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28.10.2015

18:59 Uhr

Media Markt und Saturn

Mein Verkäufer, der Roboter

VonJoachim Hofer

Fast hätten Media Markt und Saturn das Internet-Zeitalter verschlafen. Doch künftig wollen die Elektronikketten ihre Kunden mit humanoiden Robotern und virtuellen Welten locken. Und das Wissen von Start-ups für sich nutzen.

Humanoide Computer sollen im neuen Saturn-„Connect“ in Köln Kunden anlocken. PR

Kommunikation mit Robotern

Humanoide Computer sollen im neuen Saturn-„Connect“ in Köln Kunden anlocken.

IngolstadtAls Twix noch Raider hieß und der Schoko-Kuss als Mohrenkopf verunglimpft wurde, im ausgehenden 20. Jahrhundert also, da waren die Filialen von Media Markt und Saturn der Sehnsuchtsort der deutschen Jugend. Die Heimstatt des Walkman zog die Käufer an wie ein Freibad die Schweißgeplagten an einem heißen Sommertag. Doch als das neue Jahrtausend gerade die ersten zehn Jahre hinter sich gebracht hatte, da war es vorbei mit dem Sturm auf die Läden. So wie die Ingolstädter 20 Jahre zuvor mit ihren Mega-Märkten den Handel aufgemischt hatten, so drängten jetzt aggressive Online-Händler wie Amazon und Ebay ins Geschäft.

Wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, strampelte und zappelte die Elektronikkette, und kam doch nicht wieder auf die Beine. Die Strategen in Oberbayern versuchten, auf Gedeih und Verderb ihr Filialkonzept zu verteidigen. Die Angreifer aus dem Netz wollten aber einfach nicht wieder verschwinden.

Fakten zu Media-Saturn

Der Chef

Der 52-Jährige Pieter Haas hat gut ein Jahrzehnt für Media-Saturn gearbeitet, zuletzt als Geschäftsführer in der Zentrale in Ingolstadt. 2013 wechselte er in den Vorstand von Mehrheitsgesellschafter Metro, um sich von dort um die Kette zu kümmern. Nach dem abrupten Abgang von Media-Saturn-Chef Horst Norberg im Frühjahr 2014 wurde der Betriebswirt von Metro entsandt, um die Geschäfte des Elektronikhändlers übergangsweise wieder zu leiten.

Erste Erfolge

Nicht nur das Verkaufskonzept war neu. „Eine aufmerksamkeitsstarke, freche, witzige Werbung“ soll die neuen Elektromärkte bekannt machen, meinte Stiefel einmal rückblickend. Aus biederen Prospekten machten Gunz und Stiefel „Extrablätter“, die mit griffigen Slogans in den Münchener Briefkästen landeten. Mit der Torwartlegende Sepp Maier veranstaltete Stiefel auf dem Media-Markt-Parkplatz einen „Videorekorder-Weitwurf“. Es folgten Filialen in ganz Bayern und Mitte der Achtziger in ganz Deutschland.

Der Fall

Media Saturn war bis Ende des vergangenen Jahrzehnts hoch erfolgreich, erkannte aber nicht, dass mit Online-Händlern wie Ebay und Amazon mächtige Wettbewerber entstanden waren. Erst spät und sehr zögerlich stiegen die Bayern selbst ins Internetgeschäft ein. Bis heute hat die Kette damit zu kämpfen, dass sie das Netz unterschätzt hat. Inzwischen nutzt die Gruppe ihre breite Präsenz in den Städten aber clever aus: Fast die Hälfte aller Online-Shopper holt die Ware in den Läden ab statt sich die Handys oder Fernseher nach Hause liefern zu lassen.

Der große Graben

Seit Jahren streiten sich Mehrheitseigner Metro und Minderheitsgesellschafter Erich Kellerhals um die Macht in der größten europäischen Elektronikkette. Das belastet das Unternehmen, das unter Onlinekonkurrenz und dem Preisdruck in der Elektronikbranche leidet. Zahllose Prozesse haben die beiden Parteien bereits gegeneinander geführt, mal gewann der eine, mal der andere. Kellerhals hat bei wegweisenden Entscheidungen ein Vetorecht. Damit kann die Metro große Strategieschwenks nicht durchsetzen, obwohl sie drei Viertel der Anteile hält. Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht.

