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06.07.2015

16:18 Uhr

Lufthansa vor neuen Pilotenstreiks

Wo bleibt die Vernunft?

Cockpit bläst die Schlichtung ab – die Lufthansa steht vor neuen Streiks. Jens Koenen fragt sich, wo das unternehmerische Denken der Piloten und das Fingerspitzengefühl der Lufthansa-Spitze bleibt. Ein Kommentar.

Management und Piloten müssen Vernunft walten lassen. dpa

Heckflosse einer Lufthansa-Maschine

Management und Piloten müssen Vernunft walten lassen.

Wieder einmal schwebt das Damoklesschwert Streik über Europas größter Fluggesellschaft. Die Piloten der Lufthansa haben die Vorgespräche zu einer möglichen Gesamtschlichtung verlassen. Mitten in der Urlaubszeit drohen damit massive Flugausfälle.

Auch wenn Details aus den Gesprächen in den letzten Wochen nicht nach außen gedrungen sind, so zeichnete sich doch bereits länger ab, dass es schwer werden würde, den gordischen Knoten in dem völlig verfahrenen Tarifstreit zu durchschlagen. Das ist zunächst einmal wenig überraschend, wurden doch in der Vergangenheit auf beiden Seiten massive Fehler gemacht.

Jens Koenen ist Redakteur im Ressort Unternehmen und Märkte Pablo Castagnola

Der Autor

Jens Koenen ist Redakteur im Ressort Unternehmen und Märkte

Lufthansa hat viel zu lange damit gewartet, das Thema Kosten und Pensionszusagen auf die Agenda zu nehmen. Nun will das Management eine Komplettlösung in einem Schritt. Es ist durchaus verständlich, dass sich eine Arbeitnehmer-Vertretung damit schwer tut. Das gilt um so mehr, weil im Hintergrund ein ganz anderes Thema die Gespräche überlagert: die Neuausrichtung der Lufthansa. Die Billigpläne tangieren den von der Gewerkschaft Cockpit (VC) in der Vergangenheit hart ausgehandelten Konzerntarifvertrag. Dass der von den Piloten nicht so einfach hergegeben wird, ist wenig überraschend.

Die VC wiederum ist bislang vor allem dadurch aufgefallen, stur den Status quo verteidigen zu wollen. Neinsagen – das scheint das Motto der Gewerkschaft zu sein. Selbst mit kreativen Vorschlägen auf das Management zuzugehen, diesem damit den Wind aus den Segeln zu nehmen, ihm im Gegenzug Zugeständnisse abzutrotzen, das scheint nicht zum Werkzeugkasten der Piloten-Vertreter zu gehören.

Das wundert doch sehr, schließlich haben die Piloten bei früheren Tarifauseinandersetzungen stets ihre Bedeutung als „Unternehmer im Unternehmen“ für Lufthansa betont. Aber wo bitte ist im aktuellen Tarifstreit das viel zitierte unternehmerische Denken der Flugzeugführer? Die Arbeitnehmervertreter in anderen Industrien und Unternehmen scheinen da deutlich weiter zu sein. Beim Stiftungsunternehmen Schott etwa - wie Lufthansa massiv von den Lasten aus früheren Pensionszusagen gebeutelt - haben sich Management und Arbeitnehmer in wenigen Monaten auf ein neues Pensionssystem geeinigt.

Die vielen Baustellen der Lufthansa

Schwieriger Konzernumbau

Carsten Spohr will die Lufthansa wetterfest machen für die Zukunft, denn der Konkurrenzkampf über den Wolken ist hart. Der Umbau des größten europäischen Luftverkehrskonzerns ist eine Mammutaufgabe. Längst noch nicht alle Probleme sind gelöst. Das sind die Baustellen der Lufthansa.

Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

Bei aller verständlichen Emotionalität: Am Ende werden Lufthansa-Management und VC nicht darum herumkommen, in dem Tarifstreit endlich wieder die unternehmerische Vernunft walten zu lassen. Auf VC-Seite bedeutet das, endlich die fiskalpolitischen Realitäten anzuerkennen. Für das Management heißt das, die eigenen Mitarbeiter beim Bau einer neuen Lufthansa nicht zu überfordern. Sonst wird es nichts mit der Zukunftssicherung des Kranichs.

Kommentare (2)

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Herr Teito Klein

06.07.2015, 16:50 Uhr

Es sind Sommerferien!
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Also die beste Zeit für Streiks!
So sieht es jedenfalls die VC. Sie besteht weiterhin auf die Frühpensionierung mit 55.
Sie will ihre Privilegien behalten.
Ich als Lufthansa würde sie alle rausschmeißen. Es gibt genügend Piloten auf dem freien Markt, die ihren Job gerne übernehmen würden. Und das OHNE VC!

Herr Max Müller

06.07.2015, 17:58 Uhr

Ich verstehe immer das Hin und Her mit der Lufthansa nicht. Jeder noch alle Latten am Zaun hat und seinen Urlaub genießen will, sollte die Lufthansa konsequent meiden. Ist doch ganz simpel. Von mir aus kann die LH auch insolvent werden. Gibt genug andere und das Ganze nennt man Marktbereinigung. So what?

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