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07.09.2012

15:54 Uhr

Lufthansa-Tarifkonflikt

Stell dir vor, es ist Streik und keiner geht hin!

Die Streithähne wollen sich zusammenraufen: Für den Nachmittag ist ein Gespräch zwischen Lufthansa und der Gewerkschaft Ufo angesetzt. Trotz des Streiks kommt Bewegung in den Konflikt – nur das große Chaos bleibt aus.

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Streik-Pause für Lufthansa

Video: Streik-Pause für Lufthansa

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FrankfurtBeim dritten Streik der Lufthansa-Flugbegleiter binnen einer Woche ist an den Flughäfen das große Chaos ausgeblieben. Dafür bildeten sich vor den Bahnschaltern lange Schlangen. "Die Lage an allen Flughäfen ist sehr entspannt", sagte ein Lufthansa-Sprecher.

Nach gut einer Woche Funkstille kam am Freitag Bewegung in den erbittert geführten Tarifkonflikt: Der Chef der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo, Nicoley Baublies, und Lufthansa-Passagiervorstand Peter Gerber sind zu ersten Sondierungsgesprächen gekommen.

Das Wichtigste zum Lufthansa Streik

Wie erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Ob, und welche Flüge konkret betroffen sind, können Kunden auf der Lufthansa Website prüfen. Das Lufthansa Service Center steht bei Flugunregelmäßigkeiten kostenlos auch telefonisch zur Verfügung:

0800 / 8 50 60 70

Worum geht es eigentlich?

Offiziell streiken die Flugbegleiter lediglich für mehr Geld. Sie verlangen nach drei Jahren Nullrunde ein Einkommensplus von fünf Prozent sowie höhere Gewinnbeteiligungen. Im Hintergrund geht es um die Zukunft des Lufthansa-Konzerns. Das Management will eine Billigeinheit für Direktflüge mit zunächst rund 90 Flugzeugen und 2000 Beschäftigten gründen, für die deutlich niedrigere Tarife gelten sollen. Bei allen übrigen sollen Gehaltsstufen abgeflacht werden, neue Kräfte nicht mehr so schnell aufsteigen können. Weil Ufo dabei nicht mitmachen wollte, hat Lufthansa zudem Leiharbeiter eingesetzt.

Die UFO-Taktik

Die Gewerkschaft UFO will eine Nadelstichtaktik führen. Um der Lufthansa möglichst wenig Zeit zur Vorbereitung zu lassen, veröffentlicht sie die bestreikten Flughäfen erst wenige Stunden vor Beginn der Arbeitsniederlegung. Als nächste Stufe des Arbeitskampfes wird ein flächendeckender Streik vorbereitet, sagt Ufo-Chef Nicoley Baublies. Damit erhofft sich die Gewerkschaft ein Einlenken der Lufthansa auf ihre Forderungen.

Wie reagiert die Lufthansa?

Man habe mehrere Szenarien in der Schublade und werde möglichst viele Flüge stattfinden lassen, sagt Sprecher Thomas Jachnow. Vorrang haben die Interkontinentalverbindungen, während innerdeutsche Flüge am einfachsten auf die Bahn verlagert werden können. Auch Umbuchungen auf andere Airlines sind möglich

Wie hoch ist die Kampfbereitschaft der Stewards und Stewardessen?

Das ist die spannende Frage in diesem Tarifkonflikt. Im Gegensatz zu den weit besser verdienenden Piloten oder den Fluglotsen bei der Deutschen Flugsicherung haben die Flugbegleiter bislang noch nie einen richtigen Arbeitskampf durchstehen müssen. Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer hat sich vor wenigen Tagen noch sicher gezeigt, dass es zu großen, flächendeckenden Streiks nicht kommen werde. Sicher ist aber, dass es in der einstmals geschlossenen und stolzen Lufthansa-Belegschaft wegen der umfassenden Sparpläne gärt.

Wie lange hält die Gewerkschaft einen Arbeitskampf durch?

An mangelnden Mitteln aus der Streikkasse werde der Arbeitskampf nicht scheitern, sagt Baublies. Die langsame Eskalation schont zumindest am Anfang auch das Ufo-Vermögen. Eine Strategie könnte es sein, nur wenige Streikende pro Flug zu organisieren, weil die Flieger mit Mindestbesatzungen starten müssen. Vor allem bei den eng besetzten Europaflügen ist eigentlich kein Puffer drin, so dass bereits der Ausfall eines Flugbegleiters den Start verhindern kann. Das sehen gesetzliche Vorschriften vor.

