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11.07.2014

15:23 Uhr

Möglicher Karstadt-Verkauf

„Berggruen lenkt ab“

VonLisa Hegemann

Ein Bericht über den Ausstieg von Investor Berggruen bei Karstadt sorgt für Unruhe. Ein Handelsexperte hält einen Verkauf für unwahrscheinlich – aber Verdi stellt schon Forderungen an den möglichen neuen Eigentümer.

Fünf vor zwölf bei Karstadt? Die Kündigung von Eva-Lotta Sjöstedt lässt das vermuten. Nun soll ein erneuter Verkauf bevorstehen. Reuters

Fünf vor zwölf bei Karstadt? Die Kündigung von Eva-Lotta Sjöstedt lässt das vermuten. Nun soll ein erneuter Verkauf bevorstehen.

DüsseldorfKarstadt-Investor Nicolas Berggruen steht einem Medienbericht zufolge in Verhandlungen über einen Verkauf der Warenhäuser. Doch daran gibt es Zweifel. Handelsexperte Thomas Roeb hält die Meldung für einen Bluff. „Mir fällt kein Grund ein, warum Benko den Geschäftsbetrieb der Filialen übernehmen sollte“, sagt der Professor gegenüber Handelsblatt Online.

Einem Bericht der „Bild“ zufolge will Berggruen die Warenhäuser an die Finanzgruppe Signa verkaufen. Das Unternehmen von Rene Benko hatte bereits die Aushängeschilder von Karstadt – etwa das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in Berlin – sowie die Sport-Kette des Konzerns erworben.

Laut des Berichts soll Benko das Unternehmen zu 70 Prozent für einen symbolischen Euro übernehmen. Erst am Montag hatte Chefin Eva-Lotta Sjöstedt hingeworfen und schwere Vorwürfe gegenüber Berggruen erhoben.

Handelsexperte Roeb glaubt dem Gerücht nicht. Er vermutet dahinter eher eine Kampagne von Inhaber Berggruen. „Berggruen lenkt dadurch die Aufmerksamkeit von dem Abgang Sjöstedts auf Benko“, sagte Roeb. So übe der Deutsch-Amerikaner möglicherweise Druck auf Benko aus. Benko hatte die Option auf eine Mehrheit bei Karstadt bereits beim Kauf der Karstadt-Sport-Warenhäuser erworben.

Für den Unternehmer würde sich eine Übernahme der Warenhäuser aber nicht lohnen, meint der Handelsexperte. Entweder müsse er überzeugt sein, dass er Karstadt sanieren könne. „Doch das ist in der derzeitigen Situation schwierig“, so Roeb. Die andere Variante: Benko müsste die vermutlich hohen laufenden Verluste tragen oder eine Insolvenz riskieren. Beides könne nicht im Interesse des Unternehmers liegen.

Wo Nicolas Berggruen sein Geld investiert

Nicolas Berggruen

Der Deutsch-Amerikaner besitzt laut „Forbes“ ein Vermögen von knapp zwei Milliarden Dollar. Er ist Sohn des Berliner Galeristen Heinz Berggruen und bezeichnet sich selbst als Philantroph. Berggruen investiert sein Geld seit Jahren in alle möglichen Firmen in verschiedenen Branchen und Ländern.

Karstadt

In Deutschland ist Berggruen besonders für sein Engagement bei Karstadt bekannt. 2010 kaufte er die kriselnde Warenhauskette für einen symbolischen Euro. Geholfen hat das nicht, das Unternehmen strauchelt immer noch. Kritiker sagen, das liege daran, dass Berggruen zu wenig investiere und stattdessen Geld aus dem Unternehmen ziehe. Nun ist das Kapitel beendet, Berggruen verlässt Karstadt ohne Gegenleistung, hat aber Insidern zufolge mit der Beteiligung geringfügigen Gewinn erzielt.

Medien

Dem Investor gehören auch Anteile an diversen Mediengruppen. Dazu zählt zum Beispiel die spanische und portugiesische Gruppe Prisa. Sie verlegt unter anderem die renommierte Zeitung „El Pais“ in Spanien. Auch das Verlagshaus Leya zählt zu Berggruens Imperium. Mit Arianna Huffington, der Gründerin der Huffington Post, hat Berggruen zudem ein neues Medium namens „World Post“ gegründet.

Immobilien

Auf der ganzen Welt finanzieren die Berggruen Holdings Häuser oder kaufen welche. Zum Portfolio gehören laut der Webseite des Unternehmens Gebäude in der Türkei, Indien und Israel. Teilweise sind diese noch nicht gebaut, sondern noch in Planung. Auch in Berlin gehören dem Investor etliche Gebäude.

Erneuerbare Energien

Berggruen inszeniert sich gerne als Investor mit Moral. An diesem Image arbeitet er auch mit seinen grünen Investments. In der Türkei investiert er zum Beispiel in Wind- und Wasserkraft. Zudem besitzt er eine Ethanol-Fabrik in Oregon.

Autovermietung

Berggruen vermietet auch Autos über seine gleichnamige Tochter, vorrangig in Indien.

Think Tank

Mit dem Nicolas Berggruen Institute on Governance versucht der Deutsch-Amerikaner zudem, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Ihm werden gute Kontakte zu Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem britischen Ex-Premier Tony Blair nachgesagt. Sie beide sind auch Mitglieder in seinem Think Tank.

Sonstiges

Berggruen hält auch Beteiligungen an einer britischen Versicherung, medizinischen Versorgern, Bildungsinstitutionen und Druckereien. Die Liste ließe sich weiter fortführen.

Falls Berggruen Karstadt tatsächlich veräußern will, droht dem neuen Eigentümer zudem bereits Ärger. Die Gewerkschaft Verdi verlangt sichere Arbeitsplätze für die Beschäftigten des Unternehmens. Herr Benko sei in diesem Fall gefordert „den Beschäftigten ein Konzept vorzulegen, wie die Zukunft von Karstadt und den Beschäftigten gesichert werden kann“, sagte Stefanie Nutzenberger. Sie ist Bundesvorstandsmitglied für den Handel. „Wir fordern eine verantwortliche Unternehmensführung“, so die Handelsexpertin.

Verdi warnt davor, Standorte zu schließen. In einer Pressemitteilung verweist die Gewerkschaft auf die „gesellschaftliche Verantwortung“, die Karstadt trage. „Die Warenhäuser sorgen für lebendige Innenstädte“, so Nutzenberger. Benko trage damit als möglicher neuer Mehrheitseigentümer auch Verantwortung für die Städte und Kommunen.

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