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28.11.2013

15:01 Uhr

Milupa gegen Hipp

Der Zoff um Galactooligosaccharid und Lactobacillus fermentum hereditum

VonCarina Kontio

„Mit natürlichen Milchsäurekulturen“ und „zur Unterstützung der Darmflora“ - damit beschäftigt sich heute der Bundesgerichtshof. Es streiten sich Milupa und Hipp – über eine EU-Verordnung, die skurrile Blüten treibt.

Die Angaben auf Babynahrung beschäftigen den Bundesgerichtshof (BGH). mauritius images

Die Angaben auf Babynahrung beschäftigen den Bundesgerichtshof (BGH).

Düsseldorf„Praebiotik® + Probiotik®“, „mit natürlichen Milchsäurekulturen“ und „zur Unterstützung der Darmflora“. Mit dieser Bezeichnung versieht der Babynahrungshersteller Hipp die Verpackung seiner Milchprodukte. In ihnen kreisen und drehen sich die beiden mysteriös klingenden Bakterien Galactooligosaccharide und Lactobacillus fermentum hereditum.

Klingt doch alles total gesund, oder? Und welche Mutter will schließlich nicht das Beste für ihr Kind? Doch das hat dem Rivalen Milupa aus dem Hause Danone überhaupt nicht gefallen. Er schickte seine Anwälte los und reichte Klage gegen Hipp ein. Das Ziel: Hipp soll den Hinweis nicht mehr benutzen dürfen. Denn, so heißt es in der Anklageschrift, die Bezeichnung sei überhaupt nicht nicht mit der europäischen „Health-Claim-Verordnung“ vereinbar. Milupa soll sogar geprüft haben, ob es eine Schadenersatzpflicht gibt. Diese Klage hatte das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt am Main zunächst abgewiesen.

Die Bezeichnung suggeriere noch keine gesundheitliche Wirkung und stelle als bloße Beschaffenheits- und Inhaltsstoffangabe keinen Verstoß gegen die Verordnung dar. Zwar sei die Formulierung „Praebiotik® zur Unterstützung der Darmflora“ eine gesundheitsbezogene Angabe. Sie dürfe aber nach der Übergangsregelung der Verordnung von Hipp noch verwendet werden. Inzwischen liegen die Akten beim Bundesgerichtshof (BGH) auf dem Tisch. Wann die Richter ihr Urteil verkünden, ist noch nicht bekannt.

Diese Werbeslogans sind erlaubt

Aktivkohle

„Aktivkohle trägt zur Verringerung übermäßiger Blähungen nach dem Essen bei“. Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, die 1 g Aktivkohle je angegebene Portion enthalten. Damit die Angabe zu lässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unterrichten, dass sich die positive Wirkung einstellt, wenn je 1 g mindestens 30 Minuten vor bzw. kurz nach der Mahlzeit aufgenommen werden.

(Quelle: EU-Verordnung)

Calcium

„Calcium trägt zu einer normalen Blutgerinnung bei“, „Calcium trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei“, „Calcium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei“, „Calcium wird für die Erhaltung normaler Knochen benötigt“: Es gibt etliche Formulierungen die erlaubt sind, wenn in einem Lebensmittel Calcium enthalten ist.

Chitosan

„Chitosan trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels im Blut bei.“ Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, deren Verzehr eine tägliche Aufnahme von 3 g Chitosan gewährleistet. Damit die Angabe zulässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unterrichten, dass sich die positive Wirkung bei einer täglichen Aufnahme von 3 g einstellt.

Eisen

„Eisen trägt zu einer normalen kognitiven Funktion bei“, „Eisen trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei“, „Eisen trägt zu einem normalen Sauerstofftransport im Körper bei“, „Eisen trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei“ - die Liste an erlaubten Slogans zum Thema Eisen ist lang. Die komplette Übersicht finden Sie in der EU-Verordnung.

Guarkernmehl

„Guarkernmehl trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels im Blut bei.“ Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, deren Verzehr eine tägliche Aufnahme von 10 g Guarkernmehl gewährleistet. Damit die Angabe zulässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unterrichten, dass sich die positive Wirkung bei einer täglichen Aufnahme von 10 g Guarkernmehl einstellt.

Jod

„Jod trägt zu einer normalen kognitiven Funktion bei“, „Jod trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei“, „Jod trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei“, „Jod trägt zur Erhaltung normaler Haut bei“, „Jod trägt zu einer normalen Produktion von Schilddrüsenhormonen und zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei“. Mehr Beispiele in der kompletten Verordnung.

