Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.01.2016

12:39 Uhr

Lufthansa-Tarifstreit

Ein Signal an die Piloten

VonJens Koenen

Im Tarifstreit zwischen den Flugbegleitern und dem Lufthansa-Management ist der Knoten endlich geplatzt. Die Einigung könnte nun auch den Verhandlungen mit den Piloten neuen Schub verleihen. Ein Kommentar.

Der Konflikt mit den Piloten ist die letzte offene Tarifbaustelle im Lufthansa-Reich. Reuters

Pilotenstreik im April 2014

Der Konflikt mit den Piloten ist die letzte offene Tarifbaustelle im Lufthansa-Reich.

FrankfurtEndlich wieder eine gute Nachricht für Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Nach dem völlig verpatzten Start des Langstreckenverkehrs der neuen Billigtochter Eurowings scheint in dem seit mehr als zwei Jahren dauernde Tarifstreit mit den Flugbegleitern eine Lösung zum Greifen nah. In wesentlichen Punkten gibt es grundsätzliche Einigkeit, für die Regelung der Feinheiten sollte man bis zum Sommer ausreichend Zeit haben.

Der Kompromiss ist doppelt wichtig. Er verschafft nicht nur den rund 19.000 Kabinenmitarbeitern der Kernmarke Lufthansa Klarheit. Er ist zugleich ein wichtiges Signal auch an die Kollegen vorne im Cockpit. Auch die streiten seit nunmehr drei Jahren über das Thema Altersversorgung. Nach der Fast-Einigung mit UFO und dem Ende des vergangenen Jahres geschlossenen Tarifvertrags mit Verdi für das Bodenpersonal sind die Flugzeugführer die letzte große Tarifbaustelle im Lufthansa-Reich.

Jens Koenen ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte. Pablo Castagnola

Der Autor

Jens Koenen ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte.

Deshalb aus dem Durchbruch bei UFO einen direkten Druck auf die Verhandlungen der Piloten abzuleiten, wäre dennoch ein Fehler. Die Piloten haben in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass sie sich um das Tarifgeschehen rund um sie herum herzlich wenig scheren. Sie streiken, auch wenn der Rest der Welt das nicht mehr wirklich versteht. Dennoch gibt es ein paar Faktoren, die dafür sprechen, dass die Übereinkunft zwischen UFO und Management bei den Piloten zumindest wie eine Art kleiner Katalysator wirken könnte.

Zum einen sollte keiner den Flugzeugführern unterstellen, sie würden sich aus purer Lust am Streik querstellen. Auch für die Piloten ist es nicht ohne, seit drei Jahren ohne gültigen Tarifvertrag zu arbeiten. Zwar gilt der alte zunächst weiter. Aber wegen des heftigen Streits um die Altersversorgung wurden in den zurückliegenden Jahren auch keine Gehaltserhöhungen oder Einmal-zahlungen mit dem Management vereinbart. Wie das Kabinenpersonal wollen auch die Piloten endlich Klarheit über die künftige Situation.

Die vielen Baustellen der Lufthansa

Schwieriger Konzernumbau

Carsten Spohr will die Lufthansa wetterfest machen für die Zukunft, denn der Konkurrenzkampf über den Wolken ist hart. Der Umbau des größten europäischen Luftverkehrskonzerns ist eine Mammutaufgabe. Längst noch nicht alle Probleme sind gelöst. Das sind die Baustellen der Lufthansa.

Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

Hinzu kommt. Nachdem das Gericht den letzten Streik der Flugzeugführer verboten hat, muss die Pilotengewerkschaft bei den Tarifverhandlungen höllisch aufpassen. Der Richter hatte mit überraschend klaren Worten erklärt, die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit streike auch für nicht tariffähige Themen. Gemeint war der Widerstand gegen die Billigplattform Eurowings. Damit darf es in den Gesprächen mit Lufthansa nur noch um das Kernthema Altersversorgung gehen. Hier keine Einigung erzielen zu können, wäre aber auf Dauer kaum zu begründen.

Der Durchbruch bei UFO ist also keine Garantie, dass es nun auch bei den Piloten bald eine Lösung geben wird. Aber er dürfte zumindest das Interesse der Flugzeugführer steigern, die ewigen Tarifgespräche endlich zu einem Abschluss zu bringen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×