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02.04.2013

06:29 Uhr

Millionenindustrie

Der Kampf um den Altkleiderschatz

VonMoritz Schröder , Jeannette Cwienk

Früher beschränkte sich der Altkleidermarkt auf Sammelcontainer und Kleiderkammern. Mittlerweile füttert die Secondhand-Ware ein Millionengeschäft - von dem nun auch klamme Kommunen und Modehändler profitieren wollen.

Wer bei H&M einkauft, bekommt einen Rabatt, wenn er seine Altkleider mitbringt. dapd

Wer bei H&M einkauft, bekommt einen Rabatt, wenn er seine Altkleider mitbringt.

KölnFeinste Sensoren, tonnenschwere Bohrgestänge, jahrelange Exploration: Die Suche nach Rohstoffen ist meist ein mühsames Geschäft. Auch die Altkleiderindustrie giert nach neuen Quellen für ihre Textilien – mit dem Unterschied, dass die Rohstoffe hier fast von selbst kommen, über Container, Straßensammlungen und Kleiderkammern. Nun hat die Branche einen neuen Explorationscoup gelandet: Große Modehändler heben für sie textile Schätze.

Für öffentliches Aufsehen sorgte zuletzt der Einstieg des schwedischen Konzerns Hennes & Mauritz (H&M) in das Geschäft. Seit Februar sammelt das Unternehmen in vielen Filialen Abgetragenes. „Wir möchten unsere Kunden sensibilisieren, dass alte Kleidung kein Müll, sondern etwas Werthaltiges ist“, schreibt das Unternehmen auf Anfrage.

Die Mythen des Altkleidermarktes

Altkleider kommen Obdachlosen zu Gute

Das stimmt nur zu einem kleinen Teil. Laut Fairwertung, dem Dachverband der gemeinnützigen Sammler, erhalten Bedürftige in Deutschland weniger als zehn Prozent der insgesamt gesammelten Menge von rund 750.000 Tonnen pro Jahr. Das liegt nicht an mangelndem Altkleiderangebot: Vielmehr ist der Altkleiderschatz in deutschen Schränken so groß, dass das meiste übrig bleibt, um es auf Märkte im Ausland zu verkaufen.

Altkleiderexporte schaden Entwicklungsländern

Immer wieder kommt Kritik auf, Exporte billiger Altkleider würden die lokale Industrien vor allem in afrikanischen Ländern zerstören und damit die wirtschaftliche Lage dieser Ländern noch verschärfen. Dies ist schwer zu überprüfen. Doch zumindest nach Ansicht von karitativen Sammelorganisationen ist diese Kritik mittlerweile überholt. Demnach stand die Textilwirtschaft in Ländern wie Tansania schon durch schwierige Produktionsbedingungen vor Ort - darunter häufige Stromausfälle - unter Druck. Hinzu kam die Streichung staatlicher Subventionen an die Textilbetriebe. Heute üben zudem vor allem Billigimporte aus Asien einen Preisdruck in Afrika aus. Zudem ist durch die Secondhand-Märkte eine neue Kleinindustrie vor Ort enstanden. Zum Beispiel wird die europäische Kleidung dort von Schneidern auf lokale Maße umgearbeitet.

Sammlungen auf der Straße sind unseriös

Hierbei sollte man genau darauf achten, wie transparent die Sammler über sich und den Verwendungszweck der Altkleider informieren. Illegale Sammler verteilen oft Zettel in Briefkästen, auf denen keine Kontaktmöglichkeit angegeben ist, oder die Telefonnummern enthalten, die nicht erreichbar sind. Wer sicher gehen will, dass die Sammlung für karitative Zwecke genutzt wird, der sollte Kleidung in einer lokalen Kleiderkammer oder einem Sozialkaufhaus abgeben. Auch die Container von Organisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz kommen infrage. Verbraucher sollten darauf achten, dass der Sammler Mitglied des Dachverbands "Fairwertung" ist, der Standards für die gemeinnützigen Altkleidersammler entwickelt hat.

Der Bekleidungsriese füttert damit eine Millionenindustrie. Partner der Aktion ist die I:Collect AG, die die Textilien aus den grünweißen Sammelboxen bei H&M in ihre Sortieranlagen schickt. Neben H&M arbeiten auch andere große Händler mit I:Collect zusammen, darunter C&A, Esprit, Puma und sogar die Discounter-Kette Lidl.

Spätestens an dieser Stelle wird aus einer schönen Nachhaltigkeitsaktion der Modeindustrie ein lukratives Geschäft. I:Collect ist Tochter des Altkleidergiganten Soex. Ende der 70er Jahre im westfälischen Erwitte gegründet, ist Soex mittlerweile der größte Alttextilienhändler Europas. Umsatzziel für das vergangene Jahr: 200 Millionen Euro. Im Jahr davor waren es laut dem Brancheninformationsdienst Euwid noch 81,9 Millionen.

