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19.11.2016

13:28 Uhr

Milford, Teekanne und Co.

Aus der Teekiste in die Tasse

Ob Schwarz-, Grün- oder Früchtetee, das Heißgetränk ist nicht nur bei Ostfriesen und Briten beliebt. Dabei sind die Geschmäcker verschieden. Die einen kaufen Beutel, die anderen bevorzugen losen Tee. Was ist besser?

Wasser kochen, aufgießen, ziehen lassen und trinken. Tee wird in Deutschland immer beliebter. Zahlreiche Varianten und Kreationen sorgen für genug Vielfalt auf dem Teemarkt. dpa

Teebeutel

Wasser kochen, aufgießen, ziehen lassen und trinken. Tee wird in Deutschland immer beliebter. Zahlreiche Varianten und Kreationen sorgen für genug Vielfalt auf dem Teemarkt.

BuchholzVon außen ist es nur eine nüchterne Fabrikhalle, doch gleich hinter der Tür erwartet den Besucher ein sanfter Duft. Drei alte Teekisten im Eingangsbereich verraten, was hier produziert wird. Das Werk gehört zur Laurens Spethmann Holding (LSH), hier bei Milford in Buchholz sind sie auf sogenannte Doppelkammer-Teebeutel spezialisiert.
„Das Herz ist der Abpackbetrieb“, sagt Werksleiter Michael Leuer. 400 Teebeutel in der Minute füllt jede der 43 Maschinen in der Halle. Das ergibt bis zu 18 Millionen Beutel am Tag, rund 3,4 Milliarden im Jahr. Unter dem Dach der LSH hat die Ostfriesische Tee Gesellschaft (OTG) mit Sitz im niedersächsischen Seevetal ihre Marken Meßmer, Milford und OnnO Behrends vereint, zusammen machten sie 2015 einen Umsatz von 250 Millionen. Die LSH erlöste im vergangenen Jahr 468 Millionen Euro, das Familienunternehmen wird in vierter Generation von den Brüdern Jochen Spethmann als Vorstandsvorsitzendem und Michael Spethmann an der Spitze des Aufsichtsrates geführt.

Fakten zum Tee und Teekonsum

Teestadt Hamburg

Der größte Teeimporthafen Europas ist Hamburg, auch der Deutsche Teeverband und der europäische Dachverband THIE haben dort ihren Sitz.

Tonnenweise Tee

Mehr als 57 000 Tonnen wurden aus 61 Regionen importiert und veredelt. Nach Angaben des Deutschen Teeverbands wurden 19 376 Tonnen im Inland verbraucht sowie mehr als 25 000 Tonnen wieder in 110 Länder exportiert. Abnehmer waren vor allem Frankreich, Polen und die Niederlande. Außerhalb der EU sind die USA wichtigster Markt. Knapp 12 700 Tonnen dienten der Vorratshaltung.

Die Teepflanze braucht Sonne

Die Teepflanze gedeiht laut Teeverband in subtropischen und tropischen Gebieten bei Temperaturen von 18 bis 32 Grad Celsius. Sie braucht täglich mindestens vier Stunden Sonne. Voraussetzung sind auch gleichmäßig über das Jahr verteilte Niederschläge von mindestens 1600 Millimetern pro Quadratmeter. Für ein Kilo Tee sind etwa vier Kilogramm frische Blätter nötig.

Tee-Weltmeister

300 Liter Tee trinkt jeder Ostfriese durchschnittlich pro Jahr - damit sind die Norddeutschen Tee-Weltmeister.

Tee richtig trinken

Der Teegenuss beginnt in Ostfriesland traditionell mit dem „Kluntje“, dem Kandiszucker, der zuerst in die Tasse gegeben wird. Dann wird der frisch aufgebrühte Tee darüber gegossen. Darauf kommt eine „Wulkje“ genannte Wolke aus Sahne, die mit einem Löffel eingefüllt wird. Wer anschließend umrührt, hat sich als ahnungsloser Zugereister geoutet. Die Einheimischen genießen zuerst die kühle Sahne, dann den herben Teegeschmack der Ostfriesenmischung und zuletzt den süßen Bodensatz.

Teeverbrauch nach Ländern

Bei den Ländern führt nach Angaben des Deutschen Teeverbands die Türkei. Dort waren es - im Mittel der Jahre 2012 bis 2014 - pro Person 283 Liter, gefolgt von Afghanistan mit 279 Litern und Libyen mit 275 Litern. Im Tee-Land Großbritannien wurden im Durchschnitt 201 Liter konsumiert. Deutschland als Ganzes ist dabei weit abgeschlagen: Hierzulande lag der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch gerade einmal bei 28 Litern, drei Liter mehr als noch zehn Jahre zuvor. Die Zahlen beziehen sich auf die Klassiker Schwarz- und Grüntee, nicht auf Kräuter- und Früchtetees.