Kalium

„Kalium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei“, „Kalium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei“, „Kalium trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Blutdrucks bei“. Mehr Beispiele in der kompletten Verordnung.

Kreatin

„Kreatin erhöht die körperliche Leistung bei Schnellkrafttraining im Rahmen kurzzeitiger intensiver körperlicher Betätigung“. Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, deren Verzehr eine tägliche Aufnahme von 3 g Kreatin gewährleistet. Da mit die Angabe zulässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unter richten, dass sich die positive Wirkung bei einer täglichen Aufnahme von 3 g Kreatin einstellt.

Lebende Joghurtkulturen

„Die Verdauung der im Produkt enthaltenen Lactose wird durch Lebendkulturen in Joghurt oder fermentierter Milch bei Personen, die Probleme mit der Lactoseverdauung haben, verbessert“ Damit die Angabe zulässig ist, sollte der Joghurt bzw. die fermentierte Milch mindestens 108 koloniebildende Einheiten lebender Startermikroorganismen (Lactobacillus delbrueckii subsp. bulgaricus und Streptococcus thermophilus) je Gramm enthalten.

Linolsäure

„Linolsäure trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels im Blut bei“ Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, die mindestens 1,5 g Linolsäure je 100 g und je 100 kcal bereitstellen. Unterrichtung der Verbraucher, dass sich die positive Wirkung bei einer täglichen Aufnahme von 10 g Linolsäure einstellt.

Magnesium

„Magnesium trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei“, „Magnesium trägt zum Elektrolytgleichgewicht bei“, „Magnesium trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei“, „Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei“ Mehr Beispiele in der kompletten Verordnung.

Melatonin

„Melatonin trägt zur Linderung der subjektiven Jetlag-Empfindung bei“ Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, die mindestens 0,5 mg Melatonin je angegebene Portion enthalten. Damit die Angabe zulässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unterrichten, dass sich die positive Wirkung einstellt, wenn am ersten Reisetag kurz vor dem Schlafengehen sowie an den ersten Tagen nach Ankunft am Zielort mindestens 0,5 mg aufgenommen werden.

Pektine

„Die Aufnahme von Pektinen im Rahmen einer Mahlzeit trägt dazu bei, dass der Blutzuckerspiegel nach der Mahlzeit weniger stark ansteigt“ Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, die 10 g Pektine je angegebene Portion enthalten. Damit die Angabe zulässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unterrichten, dass sich die positive Wirkung einstellt, wenn 10 g Pektine als Bestandteil der Mahlzeit aufgenommen werden.

Proteine

„Proteine tragen zu einer Zunahme an Muskelmasse bei“, „Proteine tragen zur Erhaltung von Muskelmasse bei“, „Proteine tragen zur Erhaltung normaler Knochen bei“ Mehr Beispiele in der kompletten Verordnung.

Selen

„Selen trägt zu einer normalen Spermabildung bei“, „Selen trägt zur Erhaltung normaler Haare bei“, „Selen trägt zur Erhaltung normaler Nägel bei“, „Selen trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“, „Selen trägt zu einer normalen Schilddrüsenfunktion bei“ Mehr Beispiele in der kompletten Verordnung.

Vitamin A

„Vitamin A trägt zu einem normalen Eisenstoffwechsel bei“, „Vitamin A trägt zur Erhaltung normaler Schleimhäute bei“, „Vitamin A trägt zur Erhaltung normaler Haut bei“, „Vitamin A trägt zur Erhaltung normaler Sehkraft bei“. Mehr Beispiele in der Verordnung.

Vitamin B12

„Vitamin B12 trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei“, „Vitamin B12 trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei“, „Vitamin B12 trägt zu einem normalen Homocystein- Stoffwechsel bei“, „Vitamin B12 trägt zur normalen psychischen Funktion bei“

Vitamin C

„Vitamin C trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems während und nach intensiver körperlicher Betätigung bei“: Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, deren Verzehr eine tägliche Aufnahme von 200 mg Vitamin C gewährleistet. Damit die Angabe zulässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unterrichten, dass sich die positive Wirkung einstellt, wenn zusätzlich zu der empfohlenen Tagesdosis an Vitamin C täglich 200 mg eingenommen werden.