Wege zum sauberen Textilimport

Direkteinkauf

Textilriesen kaufen Kleidung meist über Importeure. Die Dienstleister im Dunkeln knabbern zwar an den Margen – ihnen können sie aber bei Skandalen die Verantwortung aufladen. Wer das vermeiden will, muss die Lieferkette in Eigenregie kontrollieren.

Mehr Transparenz

Lieferanten in Ländern wie Bangladesch wickeln ihre Bestellungen oft über Partnerfirmen ab, die in bedeutend schlechterem Zustand sind als die Vorzeigefabriken. Wer seine Verantwortung ernst nimmt, muss in diese Subfabriken Kontrolleure schicken und Kunden deren Namen nennen können.

Lokale Präsenz

Echten Einblick in die Arbeitsbedingungen bekommen nur eigene Mitarbeiter der Modeunternehmen, die ständig vor Ort sind. Jedes Label sollte daher ein Team aus entsandten und lokalen Einkäufern, Beratern und Kontrolleuren im Lieferland aufbauen.

Beratung für Lieferanten

Der Glücksfall ist die Arbeit mit Lieferanten, die ihren Hauptkunden als Partner verstehen – und sich mit dessen Hilfe weiterentwickeln wollen. Das erfordert Vertrauen auf beiden Seiten und viel Zeit. Hilft ein Modekonzern seinen Lieferanten, die Produktivität zu verbessern, steigt auch dessen Bereitschaft zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Lobbying vor Ort

Labels wie H&M, C&A, Kik oder Tommy Hilfiger importieren solche Mengen aus Bangladesch, dass sie über gewaltigen Einfluss verfügen – theoretisch. Praktisch arbeitet jeder für sich, statt gemeinsam am runden Tisch mit der Regierung nach besseren Gesetzen zu verlangen. Auch politischer Druck ist rar, obwohl gerade Deutschland in Entwicklungsländern viel Respekt genießt.

Seit die Branche in den Jahren 2004 und 2005 in einer Absatzkrise steckte, wächst der Markt wieder kräftig – und mit ihm die Altkleiderpreise. Sie stiegen allein in den vergangenen drei Jahren laut Schätzungen von Fairwertung, dem Dachverband der gemeinnützigen Sammler, um knapp ein Drittel. Derzeit erhalten die Händler demnach rund 300 bis 400 Euro pro Tonne – unsortiert. Weniger als die Hälfte davon ist für den Altkleidermarkt geeignet. Der Rest wird zu Putzlappen oder Isoliermaterial verarbeitet oder landet in der Müllverbrennung.

Den Großteil ihrer Top-Ware verkaufen Händler wie Soex an Märkte in Osteuropa, die B-Ware geht an Importeure in Afrika oder in arabischen Ländern. Die dortige Nachfrage wächst seit einigen Jahren rapide. Doch auch in Deutschland vermelden die Kleiderkammern steigenden Bedarf.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

02.04.2013, 07:22 Uhr

Da ich für meine Altkleider (noch) nichts bekomme, ist es mir am Liebsten, die Kommunen bekommen das geld. Schließlich werden damit direkt Dinge finanziert, die mir zugute kommen.
Bei irgendeinem Konzern, der möglicherweise noch Finanzverbrecher bedient, ist das nicht gegeben!

Account gelöscht!

02.04.2013, 08:17 Uhr

Ganz davon ab, dass ich kein exsessiver Klamottenshopper bin sondern nur kaufe, was ich brauche, schmeiß ich meine Klamotten gnadenlos weg. Unsere zu wohltätigen Zwecken abgegebene Kleidung zerstört in der dritten Welt jede Form von Bekleidungsindustrie. Der Höhepunkt war bei einem Urlaub in Afrika unser Führer, der mit einem Lachen im Gesicht auf dem Markt auf alte Schuhe und T-Shirts zeigte und meinte "Ihr schmeißt es weg, wir verkaufen es..." Ich bin vor Scham fast im Boden versunken. Lieber sollte man seine Sachen direkt dem Penner auf der Straße, der Tafel oder einem Kloster in der Nähe geben. Da kommt es wenigstens direkt an.

diesseits125

02.04.2013, 11:03 Uhr

Nach dem Kreislaufwirtschaftgesetz kann die Kommune H+M, C+A, DRK nd allen anderen die Sammlung untersagen. Und dies tuen Kommunen immer häufiger, d.h. sie dürfen Klamotten kaufen und tragen, aber dann müssen sie es der Kommune schenken, damit diese Flughäfen, Elbphilharmonien, Museen etc. bauen kann.
Im Ernst: am Berliner Flughafen haben die ach so tollen Kommunen mhr Geld verbrannt, als duch Altkleidersammlungen in 10 Jahren verdient werden können. Und Kommunen tun mit dem erpressten Kleidern übrigens nichts anderes als DRK, H+M und alle anderen.

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