Loser Tee ist beliebter

Bei den 28 Litern Tee pro Kopf in Deutschland entfallen 60 Prozent auf losen Tee und 40 Prozent auf die bequemen Teebeutel. Die Aufgüsse von Kräutern, Früchten und Gewürzen gelten lebensmittelrechtlich als „teeähnliche Erzeugnisse“.

Teeähnliche Erzeugnisse

Rund 40 Liter trank jeder Mensch in Deutschland davon 2015 im Durchschnitt nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Kräuter- und Früchtetee. In diesem Bereich machen Beutel rund 90 Prozent aus. Von den mehr als 39 000 Tonnen Kräuter- und Früchtetee entfiel gut die Hälfte auf die Sorten Pfefferminze, Fenchel, Kamille, Hagebutte und Rotbusch.

Tee-Kreationen

Zunehmend seien auch außergewöhnliche Tee-Kreationen beliebt, heißt es beim Teeverband. Im Trend liegen aktuell Kreationen mit Kuchengeschmack wie „Blue Berry Muffin“ oder „Strawberry Cheesecake“. Auch Tees etwa aus Thailand, Malaysia oder Korea seien im Kommen. Wichtigste Herkunftsländer blieben aber auch 2015 China und Indien. Weltweit wurden im vergangenen Jahr mehr als 5,2 Millionen Tonnen produziert.

Die LSH produziert in ihren Werken mehr als zehn Milliarden Teebeutel im Jahr - OTG und Teekanne sind hierzulande Marktführer. Teekanne ist ebenfalls in Familienbesitz, die Gruppe produziert nach eigenen Angaben jährlich zwölf Milliarden Teebeutel. Bei Handelsmarken hat die OTG die Nase vorn, auch manch Beutel aus Buchholz ist für die großen Discounter bestimmt. Weltmarktführer ist das zum Unilever-Konzern gehörende Unternehmen Lipton.
In Buchholz schießen Filterpapier, Etiketten und die Umbeutel genannten Verpackungen von dicken Rollen in die Maschine, in der hinter einer Plexiglashaube alles zusammengeführt wird. Der Tee kommt in Rohren von oben, eine gewaltige Spule liefert den Faden aus Wolle. In einem großen Rad mit zwölf Fächern wird nun aus allem eins: der fertige Teebeutel, meist sind zwei Gramm Tee darin. Blitzschnell wird dabei das Filterpapier befüllt, ein Schlauch gebildet und zum Doppelkammerbeutel gefaltet. Zwei Nadeln verbinden dann gleichzeitig Etikett und Beutel mit dem Faden - fertig ist der Beutel.

„Wir waren die ersten, die statt der Klammer einen Knoten für den Faden entwickelt haben“, sagt Werksleiter Leuer. Die Umrüstung habe 80 Millionen Euro gekostet. „Dadurch sparen wir 50 Tonnen Aluminium im Jahr“, erklärt er. „Das Filterpapier ist aus der Bananenstaude.“ Papier und Beutel samt Inhalt seien so zu 100 Prozent kompostierbar. Bis 2020 soll der gesamte Tee aus nachhaltigem Anbau kommen.

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Im Winter schnellt der Tee-Absatz in die Höhe. Das liegt am Wetter, an guten Vorsätzen und guter Werbung. Bei allem Lifestyle haben die Hersteller aber die deutsche Vorliebe für „Hagebutte“ nicht verändern können.

Die OTG produziert zu 90 Prozent Beutel, der Rest ist loser Tee. Was nun ist der bessere Tee? „Das hängt einzig allein vom Blattgrad ab, aber die Qualität ist ein und dieselbe“, sagt Leuer. Der Blattgrad ist die Größe. Außer dem ganzen Blatt gibt es auch Broken, den kleineren Fannings und den ganz feinen Dust - hier bei Milford wird Fannings verwendet. „Im Teebeutel lösen sich die Aromen nur schneller, weil die Oberfläche größer ist“, erklärt Leuer, darum auch die Doppelkammer. „So wird der Geschmack optimal abgegeben“, sagt er.

„In Beuteln befinden sich die gleichen Teeblätter wie in lose angebotenen Tees - sie sind nur kleiner“, bestätigt Maximilian Wittig vom Deutschen Teeverband und der Wirtschaftsvereinigung Kräuter- und Früchtetee. Qualitativ beständen keine Unterschiede, sagt auch er.
Wie eine nicht endenwollende Spielzeugeisenbahn fahren bunt gemischt die gefüllten Pappschachteln auf schmalen Bändern durch die Halle. Darjeeling, Kräuter pur und Grüner Tee Vanille gleiten vorbei, auf einem anderen Band sind es Mangostan-Maracuja, Sanddorn-Erdbeere und Früchtemischung. „Am Ende wird mit Laser sortiert“, sagt Leuer. Ein Luftstoß sorgt dafür, dass die Boxen den richtigen Karton ansteuern.

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