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16.05.2017

13:42 Uhr

Macrons Reformkurs

Warum Air France ein Sinnbild für Frankreichs Probleme ist

VonSimon Book, Karin Finkenzeller, Rüdiger Kiani-Kreß
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Die Krisenairline Air France ist wie ein Vorläufer für die Probleme, auf die Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron mit seinem Reformkurs stoßen wird. Dort läuft schief, was auch in Frankreich schiefläuft.

Die französische Airline zeigt die Probleme auf, vor denen der neue französische Präsident steht. AFP

Air France

Die französische Airline zeigt die Probleme auf, vor denen der neue französische Präsident steht.

Wenn Emmanuel Macron an die Aufgabe denkt, die da vor ihm liegt, kommen ihm zunächst einmal die ganzen schlechten Zahlen in den Sinn. Sie zeugen von Frankreichs Misere: Die Jugendarbeitslosigkeit – liegt bei mehr als 23 Prozent; das Wachstum dümpelt seit zehn Jahren bei einem Prozent, das Defizit im Außenhandel beträgt 48 Milliarden Euro. Und die Verschuldung liegt bei fast 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. 60 Prozent erlauben die Maastricht-Kriterien, da will Macron wieder hin. „Heute beginnt die Erneuerung unserer Republik“, rief er seinen Anhängern deshalb nach der Wahl am Sonntagabend zu. Es brauche nicht weniger als eine nächste französische Revolution. Der Mann liebt eben klare Ansagen.

Mit so deutlichen Botschaften (einem liberalen Wirtschaftsprogramm und klarem Europafokus) hat er gerade bei der Präsidentschaftswahl 66 Prozent der Stimmen gewonnen und Europas Angstgegnerin Marine Le Pen besiegt. Die Partner in der Europäischen Union feiern diese Wahl seitdem, als hätten sich mit ihr so ziemlich alle Probleme des Kontinents in Luft aufgelöst.

Und doch fangen Macrons Schwierigkeiten jetzt erst an.

Was Macron sich für die Wirtschaft vornimmt

Steuern

Die Unternehmenssteuer soll von derzeit 33 auf 25 Prozent gesenkt werden. Die Steuergutschrift für Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung (CICE) soll umgewandelt werden in eine dauerhafte Entlastung für Arbeitnehmer mit niedrigen Löhnen.

Quelle: Reuters

Arbeitszeit

An der 35-Stunden-Woche soll festgehalten werden. Allerdings könnte sie flexibler geregelt werden, indem Betriebe über die tatsächliche Arbeitszeit mit ihren Beschäftigten verhandeln.

Geldverdiener

Sie sollen von bestimmten Sozialabgaben befreit werden. Dadurch könnten Niedriglohnempfänger einen zusätzlichen Monatslohn pro Jahr in ihren Taschen haben.

Investitionen

Binnen fünf Jahren sollen 50 Milliarden Euro an öffentlichen Geldern investiert werden. 15 Milliarden Euro davon sollen in bessere Aus- und Weiterbildung gesteckt werden, um die Einstellungschancen von Jobsuchenden zu verbessern. Ebenfalls 15 Milliarden Euro sind eingeplant, um erneuerbare Energien zu fördern. Weitere Milliarden sind für die Landwirtschaft, die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung, für Infrastruktur und das Gesundheitswesen gedacht.

Einsparungen

60 Milliarden Euro an Einsparungen sind bei den Staatsausgaben vorgesehen, die in Frankreich traditionell hoch sind. Zehn Milliarden Euro soll der erwartete Rückgang der Arbeitslosenquote von derzeit etwa zehn auf sieben Prozent bringen, indem die Ausgaben für Arbeitslosengeld sinken. Durch eine verbesserte Effizienz soll das Gesundheitswesen zehn Milliarden einsparen, weitere 25 Milliarden Euro die Modernisierung des Staatsapparates.

Bildung

In Gegenden mit niedrigen Einkommen soll die Schülerzahl auf zwölf pro Klasse begrenzt werden. Lehrer sollen als Anreiz für eine Arbeit in solchen Regionen einen Bonus von 3000 Euro pro Jahr bekommen. Alle 18-Jährigen sollen einen Kulturpass im Wert von 500 Euro erhalten, den sie beispielsweise für Kino-, Theater- und Konzertbesuche ausgeben können.