Die Marken

Die einen rot, die anderen blau: Die Elektronikketten Media-Markt und Saturn gehören zu demselben Unternehmen, der Media Saturn Holding, treten am Markt jedoch gegeneinander an. Die Konkurrenz ist gewollt und soll das Geschäft antreiben. Sie profitieren allerdings von der Einkaufsmacht der Holding. Noch etwas ist besonders an der Konstruktion: Die Chefs der einzelnen Märkte sind am Geschäft beteiligt und haben daher ein Interesse, ihre Läden voran zu bringen. An den Online-Shops sind alle Geschäftsführer gemeinsam beteiligt und profitieren daher auch von den Verkäufen im Internet.

Das Unternehmen

Unter dem Dach der Media-Saturn-Holding sind Media-Markt und Saturn vereint, Deutschlands und Europas führende Elektrofachmärkte. Das Unternehmen aus Ingolstadt betreibt 990 Läden in 15 Ländern und beschäftigt 65.000 Mitarbeiter. Der Umsatz lag zuletzt bei 21 Milliarden Euro. Zum Konzern gehört auch der Onlinehändler Redcoon.

Der Verkauf

Doch das Rad, das sie drehten, wurde den Gründern zu groß: 1988 übernahm die Metro-Tochter Kaufhof die Mehrheit, die sich wenig später auch die Kölner Saturn-Märkte einverleibte. Stiefel wurde Geschäftsführer beider Gruppen - und behielt weiter die Fäden in der Hand. Sein Motto für die beiden Marken: getrennt marschieren, gemeinsam schlagen. In einem Ingolstädter Gewerbegebiet entstand die Holding. Das Konzept: Die Zentrale sucht sich einen lokalen Geschäftsführer. Der steigt mit eigenem Kapital ein, das Hauptquartier liefert die Ware und eine rote Managementfibel. Was zu welchem Preis angeboten wird, entscheidet alleine der Mann vor Ort. So wird die Kette zum führenden Elektronikhändler Europas.

Es musste das Jahr 2015 kommen, bis dem Chef von Media-Saturn ein solcher Satz entfuhr: „Digital ist unser Freund“, sagte Pieter Haas diesen Dienstag in der Ingolstädter Zentrale. Der Niederländer zog ein ernüchterndes Fazit der vergangenen Jahre: „Wir haben lange den Kopf in den Sand gesteckt und das Digitale als eine Bedrohung gesehen.“

Doch damit soll es jetzt endgültig vorbei sein. Media-Saturn dreht in der virtuellen Welt voll auf. Am Dienstag gewährte die Tochter des Handelskonzerns Metro Mitarbeitern aus ganz Europa sowie ausgewählten Reportern einen Einblick in die bislang geheimen Pläne. Schon im Advent werden die Kunden in zwei Saturn-Märkten in Ingolstadt und am Berliner Alexanderplatz in künstliche Welten abtauchen. Mit Hilfe einer Computerbrille können sich die Konsumenten mitten in eine neue Küche beamen, dürfen virtuell Backofen und Geschirrspülmaschine öffnen, die Farben wechseln und in die Schubladen spicken.

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Bewährt sich das Konzept, so wird es erweitert auf andere Wohnbereiche und in den 1000 Läden der zwei Marken vielleicht bald zum Standard gehören. „Wir probieren viel“, betont Martin Wild, der Chief Digital Officer der Gruppe. Nicht alle Versuche werden erfolgreich sein, meint der Manager: „Ein paar Ideen werden vielleicht wieder beendet.“ Ob die Roboter langfristig überleben, die demnächst die Kunden in den Filialen begrüßen sollen? Mannshoch oder klein wie ein Pudel, Media-Saturn erprobt derzeit verschiedene Maschinen. Die Humanoiden sollen die Kunden durch den Laden leiten, Fragen beantworten – oder einfach nur unterhalten.

Kommentare (2)

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Herr C. Falk

28.10.2015, 20:16 Uhr

Kurzer Kommentar zum nicht kommentierbaren Artikel "Zieht Sehofer alle CSU- Minister aus Berlin ab?"

Seehofer wird nichts anderes übrig bleiben, wenn Merkel stur bleibt und gedenkt eine "Frau ohne Obergrenzen" zu bleiben und eine Grenzsicherung weiterhin ablehnt.

Sergio Puntila

28.10.2015, 20:22 Uhr

Koch kriegt die Kurve:
Sie wollen Roboter?
Gerne, können Sie bei uns kaufen.
Humanoide Beratung gerne gegen Aufpreis.
Man möchte ihm die Daumen drücken, damit aus der dann ggf humanoiden Beratung nicht doch wieder unglücklich programmierte Roboterberatung wird.

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