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06.01.2011

12:38 Uhr

Milliardenmarkt

Arme Schweine, reiche Haustiere

VonMarcus Rohwetter
Quelle:Zeit Online

Ob Designerkleidung oder Massage: Für Hunde gibt es heute alles vom Designersofa bis zur Sonnenbrille. Sogar die Bio-Welle hat die Branche bereits erreicht. Das lukrative Milliardengeschäft mit der Tierliebe.

Ein Shih Tzu mit Sonnenbrille: Das Geschäft mit der Tierliebe ist krisensicher. dpa

Ein Shih Tzu mit Sonnenbrille: Das Geschäft mit der Tierliebe ist krisensicher.

Als das Museum einen Napf bei ihr bestellte, hatte es Friederike de Jong von Knebel geschafft: Den Deutschen war ihr bester Freund nicht mehr nur lieb, sondern auch teuer geworden. Und dafür stand nun ihre Firma - die Koko von Knebel Handelsgesellschaft, luxuriöse Accessoires für den Hund. »Blingmania Platinum«, so heißt der Fressnapf aus weißem Porzellan mit Platinwappen auf dem Boden, tourt seither mit der Wanderausstellung Die Sprache des Geldes durch die Republik. Von März an ist er in Nürnberg zu sehen, aber schon jetzt lässt sich der Nobelnapf auch kaufen: Ladenpreis ab 699 Euro.

Friederike de Jong von Knebel leidet keineswegs an einer bizarren Form von Tierliebe. Die 38-Jährige ist eine clevere Geschäftsfrau, die mit Immobilienverwaltung ihr erstes Vermögen verdiente und mit Hundezubehör ihr zweites. Bei der Fernseh-Castingshow Top Dog - Deutschland sucht den Superhund saß sie in der Jury und machte sich auf diese Weise einen Namen in der Szene. Heute lenkt sie von ihrem Kieler Büro aus gleich mehrere Boutiquen mit gut zwei Dutzend Angestellten. »Ein Hund bleibt zwar ein Tier, aber er gehört auch zur Familie«, sagt von Knebel, während ihr schwarzhaariger Yorkshireterrier Max einen befreundeten Mops durchs Zimmer scheucht. Und eigentlich erklärt dieser eine Satz auch schon ihr ganzes Geschäftsmodell: Hunde leben heute mit den Menschen im Wohnzimmer. Doch ein gammeliges Weidenkörbchen sieht einfach schlecht aus neben dem schwarzen Designersofa. Warum sollte, wer Zehntausende Euro in eine Kücheneinrichtung investiert, seinen Hund aus einer alten Plastikschüssel fressen lassen?

Max schießt auf der Mopsjagd unter den Tisch. Von Knebel kriegt ihn zu fassen, hebt ihn hoch und blickt ihm streng in die Augen. Am Hals des Tiers, das man vorübergehend im Stand-by-Modus betrachten kann, funkeln Swarovski-Kristalle. Schmuck gibt es ebenso in den Von-Knebel-Boutiquen wie Spielzeug, Futter und Winterbekleidung. »Ein tobender Hund auf dem Land braucht natürlich kein Mäntelchen«, sagt die Chefin, »aber ein kleiner Stadthund, der an der Leine spazieren geht, schon.« Genau dort, in den Revieren bessergestellter Stadthunde, hat sie ihre Boutiquen eröffnet: Düsseldorf, an der Königsallee. München, Nähe Staatsoper. Auf Sylt. Im Berliner KaDeWe. Am Hamburger Gänsemarkt, nicht weit von Ralph Lauren. Leicht zu übersehen, dass hier keine Zwei-, sondern Vierbeiner ausgestattet werden: weiße Regale auf Holzfußboden, Kristallleuchter an der Decke, ein Hauch von Espresso in der Luft. »Die Ladenmiete in solchen Toplagen ist zwar sehr hoch«, sagt von Knebel, »aber es rechnet sich trotzdem.«

Sogar Amazon führt neuerdings Haustierbedarf

Es ist gar nicht mal allzu lange her, da schmunzelten die Menschen, als der Münchner Mode-Exzentriker Rudolph Moshammer mit seiner Daisy auf dem Arm erstmals Hundekosmetik anpries. Da lachte man vor dem Fernseher, wenn Frauchen im Werbeblock die Cesar-Bröckchen für ihren West-Highland-Terrier auf einem Porzellanteller anrichtete - mit etwas Petersilie garniert.

Heute lacht niemand mehr. Keine Innenstadt ohne Hundeboutique, kein Gewerbegebiet ohne Fressnapf-Megamarkt. Sogar Amazon führt neuerdings Haustierbedarf.

Längst ist der Hund zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden, die Tierliebe ein Riesengeschäft, krisensicher und umsatzstark. Zwar besitzen die Deutschen im internationalen Vergleich nur sehr wenige Haustiere, allerdings geben sie überdurchschnittlich viel für sie aus. Innerhalb Europas sind bloß Briten und Schweden spendabler. In Geld gemessen, kostet ein durchschnittliches Hundeleben hierzulande 12 000 bis 20 000 Euro, alles für Futter, Spielzeug, Halsbänder, Versicherungsbeiträge, Hundeschulen, Medikamente, Tierarzt- und Friseurbesuche. Fünf Milliarden Euro kämen so alljährlich zusammen, hat eine Studie der Universität Göttingen ergeben. Das Geld sichert rund 100 000 Arbeitsplätze und hält eine ganze Industrie am Leben. Wäre die Deutsche Wauwau AG ein Unternehmen, sie würde doppelt so viel Umsatz machen wie die Lifestyle-Firma Puma, dreimal mehr als Hugo Boss und fünfmal so viel wie der Brillenkonzern Fielmann.

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