Denn Frankreich, das ist dieser Tage eine Nation, die gespalten ist wie nie zuvor. Eine Republik, in der das Vertrauen zwischen Bürgerlichen und Arbeiterklasse gestört ist, vielleicht gar zerrüttet. Und Macron ist, gelingt ihm bis zu den Parlamentswahlen im Juni kein kleines Wunder, angesichts der dortigen Mehrheitsverhältnisse ein Wahlsieger ohne eigene Macht.

Macron kennt die Probleme allzu gut

Wie schwer es ist, eine solche Ausgangslage in revolutionäre Politik umzusetzen, weiß Frankreichs angehender Präsident noch aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister der Regierung seines Vorgängers François Hollande. Besonders an eine Episode aus diesen Jahren wird sich Macron nun wieder erinnern; an eben jene Geschichte aus dem Spätsommer 2015, die sich im Air-France-Hauptquartier nahe Paris zutrug, ihn viele Nerven kostete. Und die ihm doch jetzt, fast zwei Jahre später, Lösungen liefern könnte für seine aktuellen Herausforderungen.

Als Xavier Broseta damals aus dem Gebäude stürmt, trägt der Personalchef von Frankreichs größter Fluglinie Air France obenherum nur noch einen Schlips. Der Oberkörper ist nackt, in seinen Augen flackert Angst. Nur mühsam hält der Gürtel die Anzughose, während Broseta auf ein Gittertor zuläuft. Ein paar Sicherheitsleute helfen dem Personalchef der Airline über den Zaun. Erst dann kann er aufatmen.

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Frankreichs neuer Premier spricht Deutsch, war Mitglied bei den Sozialisten und soll für Präsident Emmanuel Macron die Parlamentswahl gewinnen. Die Trennung von rechts und links hält er für überholt.

Der Topmanager war eigentlich ins Büro gekommen, um mit dem Betriebsrat ein Sparprogramm zu verhandeln: 2900 Stellen sollten wegfallen. Doch dann stürmten Hunderte Beschäftigte die Air-France-Zentrale, erzwangen den Abbruch der Sitzung – und jagten Broseta vom Hof, nachdem sie ihm das Hemd vom Leib gerissen hatten.

In jedem anderen EU-Land wäre man sich nach so einer Attacke wohl schnell einig gewesen: protestieren – okay. Hemden zerreißen und Menschen jagen aber ist eine deutliche Grenzüberschreitung. In Frankreich hingegen kritisierte man nicht die Jäger – sondern die Behörden. Als am Tag nach den Ausschreitungen einige besonders rabiate Demonstranten festgenommen wurden, kreischten die Gewerkschaften, ihre Mitglieder seien wie „Verbrecher, Drogendealer oder Waffenhändler“ abgeführt worden, und machten anschließend vor Gericht Notwehr geltend. Die Grünen beschimpften die Polizei, die Sozialisten begingen einen „Tag der Trauer“.

Nur einer fand deutliche Worte: Die Gewalt bei Air France, sagte der damalige Wirtschaftsminister Emmanuel Macron angesichts der Bilder, sei das Werk von „dummen Leuten“.

Diese Situation dürfte Macron in diesen Tagen auch deswegen wieder in den Sinn kommen, weil der Air-France-KLM-Konzern in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild des Landes ist, dessen Malaise Macron beheben will. Wie kein zweites Unternehmen stand Air France einst für die französische Art, Erfolg mit Savoir-vivre und Komfort zu vereinen. Eine Linie, die Kontinent und Exkolonien verband, hervorragenden Service bot, die Angestellten fürstlich entlohnte und dabei auch noch einigermaßen profitabel war.

Doch ähnlich wie das Land verlor auch die Air France an Flughöhe, je schneller die Globalisierung voranschritt. Gemessen am Ertrag jedenfalls, ist Europas nach Umsatz zweitgrößte Fluglinie inzwischen die schwächste unter den Marktführern. Während die Konkurrenz Rekorde schafft, packte der französische Konzern zuletzt nur ein Miniergebnis von 792 Millionen Euro nach Steuern. Und so lohnt es sich für Macron, eben hier nach Antworten auf die drängenden Fragen zu suchen. Allen voran dieser einen: Wie lässt sich ein so verkrustetes System aus der Krise steuern?

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