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13.10.2016

15:32 Uhr

Machtkampf zwischen Unilever und Tesco

Die britische Marmite-Krise

VonKerstin Leitel

In Großbritannien ist ein Machtkampf zwischen Tesco und Unilever ausgebrochen. Die Supermarktkette akzeptiert höhere Preise des Lebensmittelkonzerns nicht. Dahinter steckt ein von vielen Briten unterschätztes Problem.

Für viele Briten ein Heiligtum. Doch die Regale mit Unilever-Podukten leeren sich bei Tesco langsam. Reuters

Marmite-Paste

Für viele Briten ein Heiligtum. Doch die Regale mit Unilever-Podukten leeren sich bei Tesco langsam.

LondonFür viele Briten ist es eine entsetzliche Nachricht: Ihre geliebte Marmite-Paste ist alle. Die zähe, wahrhaft einzigartig schmeckende Paste ist für viele auf der Insel eine Art Nationalheiligtum. Doch Tesco, die größte Supermarktkette des Landes, hat den Artikel derzeit nicht mehr im Online-Sortiment. „Eine Krise“, stöhnen Briten auf Twitter, die „Financial Times“ spricht von einem „Marmite-Krieg“.

Marmite ist nicht das einzige Produkt, das derzeit nicht bei Tesco erhältlich ist: Zahlreiche Unilever-Produkte sind im Online-Shop „derzeit nicht auf Lager“, wie es heißt. Und auch in den Läden sind viele Regalfächer leer. Der Supermarktriese liefert sich mit dem Lebensmittelgiganten einen heftigen Machtkampf. Bei der „Marmite-Krise“ geht es um sehr viel mehr als um Paste.

Neue Ideen für die Online-Lieferung

Drohnen

Als Amazon-Chef Jeff Bezos Ende 2013 in einem TV-Interview den Prototypen seiner kleinen Fluggeräte zur Warenlieferung vorstellte, hielten das viele zunächst für einen Werbegag. Doch Amazon meint es ernst und hat mit „Prime Air“ sogar schon einen Namen für den Service. Ob und wann Amazon-Bestellungen tatsächlich im Alltag per Drohne geliefert werden könnten, ist offen - der Konzern testet noch. Eine Hürde bleibt auch die rechtliche Grundlage. Dies schreckt Konkurrenten jedoch nicht von eigenen Versuchen ab. So hat die Deutsche Post den automatischen „Paketcopter“, der 2014 testweise die Nordseeinsel Juist unter anderem mit Medikamenten versorgte. Und Google arbeitet bei „Project Wing“ an Mini-Fliegern mit Seilwinde.

Lieferroboter

Die Fahrzeuge, die äußerlich an einen großen Mars-Rover erinnern, sollen neben Fußgängern auf Gehwegen unterwegs sein. Die Firma Starship zum Beispiel, mit der unter anderem der Paketdienst Hermes und der Handelskonzern Metro zusammenarbeiten, will damit Waren mit einem Gewicht von bis zu 15 Kilogramm auf eine Entfernung von fünf Kilometern befördern. Die Vision ist, dass ein Mitarbeiter über das Internet 50 bis 100 automatische Lieferroboter überwacht. Starship peilt Kosten von rund einem Dollar pro Zustellung an. Die Pizza-Kette Domino's testete einen eigenen Lieferroboter in Australien. In Deutschland gibt es das Problem, dass der Betrieb solcher Fahrzeuge im Alltag nicht geregelt ist.

Kofferraum

Warum die Pakete immer nach Hause liefern, wenn der Adressat vielleicht gerade woanders unterwegs ist? Die Idee, die Pakete vom Zusteller einfach im Kofferraum zu platzieren, nimmt dabei konkrete Formen an. Der Zusteller bekommt dafür einen ein Mal gültigen Code, mit dem er die Klappe öffnen kann. Die Position des Fahrzeugs wird per GPS bestimmt. Der Paketdienst DHL testet die Kofferraum-Zustellung in einigen deutschen Städten mit jeweils mehreren hundert Smart-Fahrern. Unter anderem auch Audi, BMW und Volvo arbeiten an einem solchen Verfahren.

Crowdshipping

Warum nicht den Nachbarn zum Paketboten machen? Zahlreiche Start-ups versuchen gerade, daraus eine Geschäftsidee zu machen. Kern ist eine App, die Händler, Lieferanten und Kunden verknüpft. Wer ohnehin unterwegs ist, kann dann Pakete für andere mitnehmen und sich so etwas Geld verdienen. So gut die Idee ist, so schwierig scheint sie umzusetzen zu sein: DHL hat damit schon erfolglos experimentiert, Walmart einen Feldversuch abgebrochen. Auch Amazon testet den Service.

Kühlboxen

Die britische Supermarktkette Waitrose hat als erster mit dieser Idee Furore gemacht: Gekühlte Abholstationen für online bestellte Lebensmittel. Auch die britische Walmart-Tochter Asda experimentiert mit Kühlfächern an Tankstellen. Geöffnet werden sie per QR-Code oder PIN, die Kunde per Mail bekommt. Auch Rewe probiert bereits die Idee aus.

Unilever habe von Tesco einen zehnprozentigen Preisaufschlag verlangt, berichten lokale Medien, und dabei auf den starken Rückgang des britischen Pfunds verwiesen. Seitdem die Briten am 23. Juni für einen Austritt aus der Europäischen Union (EU) gestimmt haben, hat das Pfund Sterling deutlich an Wert verloren. Vergangene Woche ging es weiter abwärts, nachdem die britische Regierung signalisierte, in den bevorstehenden Austrittsverhandlungen mit der EU bei wichtigen Themen keine Kompromisse zu machen. Insgesamt ist das Pfund seit dem Brexit-Referendum gegenüber dem Dollar um 18 Prozent gefallen.

Deswegen hat Unilever die Preise anheben wollen und Tesco reagierte postwendend: Die Produkte des britisch-niederländischen Giganten flogen aus den (virtuellen) Tesco-Regalen: Nicht nur Marmite, sondern auch Produkte wie Hellmann´s Mayonnaise, der in Großbritannien beliebte PGTips-Tee oder Knorr-Tütensuppen.

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Offiziell verwies Tesco auf „Probleme mit der Verfügbarkeit”. Man hoffe, dass die Lieferschwierigkeiten rasch ausgeräumt würden, sagte eine Sprecherin. „Für die meisten Kunden“ habe man die Preise erhöht, erklärte Unilever-Finanzchef Graeme Pitkethly in Reaktion auf den Streit in einem Analystengespräch. In dem speziellen Fall, sagte er, ohne konkret Tesco zu nennen, sei er „zuversichtlich, dass die Situation schnell gelöst werden kann“.

Die Briten bestellen viel über das Internet und lassen sich auch Lebensmittel gerne liefern. Nur in Südkorea und Japan ist das Online-Einkaufen von Lebensmitteln noch populärer als auf der Insel, wie die Marktforschung Kantar kürzlich mitteilte. Wird ein Produkt aus dem Online-Sortiment genommen, kann das schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.

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