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07.09.2014

14:57 Uhr

Medienbericht über Sanierungsplan

Jede dritte Karstadt-Filiale soll schließen

Das Sanierungskonzept für die Warenhauskette Karstadt sieht wohl auch die Schließung von Filialen vor. Offenbar könnte es bis zu 30 der insgesamt 83 Kaufhäuser treffen. Das würde Tausenden Mitarbeitern den Job kosten.

Karstadt-Filiale in Köln: Der Aufsichtsrat berät, wie viele der 83 Filialen von Karstadt zu halten sind. dpa

Karstadt-Filiale in Köln: Der Aufsichtsrat berät, wie viele der 83 Filialen von Karstadt zu halten sind.

EssenIm Zuge des neuen Sanierungskonzepts der angeschlagenen Warenhauskette Karstadt sind nach Informationen der „Bild am Sonntag“ bis zu 30 der 83 Warenhausfilialen von der Schließung bedroht. Diese schrieben nachhaltig rote Zahlen und hätten keine Perspektive mehr, berichtete das Blatt unter Berufung auf Insider. Betroffen seien etwa 3000 bis 4000 der insgesamt 17.000 Mitarbeiter. Wie die Zeitung weiter berichtete, will der neue Karstadt-Aufsichtsrat am Donnerstag erste Details dieser Sanierungspläne vorlegen. Eine endgültige Entscheidung über Schließungen werde es dann allerdings noch nicht geben. Geplant sei, „sozialverträglich mit allen Betroffenen zu verhandeln“, sagte ein Insider dem Blatt.

Nach Einschätzung von Aufsichtsratsmitglied Arno Peukes würde die Schließung mehrere hundert Millionen Euro kosten. „Zehn bis 15 Millionen Euro allein für Sozial- und fortlaufende Immobilienverträge“, sagte Peukes dem „Tagesspiegel“ laut Vorabbericht vom Sonntag. Das mache bei 20 bis 30 Häusern, die zur Disposition stehen, mindestens 300 Millionen Euro. „Dieses Geld steckt man besser in die Erhaltung der Standorte, statt Tausende Arbeitsplätze zu vernichten“, sagte Peukes, der als Leiter des Fachbereichs Einzelhandel bei der Gewerkschaft Verdi die Arbeitnehmerseite im Karstadt-Kontrollgremium vertritt. Umfangreiche Filialschließungen werde er deshalb nicht akzeptieren. „Wehrlos werden weder Verdi noch der Betriebsrat einen Kahlschlag hinnehmen.“

Karstadts Krisen-Chronik (Teil 1)

Keine Wende

Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

1. September 2009

Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird das Insolvenzverfahren eröffnet.

1. Dezember

Zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern sollen nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

15. März 2010

Beim Essener Amtsgericht wird ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu.

1. Juni

Von bundesweit 94 Kommunen haben bis auf drei alle einem Verzicht auf Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher.

7. Juni

Die vom Privatinvestor Nicolas Berggruen gesteuerte Berggruen Holding erhält vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen.

14. Juni

Eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten endet ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

26. August

Berggruen hat sich mit der Essener Valovis-Bank geeinigt. Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es.

2. September

Die Highstreet-Gläubiger stimmen den von Investor Berggruen geforderten Mietsenkungen zu.

30. September

Das Essener Amtsgericht hebt das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

Die Signa-Gruppe des österreichischen Investors René Benko hatte Karstadt im August vom bisherigen Besitzer Nicolas Berggruen übernommen. Die Kartellbehörden stimmten dem Kauf zum Preis von einem symbolischen Euro zu.

Anschließend hatte der neue Eigner eine Reihe von Vertrauten in den Aufsichtsrat des Essener Konzerns entsandt. Neu im Karstadt-Aufsichtsrat ist unter anderem Robert Leingruber, der bei Benkos Signa Holding für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Wenn das Gremium also über die Karstadt-Sanierung berät, sitzen Benkos Kontrolleure mit am Tisch.

Karstadts Krisen-Chronik

Lange Leidensgeschichte

Die Krisengeschichte der angeschlagenen Warenhauskette Karstadt ist lang, 2009 begann das Insolvenzverfahren. Eine Übersicht über sechs Jahre Überlebenskampf.

1. September 2009

Nach Jahren des Überlebenskampfes wird für die Karstadt Warenhaus GmbH das Insolvenzverfahren eröffnet.

7. Juni 2010

Die Berggruen Holding des Privatinvestors Nicolas Berggruen bekommt den Zuschlag zur Übernahme.

20. September 2010

Das Amtsgericht Essen hebt das Insolvenzverfahren auf. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro, die Belegschaft auf 150 Millionen Euro.

23. November 2010

Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt und beginnt Anfang Januar 2011.

6. Juli 2011

Jennings legt das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

16. Juli 2012

Karstadt kündigt die Streichung von 2000 Stellen an.

13. April 2013

Karstadt kündigt eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Die Belegschaft protestiert.

16. September 2013

75,1 Prozent der Premium-Kaufhäuser und der Sporthäuser gehen an den Karstadt-Vermieter Signa. Dafür sollen die Österreicher 300 Millionen Euro in die Modernisierung investieren.

7. Juli 2014

Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt, die dem Ende 2013 augeschiedenen Jennings folgte, verlässt das Unternehmen wieder. Sie sehe keine Basis mehr für die von ihr angestrebten Sanierung, sagt die Ex-Ikea-Managerin.

15. August 2014

Berggruen verkauft die Karstadt Warenhaus GmbH für einen Euro an den österreichischen Immobilieninvestor René Benko.

23. Oktober 2014

Die Warenhauskette kündigt tiefe Einschnitte an. Sechs Häuser sollen geschlossen werden.

22. Februar 2015

Nach monatelangen Verhandlungen zur Sanierung einigen sich Konzern und Betriebsrat. So wurden Altersteilzeit- und Vorruhestandsregelungen vereinbart. Rund 1400 Jobs sollen wegfallen.

2. April 2015

Dank sozialverträglicher Maßnahmen schrumpft die Zahl der Kündigungen auf 960. Außerdem zahlt Karstadt 2,5 Millionen Euro in einen Fonds für die Betroffenen.

10. April 2015

Teileinigung bei den Tarifverhandlungen: KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München kehren in die Tarifbindung zurück. Verhandlungen für die „normalen“ Karstadt-Warenhäuser und die Sporthäuser bleiben ohne Einigung.

12. Mai 2015

Weitere fünf Warenhäuser sollen geschlossen werden.

Investor Benko müsse rasch Klarheit über seine Pläne mit Karstadt schaffen und ein tragfähiges Konzept für die Zukunft der Kette vorlegen, hatte die Gewerkschaft Verdi immer wieder gefordert. Die Karstadt-Übernahme durch Benko hatte auch Spekulationen über eine Warenhausallianz mit der Metro-Tochter Kaufhof neu angefacht. Benko, dessen Signa Holding auch zahlreiche Karstadt-Immobilien besitzt, hatte sich in der Vergangenheit bereits vergeblich um eine Übernahme des Kaufhof bemüht.

Kommentare (1)

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Herr Wolfgang Trantow

08.09.2014, 09:02 Uhr

Das ist die Belohnung für die Mitarbeiter für, wegweisends für andere. Erst für Lohnsenkungen sein, Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld und dann Hartz IV erhalten mit sehr viel weniger Geld, da man ja auf sein Einkommen teilweise verzichtet hat. So sieht heute die Belohnung für Mitarbeiter aus. Manager erhalten dafür noch Bini und Einkommenssteigerungen in ungeahnter Höhe für ihr Versagen!

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