Vitamin D

„Vitamin D trägt zur Erhaltung einer normalen Muskelfunktion bei“, „Vitamin D trägt zur Erhaltung normaler Zähne bei“, „Vitamin D trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“, „Vitamin D hat eine Funktion bei der Zellteilung“. Mehr Beispiele in der kompletten Verordnung.

Wasser

„Wasser trägt zur Erhaltung normaler körperlicher und kognitiver Funktionen bei“, „Wasser trägt zur Erhaltung einer normalen Regulierung der Körpertemperatur bei“: Damit die Angabe zulässig ist, sind die Verbraucher darüber zu unterrichten, dass täglich mindestens 2,0 l Wasser (aus allen Quellen) verzehrt werden sollten, um die angegebene Wirkung zu erzielen.

Zink

„Zink trägt zu einem normalen Säure-Basen-Stoffwechsel bei“, „Zink trägt zu einem normalen Kohlenhydrat-Stoffwechsel bei“, „Zink trägt zu einer normalen kognitiven Funktion bei“, „Zink trägt zu einer normalen DNA-Synthese bei“. Mehr Beispiele in der kompletten Verordnung.

Zuckerersatzstoffe

„Der Verzehr von Lebensmitteln/Getränken, die anstelle von Zucker (Name des Zuckerersatzes) enthalten, bewirkt, dass der Blutzuckerspiegel nach ihrem Verzehr weniger stark ansteigt als beim Verzehr von zuckerhaltigen Lebensmitteln/Getränken“: Damit die Angabe zulässig ist, sollten Zuckerarten im Lebensmittel bzw. Getränk durch Zuckerersatzstoffe, d. h. stark süßende Verbindungen, Xylit, Sorbit, Mannit, Maltit, Lactit, Isomalt, Erythrit, Sucralose oder Polydextrose bzw. durch eine Kombination dieser Stoffe ersetzt werden, so dass der Zuckergehalt des Lebensmittels bzw. Getränks mindestens um den in der Angabe REDUZIERTER [NAME DES NÄHRSTOFFS]-Anteil gemäß dem Anhang der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 genannten Anteil reduziert ist.

Zuckerfreier Kaugummi

„Zuckerfreier Kaugummi trägt zur Erhaltung der Zahnmineralisierung bei“, „Zuckerfreier Kaugummi trägt zur Neutralisierung der Säuren des Zahnbelags bei“, „Zuckerfreier Kaugummi trägt zur Verringerung von Mundtrockenheit bei“. Mehr Beispiele in der kompletten Verordnung.

Die „Health-Claim-Verordnung“ hat es in sich. Immer wieder schicken Nahrungsmittelkonzerne ihre Anwälte aufeinander los, wenn ein Konkurrent seine Produkte als gut für die Gesundheit bewirbt. Denn das ist nicht ohne Weiteres erlaubt. Nur wenn wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass die Angaben stimmen, dürfen die Verpackungen damit bedruckt und die Produkte so beworben werden. Bei einem mit Magnesium versehenen Lebensmittel dürfte man etwa damit werben, dass das Produkt Müdigkeit verringert. Verboten wäre dagegen der Slogan „reduziert Haarausfall.“

Die seit Januar 1997 geltende Verordnung wurde vor kurzem auch dem Allgäuer Yoghurthersteller Ehrmann und seinem Fruchtquark „Monsterbacke“ zum Verhängnis. Er hatte sein Produkt mit dem wohlklingenden Slogan „So wichtig wie das tägliche Glas Milch!“ versehen. Prompt wurde Ehrmann verklagt. Der Vorwurf: Das positive Image von Milch werde einfach auf das Produkt übertragen, obwohl in dem Fruchtquark fast dreimal mehr Zucker steckt. Ein Urteil wird in den nächsten Monaten erwartet.

Immer wieder gibt es Krach, der für kilometerlange Aktenschränke bei den Gerichten sorgt. Daher hat die EU eine Liste mit Bezeichnungen erstellt, die gefahrlos verwendet werden dürfen. Doch was die Lebensmittelkonzerne daraus wiederum nun machen, gefällt Verbraucherschützern überhaupt nicht. Denn die Hersteller bedienen sich an den erlaubten Aussagen plötzlich ganz anders, als von der EU gedacht.

So reichern sie ihre Produkte einfach mit Vitaminen und Mineralstoffen an, um eine positive Aussage zur Gesundheit auf die Verpackung drucken zu dürfen. Ob dann trotzdem Fett und Zucker bis zum Abwinken enthalten sind, spielt keine Rolle mehr – das ist wohl kaum im Sinne der Erfinder.

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