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15.03.2017

13:07 Uhr

Lufthansa und Piloten

Die Streikhansa ist gelandet

VonJens Koenen

Lufthansa-Management und Piloten haben im Tarifstreit eine Grundsatzeinigung erzielt. Für Konzernchef Spohr ist das der Durchbruch: Europas größte Fluggesellschaft wird ein großes Stück zukunftssicherer. Ein Kommentar.

Piloten-Streik

Lufthansa einigt sich mit Streikenden

Piloten-Streik: Lufthansa einigt sich mit Streikenden

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Wenn es um Tarifangelegenheiten geht, sollte man Erfolgsmeldungen aus dem Lufthansa-Konzern mit großer Vorsicht behandeln. Das hat die Vergangenheit gelehrt. Allzu oft lösten sich öffentlich berichtete Annäherungen beider Tarifparteien nur wenige Tage später in Wohlgefallen auf.

Doch dieses Mal könnte es anders sein. Auch wenn nur Eckpunkte stehen und viele Details noch geklärt werden müssen: Die an diesem Mittwoch verkündete Grundsatzvereinbarung zwischen Lufthansa und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit ist ein veritabler Durchbruch. Es ist vielleicht sogar der größte in der bislang knapp drei Jahre währenden Amtszeit von Lufthansa-Chef Carsten Spohr.

Was verdient ein Pilot?

Grundgehalt

Lufthansa-Piloten gehören zu den bestbezahlten Angestellten in Deutschland. Nach Unternehmensangaben steigen junge Flugoffiziere nach der zweijährigen, teils selbstbezahlten Flugschule mit einem Brutto-Grundgehalt von 55.500 Euro ein, das inklusive Zulagen für Schichtdienst und Flugstunden über das vereinbarte Maß hinaus ein realistisches Anfangsgehalt von rund 73.000 Euro ergibt.

Das „Senioritätsprinzip“

Nahezu jedes Jahr folgt nun nach dem „Senioritätsprinzip“ die nächste Gehaltsstufe. Nach derzeit 23 Schritten ist die oberste Kapitänsstufe mit einem Grundgehalt von 193.000 Euro erreicht, inklusive Zulagen können das pro Jahr mehr als 255.000 Euro brutto werden.

Im europäischen Vergleich

Ähnliche Gehälter werden bei europäischen Ex-Staatsfluglinien wie der Air France-KLM auch bezahlt. Etwas unter diesem Niveau liegen nach einer Aufstellung der Website Airliners.de die British Airways und Easjet, die von der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) in der Vergangenheit schon als Messlatte für einen möglichen Low-Cost-Tarifvertrag im Lufthansa-Konzern genannt worden ist.

Zulagen-Modell

Das untere Marktende markieren kleinere Gesellschaften wie die Air-Berlin-Tochter Niki, bei der ein Kapitän laut dem Portal Pilotjobsnetwork bis zu 74.000 Euro im Jahr verdienen kann. Allerdings locken hier vergleichsweise hohe Zulagen für tatsächlich geleistete Flugstunden.

Vorwurf Sozialdumping

Der irische Billigflieger Ryanair wehrt sich gegen den Vorwurf des Sozialdumpings. Bei der Airline könnten Kapitäne bis zu 170.000 Euro verdienen, erklärte noch am Donnerstag ein Unternehmensvertreter. In Branchenvergleichen ist hingegen von 85.000 Euro Höchstgehalt und 25.000 Euro Einstiegssalär die Rede.

Auf den ersten Blick mag die Dimension dieser Einigung nicht so leicht zu erkennen sein. Sicher: Jeder wird nun aufatmen. Endlich keine Streiks mehr bei der nach Umsatz größten europäischen Fluggesellschaft. Alleine schon das ist ein gewaltiger Erfolg, nach 14 Streikrunden der Piloten in den zurückliegenden Jahren.

Auf Basis der Vereinbarung sollten nun neue Regelungen zu langjährigen Streitthemen wie etwa der Frührente, der Pension und dem Ausscheide-Alter aus dem Beruf von Piloten geschlossen werden. Die angestrebte Umstellung der Rentenfinanzierung würde die Lufthansa-Bilanz im laufenden Jahr um einen hohen dreistelligen Millionen-Betrag entlasten und hätte einen positiven Effekt auf den Betriebsgewinn.

Die neuen Tarifverträge sollen bis mindestens 2022 laufen. Gleichzeitig will die Airline wieder Piloten einstellen.

Diese Grundsatzvereinbarung reicht deutlich über die reinen Tariffragen hinaus. Gelingt es am Ende, sie mit den Details zu füllen, ist Deutschlands führende Fluggesellschaft ein großes Stück zukunftssicherer geworden. Denn der Streit um Entgelte, Arbeitsbedingungen und Altersversorgung hat das belastet, was der Kern eines jeden Unternehmens ist: die Strategie.

Kommentare (18)

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Herr Hans-Jörg Griesinger

15.03.2017, 13:22 Uhr

„Die Marke Lufthansa ist stark und dürfte die Auseinandersetzung noch recht unbeschadet überstanden haben“

Irgendwie ist das schon paradox.
Auf der einen Seite ist die LH stark, auf der anderen Seite kann die LH nur noch konkurrenzfähig sein, wenn die neu eingestellten LH-Piloten wesentlich weniger verdienen, als die Piloten mit den alten LH-Tarifverträgen. Die eingesparte Differenz wird dann an die LH Aktionäre verteilt.
Echt zum Kotzen, was hier überall für die abhängig Beschäftigten auf dem deutschen Arbeitsmarkt seit Jahren abläuft. Es wird kein gutes Ende nehmen, ich sags euch heute voraus.



Frau Annette Bollmohr

15.03.2017, 13:25 Uhr

"Die Streikhansa ist gelandet"

Wurde auch Zeit.

Herr Hans-Jörg Griesinger

15.03.2017, 13:26 Uhr

Viele AN arbeiten heute schon gezwungenermaßen kostenlos.
Gerade viele Medien, Onlinemedien mit ihren ganzen freien unterbezahlten Mitarbeitern sind auch schwarze Schafe, die das Honorar- und Gehaltsniveau immer weiter drücken.
Ein Bekannter von mir ist Fotograf, fragen Sie bei dem mal nach, wie er von seinen Auftraggebern immer mit mieseren Knebelverträgen ausgebeutet wird.
Leider hat er aktuell keine Möglichkeit, nein zu sagen.
Das wissen auch die Verlage und nutzen dies schamlos zu ihren Zwecken aus.
Verlogene Branche!

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