Kann die Lufthansa nicht einfach Ersatzleute anheuern?

Das wird schwierig, wenngleich der zuständige Personalchef Peter Gerber sich das durchaus vorbehalten hat. Doch der Arbeitsmarkt ist nicht gerade üppig besetzt. Die Grundausbildung ist zwar mit zwölf Wochen relativ kurz, aber es kann nicht jeder Flugbegleiter auf jedem Jet eingesetzt werden. Aus Sicherheitsgründen sind die Leute jeweils nur auf bestimmte Flugzeugtypen zugelassen. Zudem sind Leiharbeiter nicht verpflichtet, sich als Streikbrecher zu betätigen.

Wann erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Sechs Stunden vor Beginn der Streikmaßnahmen will die UFO bekannt geben, an welchen Flughäfen sie streikt. Gewerkschaftschef Nicoley Baublies verspricht, bereits am Vorabend zu warnen, wenn ein Streik früh am nächsten Morgen beginnt.

"Das könnte der letzte Streiktag sein", machte Ufo-Chef Baublies den Lufthansa-Passagieren Hoffnung. In den nächsten Tagen könne er Streiks ausschließen. Trotz der versöhnlichen Töne in Interviews am Morgen, bereitete Baublies die Gewerkschaftsmitglieder auf weitere Streiks vor. "Wenn das wieder nur taktische Spielchen sind, dann werden wir wieder irgendwann hier stehen und sagen, dass wir Lufthansa sind", machte der Ufo-Chef auf einer Kundgebung vor Hunderten Stewards und Stewardessen am Freitag am Frankfurter Flughafen deutlich.

Die Lufthansa musste am Freitag nach eigenen Angaben weniger Flüge streichen als ursprünglich erwartet. "Wir sind optimistisch, heute rund die Hälfte unserer 1800 Flüge durchführen zu können", sagte ein Lufthansa-Sprecher. Zuvor war Deutschlands größte Fluglinie davon ausgegangen, rund zwei Drittel ihrer Verbindungen streichen zu müssen. Dennoch waren über 100.000 Passagiere von dem Ausstand betroffen.

Bei den Lufthansa-Töchtern wie Austrian, Swiss oder Germanwings wurde nicht gestreikt. Auf ihren Berlin-Strecken setzt die Lufthansa bereits seit Monaten gegen den heftigen Protest der Gewerkschaft rund 200 Leihstewardessen ein, um die Kosten zu drücken. Positiver Nebeneffekt für die Airline: Da sie bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt sind, dürfen sie nicht streiken.

Kommentare (9)

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ex_Kamikaze

07.09.2012, 14:43 Uhr

Natürlich dürfen auch Leiharbeiter streiken, denn das ist ein Grundrecht was so nicht einfach ausgehebelt werden kann. Grundrechte (übergeordnete Rechte - zb aus dem Grundgesetz oder dem BGB) können nicht durch kommerzielle Verträge jedweder Art aufgehoben werden, leider ist das speziell unter jungen Leuten ein weit verbreiteter Irrglaube.
Da das Disziplinarrecht und die Tarifhoheit beim Verleiher liegen träfe der Arbeitskampf diesen. In dem Fall also Aviation Power statt Lufthansa.
Aber das Leiharbeiter überhaupt nicht streiken dürfen ist absoluter Unsinn!

bananarepublican

07.09.2012, 14:50 Uhr

An UFO: hart bleiben... schagt für alle eine Presche in die zutiefts assoziale Leiharbeit, die ja von den meisten Arbeitgebern elend missbraucht wird um Lohndumping zu betreiben (und das mitWillen und Zustimmung unserer CDU/FDP-Regierung - die sagen das blos nicht so. Ihr seid in einer super Position dazu, es trifft bei den Lufthansapassagieren auch meist diejenigen dei für Arbeitgeber fliegen oder selbst für Leiharbeit verantwotliche - also die Richtigen ... Ihr könnt Euch der Solidarität vieler Arbeitnehmer sicher sein. Also : mit Mut voran - lasst Euch nicht kaufen oder einlullen

bavarianfox

07.09.2012, 15:15 Uhr

Für den Streik sein aber wenn es um den eigenen Flug geht das Billigst-Ticket bei der Konkurrenz kaufen...Da kann keine Regierung was dagegen machen. Wenn der Verbraucher will dass die Leute anständig verdienen, dann muss er auch einen angemessenen Preis für die Leistung zahlen wollen. Aber immer schön polemisch den Mund aufreißen...

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