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01.11.2012

07:00 Uhr

Musterprozess

Ex-Chef von Teldafax muss Schadensersatz zahlen

ExklusivDie Insolvenz des Billigstromanbieters Teldafax war 2011 die spektakulärste Pleite des Jahres. Nun können geprellte Kunden auf Schadenersatz hoffen.

Teldafax-Kunden können nach einem Urteil auf Schadenersatz hoffen. dpa

Teldafax-Kunden können nach einem Urteil auf Schadenersatz hoffen.

TroisdorfDer ehemalige Vorstandschef des insolventen Stromanbieters Teldafax, Gernot Koch, muss nach Informationen des Handelsblatt persönlich für Schäden von geprellten Kunden haften. In einem Musterprozess verurteilte das Amtsgericht Lingen (Aktenzeichen: 12C 319/12) Koch wegen vorsätzlicher Täuschung eines Kunden aus Niedersachsen zu einer Schadenersatzzahlung von 549,17 Euro plus fünf Prozent Zinsen.

Koch hat nach Angaben seines Anwalts das Urteil akzeptiert und die Strafe bereits gezahlt. Allerdings droht ihm nun eine ganze Lawine von Folgeklagen. Viele tausend von Teldafax getäuschte Kunden können sich nun Hoffnung auf Schadensersatz machen und Forderungen in Millionenhöhe stellen.

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Der Stromhändler Teldafax meldete im Juni 2011 Insolvenz an. Nach Angaben des Insolvenzverwalters Biner Bähr handelte es sich nach der Zahl der Gläubiger um die größte Insolvenz in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Teldafax hatte mehr als 750.000 Kunden, die oft im Voraus zahlten und deshalb nun Gläubiger sind. Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt gegen Koch und andere Vorstände wegen des Vorwurfs der Insolvenzverschleppung und Betrugs.

In dem Fall, der nun in Lingen entschieden wurde, beschwerte sich ein Kunde wegen bewusster Irreführung. Er hatte im März 2011 einen Vertrag mit Teldafax geschlossen und einen Jahresabschlag gezahlt. Zu diesem Zeitpunkt stand das Unternehmen aber schon am Abgrund. Die Deutsche Postbank weigerte sich, noch Zahlungsverkehr für Teldafax abzuwickeln, in der Buchhaltung herrschten chaotische Zustände. Zahlreiche Netzbetreiber, darunter die Stadtwerke Lingen, hatten Teldafax wegen ständiger Säumigkeit schon abgeschaltet. Der Kunde musste einen neuen Vertrag mit einem anderen Anbieter schließen – und seinen Strom zum zweiten Mal bezahlen.

Chronologie der Teldafax-Pleite

1998: "Telefon, Daten, Fax"

Mit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes 1998 bietet der Marburger Dienstleister Teldafax ("Telefon, Daten, Fax") über die Billigvorwahl 01030 günstige Telefongespräche an. Nur wenige Jahre später gerät das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Rund 90 Millionen Mark schuldet Teldafax damals dem Bonner Telekom-Konzern, dessen Leitungen die Marburger mieten mussten. Es folgt die Abschaltung der Billigvorwahl durch die Telekom und die darauf folgende Abwanderung von Kunden ist das Aus: Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit stellt das Unternehmen im April 2001 einen Insolvenzantrag. Im Zuge des Insolvenzverfahrens kauft dann eine Schweizer Investorengruppe das Unternehmen.

2002: Die Teldafax GmbH entsteht

Im Jahr 2002 wird das Unternehmen mit dem Firmennamen "oneVoice Communication" gegründet, das ein Jahr später den Markennamen "Teldafax" des Vorgängers übernimmt, ohne dessen Rechtsnachfolger zu werden. Es resultiert die "Teldafax GmbH".

2007: Das Geschäft mit dem Strom

Nach vielen Umstrukturierungen entsteht 2006 schließlich unter der "Teldafax Holding AG", die inzwischen mehrere Tochtergesellschaften umfasst, die "Teldafax Energy GmbH", die ab 2007 aktiv im bundesweiten Stromgeschäft tätig ist. Ab Juni 2008 bietet das Unternehmen auch Erdgas an.

2008: Risse in der Fassade

Der Billiganbieter wird von Kunden geradezu überrannt. Kein Wunder: Teldafax liegt mit seinen Angeboten teils 40 Prozent unter den Preisen des örtlichen Platzhirschs. So macht der Anbieter den großen vier - RWE, Eon, Vattenfall und EnBW - heftige Konkurrenz. Doch schon ein Jahr nach dem Markteintritt zeigen sich bedrohliche Risse in der Fassade von Teldafax. Bei den Verbraucherschutzzentralen häuen sich die Beschwerden über fehlerhafte Abrechnungen, wahllose Abbuchungen und stures Abblocken von Reklamationen. Das Unternehmen reagiert gelassen. Die Probleme seien Einzelfälle, die allermeisten Kunden von Teldafax seien hochzufrieden.

