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28.09.2012

14:59 Uhr

Luftnotlage

Airbus entging 2010 nur knapp Katastrophe

Bei einem Flug im Dezember 2010 sind 149 Passagiere knapp einer Katastrophe entgangen. Die Piloten hatten bei der Landung fast das Bewusstsein verloren. Unklar ist, warum der Zwischenfall erst jetzt herausgekommen ist.

Blick in ein Airbus-Cockpit. Ein Zwischenfall mit Gasen ging Ende 2010 letztlich glimpflich aus. dpa

Blick in ein Airbus-Cockpit. Ein Zwischenfall mit Gasen ging Ende 2010 letztlich glimpflich aus.

Köln
Giftige Dämpfe im Cockpit haben zwei Piloten eines Germanwings-Fluges fast ohnmächtig werden lassen und den Airbus mit 149 Menschen an Bord in große Gefahr gebracht. Der Vorfall vom Dezember 2010 wurde am Freitag durch Veröffentlichungen der Zeitung „Die Welt“ und des Senders NDR Info bekannt. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung bestätigte eine „schwere Störung“. Die Fluglinie selbst bezeichnete den Vorfall als „gravierend“, betonte aber gleichzeitig, dass „jederzeit alles unter Kontrolle“ geblieben sei. Das Unternehmen habe nichts vertuscht.

Die Bundesstelle schildert das Ereignis in ihrem Zwischenbericht so: 19. Dezember 2010, der Airbus A319 ist am Abend aus Wien kommend im Anflug auf Köln/Bonn. Das Wetter ist schlecht, die Maschine stark verspätet. Plötzlich nehmen die beiden Piloten einen Geruch wahr, „eine Mischung aus verbrannt und elektrisch Riechendem“. Dem Copiloten (26) wird „kotzübel“, seine Arme und Beine fühlen sich taub an. Schnell stülpt er sich die Sauerstoffmaske über.


Auch der 35 Jahre alte Pilot bemerkt nun, wie ihm „im wahrsten Sinne des Wortes die Sinne“ schwinden. Nachdem er sich ebenfalls die Sauerstoffmaske aufgezogen hat, geht es ihm etwas besser. Aber auch er ist „am Ende seiner Leistungsfähigkeit“. Beide Piloten kommen sich vor „wie in einem Traum“. Um 21.34 Uhr setzt das Flugzeug „deutlich spürbar“ auf der Landebahn auf - die Passagiere haben von der Notlage nichts bemerkt. Bei ihnen war die Luft in Ordnung.

Nach Recherchen von „Welt“ und NDR Info soll die Fluglinie der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) zunächst wichtige Informationen vorenthalten haben. Germanwings-Sprecher Heinz Joachim Schöttes bestritt dies: „Wir haben nichts vertuscht, nichts heruntergespielt.“ Der Pilot habe noch im Cockpit das Meldeformular für die Bundesstelle ausgefüllt. Schöttes sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Der Pilot, mit dem wir jetzt noch mal gesprochen haben, sagt, er habe kurzfristig leichte Beeinträchtigungen gehabt, die sofort nach dem Aufsetzen der Sauerstoffmaske nachgelassen haben.“

Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, forderte eine bessere Luftversorgung im Cockpit. Im Fall der Germanwings-Maschine müsse Öldampf in die Kabinenluft gelangt sein. Auf die Frage, warum das Ganze erst jetzt mit bald zweijähriger Verspätung herauskomme, sagte Handwerg im dpa-Interview: „Es ist sicherlich nicht im Interesse der Industrie und nicht im Interesse der deutschen Politik, dass dieser Vorgang überhaupt an die Öffentlichkeit geraten ist.“

Von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen im niedersächsischen Braunschweig gab es am Freitag über den Bericht hinaus keine weiteren Auskünfte.

Das Thema der verunreinigten Kabinenluft stand am Freitag ohnehin auch im Bundestag in Berlin auf der Tagesordnung. SPD und Grüne forderten die Bundesregierung auf, sich für wissenschaftliche Untersuchungen des Problems einzusetzen. Der Vorfall bei Germanwings zeige jetzt den dringenden Handlungsbedarf. „Wir müssen langfristig die Luft für die Kabinen woanders als in den Triebwerken abzapfen“, forderte der Bundestagsabgeordnete Markus Tressel (Grüne).



 

Von

dpa

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