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20.07.2016

13:03 Uhr

Lufthansa und Air Berlin

„Mehr Notlösung als Befreiungsschlag“

VonJens Koenen

Die Lufthansa erwägt, Teile des defizitären Rivalen Air Berlin zu übernehmen. Wie riskant wäre dieser Deal für Deutschlands größte Airline? Und hilft er Air Berlin? Luftfahrtexperte Gerald Wissel wagt eine Prognose.

Rivale erwägt Rettung

Kauft Lufthansa Air-Berlin-Strecken?

Rivale erwägt Rettung: Kauft Lufthansa Air-Berlin-Strecken?

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FrankfurtWenn man so will, ist es Ironie des Schicksals. Ausgerechnet die Lufthansa schickt sich an, ihren alten Erzrivalen Air Berlin zu retten. Europas größte Fluggesellschaft verhandelt nach Handelsblatt-Informationen mit dem Air-Berlin-Großaktionär Etihad darüber, Teile des angeschlagenen Unternehmens zu übernehmen. Etihad ist mit knapp 30 Prozent größter Aktionär von Air Berlin, das seit rund zehn Jahren Verluste einfliegt. Die Araber schossen bereits mehrere Hundert Millionen Euro als Darlehen zu – vergebens. Das Unternehmen leidet darunter, dass es einerseits Premiumanbieter sein will, aber auch Charter-, Touristik- und Billigflüge anbietet.

Interesse hat Lufthansa offenbar an allen Air-Berlin-Strecken, die nicht über die Drehkreuze Düsseldorf oder Berlin führen, sowie an rund 40 geleasten Flugzeugen samt Crew. Die Maschinen könnten von der Lufthansa-Tochter Eurowings übernommen werden. Bis spätestens Oktober sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein. Sprecher der drei Konzerne wollten die Informationen nicht kommentieren. Aber käme der Deal zustande, könnte sich Air-Berlin-Chef Stefan Pichler mit den verbleibenden 100 Flugzeugen auf die Strecken von und zu den Drehkreuzen konzentrieren. Lufthansa-Chef Carsten Spohr wiederum könnte seine Billigplattform Eurowings ausbauen.

Rivale erwägt Rettung: Lufthansa wirft ein Auge auf Teile von Air Berlin

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Premium Lufthansa wirft ein Auge auf Teile von Air Berlin

Die Lufthansa verhandelt darüber, Strecken und Flugzeuge des Konkurrenten Air Berlin zu übernehmen. Der Deal könnte den Weg für eine Neuausrichtung der schwer angeschlagenen Airline ebnen. Doch manche Fragen sind offen.

Das Problem: An einigen Flughäfen wäre die Dominanz von Air Berlin und Lufthansa so groß, dass kartellrechtliche Probleme auftauchen könnten. Aber auch die Bundesregierung präferiert eine deutsch-deutsche Lösung. Spohr hat Regierungsvertretern auf Nachfrage bestätigt, dass er Air Berlin wenn nötig helfen würde, heißt es in Luftfahrtkreisen. Doch wie riskant wäre dieser Deal für die Lufthansa tatsächlich? Luftfahrtexperte Gerald Wissel von Airborne Consulting gibt eine Einschätzung.

Herr Wissel, Eurowings könnte Teile von Air Berlin übernehmen. Ist das der so wichtige Befreiungsschlag für die angeschlagene Air Berlin?
Zunächst einmal zeigen solche Überlegungen, dass Etihad weiterhin an der eingeschlagenen Europa-Strategie festhalten will und offenbar keine Lehren aus der Vergangenheit gezogen hat. Ein solcher Schritt hat vielmehr den Charakter einer Notlösung als eines Befreiungsschlages, da genau die Teile an die Lufthansa-Gruppe abgegeben werden sollen, mit denen Air Berlin in der Vergangenheit groß und erfolgreich geworden ist: dem dezentralen touristischen Verkehr in Europa. Allen Ankündigungen von Air-Berlin-Chef Stefan Pichler zum Trotz, dass sich Air Berlin künftig wieder stärker auf dieses Segment konzentrieren wird, wären damit hinfällig.

Luftfahrtexperte von Airborne Consulting.

