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16.07.2011

13:12 Uhr

Metro-Chef Cordes

„Russland sollte seinen Markt nicht abschotten“

Russland bleibt für die deutsche Wirtschaft ein Wachstumsmarkt. Metro-Chef Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, verrät im Interview, welche Branchen besonders profitieren könnten.

Eckhard Cordes, Vorstandsvorsitzender der Metro Group, möchte den Handel mit Russland ausbauen. Quelle: dpa

Eckhard Cordes, Vorstandsvorsitzender der Metro Group, möchte den Handel mit Russland ausbauen.

BerlinWie sehen die Wachstumsperspektiven in Russland aus? 

Cordes: In diesem Jahr werden wir im deutsch-russischen Handel voraussichtlich einen neuen Rekord erzielen. Gleichzeitig stiegen allein in den ersten vier Monaten 2011 die deutschen Direktinvestitionen in Russland um 1,2 Milliarden Euro. Wenn Sie sich etwa vor Augen halten, dass Russland für unseren Handel immer noch eine geringere Bedeutung hat als die EU-Nachbarn Österreich und Belgien, wird das riesige, noch ungenutzte Potenzial deutlich. Um dieses zu erschließen, müssen wir auf beiden Seiten weiter an den Rahmenbedingungen arbeiten. 

Wie ist es um die Investitionsbedingungen bestellt? 

Die hohe Zahl deutscher Investoren zeigt, dass die Investitionsbedingungen in Russland besser sind, als es die internationalen Rankings widerspiegeln. Kritisch sehen wir das Thema „local content“. Dabei werden Investoren dazu gezwungen, immer höhere Stückzahlen in Russland zu produzieren und immer stärker auf lokale Zulieferer zu setzen. Andernfalls werden sie mit hohen Einfuhrzöllen konfrontiert. Russland sollte seinen Markt nicht abschotten, sondern öffnen, seine Staatskonzerne privatisieren, den Mittelstand fördern und so einen stärkeren Wettbewerb im Land ermöglichen. 

Was die deutsch-russischen Beziehungen bewegt

Russland, Deutschland und die Energie

Russland besitzt die größten Erdgas-Reserven der Welt und liegt bei den Erdöl-Reserven auf Platz sieben. Für Deutschland ist Russland der wichtigste Partner im Energiegeschäft. Die Bundesrepublik bezieht mehr als 40 Prozent ihrer Gas-Einfuhren und rund ein Drittel der Rohöl-Importe aus Russland. Nach den Beschlüssen zur Energiewende ist wahrscheinlich, dass Deutschland demnächst noch stärker auf Gas zur Stromerzeugung setzen wird. Das spricht für einen Ausbau dieses Geschäfts mit Russland. Russland selbst ist aber auch an der Diversifizierung seiner Energielieferungen interessiert und schaut stärker nach Fernost. Angesichts des wachsenden internationalen Wettbewerbs um Rohstoffe, vor allem mit China und um Energie, will Europa seine Verbindungen zu Russland dauerhaft im Rahmen einer strategischen Partnerschaft absichern.

Bilaterale Exporte

Als Zielland für deutsche Exporte lag Russland im vergangenen Jahr auf Rang 13, als Herkunftsland für Importe auf Rang zehn. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte rund 58 Milliarden Euro - das reichte, anders als etwa für Polen, nicht ganz für die Top 10 der wichtigsten deutschen Handelspartner. Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen wurden kurzzeitig durch die Wirtschafts- und Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen. 2009 ging der Wert der deutschen Exporte nach Russland um 36 Prozent zurück, der Wert der Importe sackte um 30 Prozent ab. Inzwischen hat sich die Situation umgekehrt. Einfuhren und Ausfuhren wuchsen 2010 jeweils um mehr als ein Viertel. Das Gros der deutschen Einfuhren sind Energieträger - also Öl und Gas. Bei den Exporten dominieren Maschinen, Autos, Chemieprodukte. Mehr als 6000 deutsche Unternehmen sind in Russland aktiv. Sie haben dort fast 17 Milliarden Euro investiert. Deutschland liegt damit auf Rang vier in Russland. Wichtigstes bilaterales Investitionsvorhaben ist die Gas-Pipeline Nord Stream, die Ostsee-Pipeline.

