternehmen, dass sie bezahlt.

Die vielen Baustellen der Lufthansa

Schwieriger Konzernumbau

Carsten Spohr will die Lufthansa wetterfest machen für die Zukunft, denn der Konkurrenzkampf über den Wolken ist hart. Der Umbau des größten europäischen Luftverkehrskonzerns ist eine Mammutaufgabe. Längst noch nicht alle Probleme sind gelöst. Das sind die Baustellen der Lufthansa.

Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

Carsten Spohr ist seine Strategie nicht vorzuwerfen. Er handelt so, wie es sich für den Chef eines Dax-Unternehmens gehört: Kurs auf Gewinnmaximierung. Finanziell kann er sich den Streit mit den Piloten noch leisten – trotz der üppigen Streiks hat die Airline im vergangenen Jahr erneut die Marke von 100 Millionen Passagieren übertroffen. 2014 steigerte das Unternehmen die Zahl seiner Fluggäste um 1,3 Prozent auf 106 Millionen.
Aufpassen muss der Lufthansa-Chef aber auf das Image der Fluglinie. Zwar haben bei dem letzten Streik laut Unternehmensangaben 80 Prozent der Passagiere trotz des Arbeitsausstandes ihr Ziel erreicht – doch die 20 Prozent, die von der Lufthansa enttäuscht wurden, sind 20 Prozent zu viel.

Die Situation ist verzwickt: Zwei mächtige Egoisten stehen sich gegenüber. Leidtragende sind die unbeteiligten Dritten. Und ich habe wenig Hoffnung, dass sich diese Situation in absehbarer Zeit ändert.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Peter Maier

17.02.2015, 10:20 Uhr

Leider schlecht recherchiert Frau Heide:
Die LH-Piloten haben im Tarifkonflikt in allen Bereichen bereits massive Zugeständnisse angeboten. Dafür wollen sie allerdings einen Vertrag schließen, der ausschließt dass in 6 Monaten noch mal so hohe Zugeständnisse erpresst werden. Das ist mehr als legitim. Der Lufthansa Vorstand verweigert trotz 1 MRD Gewinn jeglichen neuen Tarifvertrag und nimmt damit weitere massive Streiks in Kauf.

Herr Peter Maier

17.02.2015, 10:23 Uhr

Nachtrag: das "soziale Sicherungssystem" fängt keinen Piloten auf, der mit z.B. 58 Jahren die extrem schweren Simulatorchecks nicht mehr besteht. Dieser Pilot ist ja deswegen weder krank, noch fluguntauglich. Er wird nach 2maligem Versagen einfach fristlos gekündigt und muss selbst sehen, wie er die Zeit bis zur Rente überbrückt. Auch dafür ist aktuell die Übergangsversorgung "sein soziales Sicherungssystem" und die will Herr Spohr ihm nun nehmen!

Herr Michael Millenet

20.02.2015, 11:48 Uhr

Serh geehrte Frau Heide,

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×