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27.12.2015

15:18 Uhr

Lufthansa und Eurowings

Der tief gespaltene Luftfahrtkonzern

VonJens Koenen

Der tragische Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten, endlose Streiks von Piloten und Flugbegleitern – Europas größte Fluggesellschaft blickt auf ein äußerst schwieriges Jahr zurück. Doch Zeit, die Wunden zu lecken, bleibt Lufthansa-Chef Carsten Spohr nicht. Er muss sich 2016 endgültig bewähren.

Für den Lufthansa-Chef wird 2016 zu einem zentralen Jahr. Imago

Carsten Spohr

Für den Lufthansa-Chef wird 2016 zu einem zentralen Jahr.

FrankfurtDen 24. März 2015 wird man bei Lufthansa wohl nie vergessen. An dem Tag stürzte ein A320 der Lufthansa-Tochter Germanwings in den französischen Alpen ab. Alle 150 Insassen starben. Ein lebensmüder Co-Pilot flog das Flugzeug absichtlich gegen den Berg. Bis heute setzt die fürchterliche Tragödie dem Unternehmen zu, auch dem obersten Lufthanseaten Carsten Spohr. „Es ist der mit Abstand schwärzeste Tag in unserer Geschichte“, rief der Vorstandschef das schreckliche Ereignis jüngst beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Frankfurter Flughafen in Erinnerung.

Doch ein neues Wir-Gefühl, der große Zusammenhalt aller Lufthanseaten, will sich nach der Katastrophe nicht einstellen. Neun Monate nach dem Absturz von 4U9525 ist die Lufthansa ein zutiefst gespaltener Konzern, der nach wie vor dabei ist, seinen Weg in die Zukunft zu suchen.

Flugzeugunglücke der vergangenen Jahre

Oktober 2015

Auf der Sinai-Halbinsel stürzt ein russischer Urlauber-Airbus mit 224 Menschen an Bord ab. Niemand überlebt. Die Terrormiliz Islamischer Staat bekennt sich zu einem Anschlag. Am 17. November bestätigt der russische Geheimdienst, dass eine Bombe an Bord war.

März 2015

Eine Germanwings-Maschine zerschellt auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen. Alle 150 Menschen an Bord kommen dabei ums Leben. Der Copilot hatte den Ermittlern zufolge den Autopiloten so manipuliert, dass das Flugzeug vom Typ Airbus A320 abstürzte.

Dezember 2014

Ein Airbus A320 der AirAsia stürzt auf dem Weg von Indonesien nach Singapur in die Javasee vor Borneo. Alle 162 Menschen an Bord kommen ums Leben.

Juli 2014

Beim Absturz einer Passagiermaschine der Malaysia Airlines über der Ostukraine kommen alle 298 Insassen ums Leben. Eine niederländische Untersuchungskommission kommt zu dem Schluss, dass die Boeing 777 von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde.

Beim Absturz eines Passagierflugzeugs in Mali sterben alle 116 Menschen an Bord, darunter vier Deutsche. Das Flugzeug vom Typ MD83 war von Ouagadougou (Burkina Faso) nach Algerien unterwegs.

März 2014

Eine Boeing der Fluggesellschaft Malaysia Airlines auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking mit 239 Menschen an Bord verschwindet kurz nach dem Start vom Radar, MH370 wird zu einem der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte. Bisher wurde nur ein Wrackteil gefunden.

Am deutlichsten sichtbar wird die innere Zerrissenheit in den zahllosen Tarifkonflikten, die das Management mit dem fliegenden Personal seit Monaten austrägt. Selbst das Anfang Dezember nach langem Hin und Her stattgefundene erste Treffen des Job-Gipfels mit allen Gewerkschaften und der Lufthansa-Spitze kann die gravierende Entfremdung zwischen Management und Mitarbeiter-Vertretern nicht überdecken.

Am gleichen Tag, unmittelbar vor dem Treffen, diskutierte der Aufsichtsrat über eine Aufstockung der Vorstandsgehälter – für die Arbeitnehmervertreter ein Affront. Deutlicher kann man kaum zeigen, wie sehr man aneinander vorbeiredet.

Und so wird der Tarifkonflikt wohl auch ins Jahr 2016 getragen werden – ob mit oder ohne Streiks, bleibt abzuwarten. Für Lufthansa-Chef Spohr wird 2016 damit zu einem zentralen Jahr. Er muss nicht nur beweisen, dass er in der Lage ist, den Streit um die Altersversorgung endgültig beizulegen, ohne zu viel seiner harten Position aufzugeben.

Die vielen Baustellen der Lufthansa

Schwieriger Konzernumbau

Carsten Spohr will die Lufthansa wetterfest machen für die Zukunft, denn der Konkurrenzkampf über den Wolken ist hart. Der Umbau des größten europäischen Luftverkehrskonzerns ist eine Mammutaufgabe. Längst noch nicht alle Probleme sind gelöst. Das sind die Baustellen der Lufthansa.

Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

Er muss auch belegen, dass Eurowings – jene Billigplattform, mit der er gegen die aggressive Konkurrenz vom Persischen Golf und vom Bosporus punkten will – einen erfolgreichen Start hinbekommt.

Die in großer Zahl von Germanwings auf Eurowings übergehenden Flugzeuge alleine reichen dafür nicht. Vielmehr muss das Konzept die Kunden überzeugen. Erste Erfahrungsberichte im Internet über die gerade begonnenen Langstreckenflüge etwa nach Kuba zeigen, wie herausfordernd die Markenspreizung ist. Die Eurowings-Passagiere wissen, dass sie Lufthansa fliegen und hadern schwer etwa mit dem Service an Bord der neuen Tochtergesellschaft.

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