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16.01.2008

14:00 Uhr

Messebetreiber

Französische Messegesellschaften rollen den internationalen Markt auf

VonNorbert Stoeck

Schluss mit der deutschen Überlegenheit: Zwei französische Messen sind dabei, die gesamte deutsche Konkurrenz zu überholen. Denn sie haben erkannt, dass in Zukunft vor allem der Betrieb von Messegeländen Wachstumspotentiale birgt.

MÜNCHEN. Das Jahr 2007 war für die Messewirtschaft ein Jahr des Umbruchs. Zum einen meldete der internationale Messeverband Union des Foires Internationales (UFI) eine gigantische Steigerung der Hallenkapazitäten weltweit. Zum anderen gab es bedeutende Veränderungen in der Rangliste der Messen: Deutschlands Nummer eins Frankfurt rutschte weltweit vom zweiten auf den dritten Platz ab. Obwohl nicht auf den ersten Blick erkennbar, sind dies zwei Seiten der selben Medaille: Neue Geschäftsmodelle entwickeln sich zum Wachstumsbeschleuniger – Messegesellschaften werden zunehmend auch Betreiber von Messegeländen.

Genauer betrachtet, haben sich sogar zwei Messen vor die Frankfurter geschoben: Ausgerechnet zwei französische. Dies überrascht zunächst, denn der Messemarkt in unserem Nachbarland ist auch auf Grund seiner Fokussierung auf Paris insgesamt deutlich kleiner als der deutsche. Die neue weltweite Nummer Zwei (nach Reed Exhibitions) mit einem Umsatz von 560 Millionen Euro entsteht durch die Fusion der Messegeschäfte des Immobilienkonzerns Unibail-Rodamco sowie der Pariser Industrie- und Handelskammer (CCIP). Ebenso bemerkenswert ist der Aufstieg der Lyoner Messegesellschaft GL-Events. Noch 1998 lag deren Umsatz nur bei der Hälfte des Umsatzes der Messe Frankfurt. Auch die Messen Hannover, Düsseldorf, München und Köln wiesen damals höhere Umsätze auf. Heute erreicht GL-Events deutlich höhere Umsätze und ist dabei, Frankfurt zu überrunden. Auch die Erträge liegen deutlich über dem Durchschnitt deutscher Veranstalter.

Was hat GL-Events anders gemacht? Ursprünglich bot GL-Events Serviceleistungen für Veranstaltungen an. Mit diesem Know-how betrieben sie Messegelände, zunächst in Lyon, dann weltweit und inzwischen für ein gutes Dutzend Messe- und Kongressgelände, darunter Budapest, Barcelona, Rio de Janeiro und Shanghai. Schließlich hat GL-Events auch das Veranstaltungsgeschäft durch Übernahmen ausgebaut.

Damit schließt sich der Kreis zu den weltweiten Überkapazitäten im Messewesen. Denn viele Städte bauen Messegelände aus politischen Motiven heraus. Die Kapazitätsfrage berücksichtigt dabei oft nicht den realen Bedarf. Die Konsequenz: Schon heute bestehen weltweit beträchtliche Überkapazitäten, viele Messegelände stehen oft leer. Eine Lösung besteht darin, erfahrene Messegesellschaften mit dem Betrieb und der Vermarktung des Geländes zu beauftragen. GL-Events aber auch Reed haben es geschafft, aus diesem Defizit der Geländeeigentümer profitables Wachstum zu generieren.

Hier drängen sich Analogien zum Hotelmarkt auf. In diesem Markt gibt es auf der einen Seite Investoren, die etwas vom Immobilienmanagement verstehen. Auf der anderen Seite existieren Hotelgesellschaften, die über Spezialwissen in Vertrieb und Marketing sowie eine starke Marke verfügen, um Gäste anzusprechen und zu binden. In der Regel holen sich Investoren vor der Bauentscheidung eine möglichst erfahrene Hotelgesellschaft mit ins Boot.

Obwohl Betrieb und Vermarktung von Messegeländen zu den Kernkompetenzen deutscher Gesellschaften zählen, sind deutsche Messegesellschaften auf diesem Feld bisher kaum aktiv. Gerade hier können sie noch enorm zulegen und zwar nicht nur im Ausland. Auch im Inland ist der Bedarf groß, vor allem bei kleineren und schwach ausgelasteten Messegeländen. Es ist zu erwarten, dass die Bereitschaft der meist kommunalen Geländeeigentümer zunimmt, externe Spezialisten mit dem Betrieb oder der Vermarktung des Geländes zu beauftragen. Vor allem den führenden deutschen Messegesellschaften mit einem breiten Messeprogramm bieten sich Wachstumspotenziale.

Norbert Stoeck ist Manager bei Roland Berger Strategy Consultants.

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