Gerald Wissel

Luftfahrtexperte von Airborne Consulting.

Also reicht es nicht, wenn sich Air Berlin auf zwei Drehkreuze konzentriert?
Bei Air Berlin fehlte spätestens seit dem Einstieg der Araber eine klare Strategie und Ausrichtung. Die Komplexität und teilweise auch Unvereinbarkeit aus Touristik, Zubringer für Etihad, Werbung um Geschäftsreisende, touristische Langstrecke, Mitglied in der Allianz Oneworld und anderes haben erst zu der heutigen Situation geführt. Folglich wäre eine stärkere Fokussierung auf ein klares Kunden- und Geschäftssegment durchaus sinnvoll.

Allerdings scheint die hier angedachte Art von Fokussierung nicht in die Richtung zu gehen, dass Air Berlin seine Abhängigkeit von Etihad reduziert und sich wieder stärker auf das attraktive touristische Segment konzentriert. Eher unterwirft man sich vollständig der Strategie von Etihad. Zudem zeigt das Beispiel Lufthansa, dass die Verteilung der Verkehre auf zwei oder sogar mehr Drehkreuze einen sehr hohen Aufwand bedeutet und unter dem Strich schlechter ist als die Fokussierung auf nur einen „Hub“.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Wäre eine noch engere Zusammenarbeit mit Alitalia der nächste logische Schritt?
Da reine Zubringer-Verkehre nicht profitabel sein können und das eher kleine Langstreckennetz auch nicht den Gewinn sichern wird, müssen die Verluste bei Air Berlin so gering wie möglich gehalten werden. Das kann etwa durch eine Zusammenlegung mit Alitalia und der Generierung von Kostensynergien erreicht werden. Zudem scheinen die Araber den Eindruck zu haben, dass eine Alitalia in Italien leichter aus Abu Dhabi heraus zu steuern ist als eine Air Berlin in Deutschland. Insofern wäre Alitalia in der Tat ein logischer nächster Schritt.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Überlegungen aus Sicht von Eurowings?
Das wäre eine Art Befreiungsschlag für Lufthansa, denn man könnte damit zeigen, dass das angedachte Modell für Eurowings doch Erfolgsaussichten hat. Eurowings hätte damit nicht nur einen Wettbewerber weniger im Markt, sondern auch das Problem der Pilotenknappheit insbesondere bei Kapitänen gelöst, welches erst durch die sehr harte Haltung innerhalb der Lufthansa-Gruppe gegenüber den eigenen Piloten entstanden ist. Letztlich wird sich allerdings der Erfolg von Eurowings erst dann belegen, wenn man sich im Wettbewerb gegen Ryanair und Easyjet behaupten kann.

Kommentare (6)

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Herr Thomas Behrends

20.07.2016, 13:15 Uhr

Ich habe nie verstanden, dass ein Unternehmen, welches seit Beginn der Geschäftstätigkeit an nie Gewinne geschrieben hat und zeitweilig von dem Oberchaoten der Deutschen Wirtschaft Hartmut Mehdorn "geführt" (vielleicht sollte man besser sagen, beinahe vernichtet) wurde, nicht in Insolvenz gegangen ist.

Nennt man so etwas nicht auch Insolvenzverschleppung, wenn ein Unternehmen durch jahrelange Verluste seine Substanz verzehrt ???

Account gelöscht!

20.07.2016, 13:23 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Marc Ho

20.07.2016, 14:21 Uhr

"Nennt man so etwas nicht auch Insolvenzverschleppung, wenn ein Unternehmen durch jahrelange Verluste seine Substanz verzehrt ?"

Welche Substanz denn? Flugzeuge sind bereits alle verkauft und zurückgemietet. Bonusprogramm? Verkauft. Start-/Landerechte? Sind kein Eigentum. Ohne Etihad-Zuschüsse ist die buchhalterische Substanz weit negativ und Air Berlin wäre innerhalb der nächsten 5 Minuten Pleite. Insolvenzverschleppung kann allerdings erst dann analysiert werden, denn solange die Rechnungen noch gezahlt werden darf ein Unternehmen auch weiter leben und ist eben nicht insolvent.

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