Politische Reformen

Experten, aber auch die russische Regierung selbst, sehen in dem Riesenreich großen Reformdruck. Die durchgreifende Erneuerung der Wirtschaftsstruktur und weniger Rohstoffabhängigkeit - das hat sich die Regierung selbst auf die Fahnen geschrieben. Über Rückständigkeit und Korruption klagt selbst Präsident Dmitri Medwedew. Er hat zudem das Ziel einer wirtschaftlichen Öffnung Russlands ausgegeben - das Land strebt den Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO an. Mehr Privatisierungen und mehr Energieeffizienz stehen ganz oben auf der russischen Prioritätenliste. Deutsche Firmen in Russland wünschen sich vor allem einen Abbau von Bürokratie und

Korruption, eine Beschleunigung von Zollverfahren und mehr Mittelstandsförderung. Auch beim Aufbau eines funktionierenden Rechtssystems wird immer noch Handlungsbedarf gesehen.

Modernisierung der Wirtschaft

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft bietet Russland eine Modernisierungspartnerschaft an. Zur Förderung des Transfers von Forschung und Technologie müssten internationale Sicherheits- und Umweltstandards umgesetzt werden. Entschieden plädiert die deutsche Wirtschaft für eine Abschaffung der gegenseitigen Visa-Pflicht zwischen EU und Russland sowie für Reformen der strikten Registrierungsbestimmungen in Russland. Protektionistische Tendenzen wie die Anhebung der Zölle auf bestimmte Güter stoßen auf heftige Kritik. Der Ost-Ausschuss begrüßt das wachsende Interesse russischer Firmen am deutschen Markt: „Wenn wir von strategischer Partnerschaft sprechen, sollte es bei Handel und Investitionen keine Einbahnstraße geben.“

In welchen Bereichen gibt es große Potenziale für die deutsche Wirtschaft, gibt es sogenannte Leuchtturmprojekte? 

Der Modernisierungsbedarf in Russland ist auf nahezu allen Gebieten groß. Allein in die Modernisierung der Gesundheitswirtschaft will die russische Regierung in den nächsten Jahren 15 Milliarden Dollar investieren. Mit dem Modell „Energieeffiziente Stadt Jekaterinburg“ gibt es ein Leuchtturmprojekt im wichtigen Bereich Energieeffizienz, von dem wir uns eine Ausstrahlung auf ganz Russland erhoffen. Mit der deutsch-russischen Energieagentur Rudea, die Energiesparprojekte vorantreibt, sind wir bereits gut aufgestellt. Große gemeinsame Projekte sollte es zudem bei der Vorbereitung der Fußball-WM 2018 in Russland geben. Bis dahin sollte das Thema Visa-Pflicht zwischen Russland und der EU der Vergangenheit angehören. Hier wünschen wir uns eine stärkere Initiative von deutscher Seite. 

Muss Russland sich auch in strategischen Bereichen wie Gas, Energie stärker für Auslandsinvestoren öffnen? 

Gerade im Rohstoffbereich gibt es bereits seit einiger Zeit eine starke Bewegung hin zu mehr Kooperation, denn die finanziellen und technischen Anforderungen zur Förderung von Rohstoffen unter extremen klimatischen Bedingungen sind enorm. Deutsche Firmen wie E.ON oder BASF sind bei der Gasförderung seit vielen Jahren erfolgreich in Russland unterwegs. Wir würden uns freuen, wenn sich derartige Partnerschaften intensivieren ließen und auch andere Bereiche berühren könnten. Ich denke hier insbesondere an strategisch wichtige Metalle wie die Seltenen Erden. Das Modell der Rohstoffpartnerschaft, das wir gerade für Kasachstan realisieren, lässt sich auch auf Russland übertragen. Wir sind dazu in Gesprächen mit dem Deutsch-Russischen Rohstoffforum, das derartige Projekte vorantreiben könnte. 

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