2010: Schneeballsystem führt zur Überschuldung

Teldafax verwaltet nach eigenen Angaben im 1. Quartal 2008 bereits 400.000 Aufträge. Ende 2009 sollen es knapp 500.000 Kunden sein. Doch die Verluste wachsen ebenfalls. Nur dank immer neuer Kunden, denen eine Vorauszahlung von bis zu 1.000 Euro abverlangt wird, kann Teldafax einen halbwegs geordneten Geschäftsbetrieb aufrechterhalten. Ende Oktober 2010 berichtet das Handelsblatt, dass der Stromanbieter überschuldet ist. Grund für die schwere Schieflage ist offenbar das Geschäftsmodell der Firma.

2010: Chaotische Zustände & Investoren

Doch die Beschwerden rissen nicht ab, immer wieder gab es Berichte über geprellte Teldafax-Kunden. Das Unternehmen wies 2010 alle Vorwürfe von sich und verbreitete trotz offensichtlicher Schieflage weiter Erfolgsmeldungen. So gelang es, im November 2010 russische Investoren zu gewinnen, die rund 50 Millionen Euro in das Unternehmen pumpten. Im März 2011 gab das Unternehmen die mehrheitliche Übernahme durch die beiden Investoren CPA Invest AG und Sigma Citation Capital Strategies bekannt.

2011: Höptner schmeißt hin

Im Mai 2011 meldet Teldafax einen Wechsel an der Spitze. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit März im Amt, schmeißt hin. Allein in den vergangenen vier Monaten hat das Unternehmen zwischen 150.000 und 200.000 Kunden verloren, weil es seine Rechnungen bei den Netzbetreibern nicht mehr bezahlen konnte. Der 69-jährige Höptner hatte Anfang März das Ruder übernommen, um das Unternehmen aus der dramatischen Schieflage zu bringen und eine drohende Insolvenz abzuwenden. Seine Strategie: Neue Kunden werben - mit höheren Preisen. "Discounter-Tarife, die nicht kostendeckend sind, wird es von uns in Zukunft nicht mehr geben", kündigte Höptner damals an. Seither aber schrumpft Teldafax dramatisch.

2011: Teldafax kappt die Stromleitungen

Teldafax meldet am 14. Juni Insolvenz an und setzt darauf die Belieferung der Kunden mit Strom und Gas aus.

2011: Razzia in Troisdorf

Erst kam der Insolvenzverwalter, dann die Kriminalbeamten. Mit einem Großaufgebot hat die Staatsanwaltschaft Bonn Ende Juni die Geschäftsräume von Teldafax durchsucht. Die Vorwürfe wiegen schwer. „Es besteht der Verdacht, dass Teldafax eine Vielzahl von Neukunden warb, um mit deren Vorauszahlungen bestehende Liquiditätslücken zu decken“, sagt die Staatsanwaltschaft Bonn. Umgangssprachlich nennt man ein solches Modell ein Schneeballsystem.

2011: Das Insolvenzverfahren beginnt

Für den zahlungsunfähigen Energie-Billiganbieter Teldafax beginnt am 01. September 2011 das Insolvenzverfahren: Nach Angaben des Bonner Amtsgerichts wäre es mit bis zu 750.000 Gläubigern wahrscheinlich das größte Verfahren dieser Art in Deutschland.

Der Kunde klagte gegen Koch persönlich, weil dieser nicht nur Vorstand von Teldafax war, sondern auch Geschäftsführer der Teldafax Services GmbH, über welche die Abrechnungen liefen. Das Amtsgericht Lingen urteilte: „Der Beklagte als Verantwortlicher in seiner Position als Geschäftsführer hat hier bewusst hingenommen, dass der Kläger aller Voraussicht nach eine Geldleistung erbringen würde, für die er die Gegenleistung in Form der Energielieferung nicht mehr erhalte würde. (...) Der Beklagte als Geschäftsführer der Teldafax Services GmbH täuschte den Kläger insoweit vorsätzlich.“

Nun könnte eine ganze Welle weiterer Klagen folgen. „Wir haben schon jetzt 15 vergleichbare Fälle vorliegen – und es kommen ständig neue hinzu“, sagt Kundenanwalt Florian Dälken von der Kanzlei Bauer, Dälken & Kollegen in Lingen. Er sieht seinen Fall als Musterprozess.

Als Teldafax 2011 Insolvenz anmeldete, standen mehr als 750.000 Namen in der Kundenkartei. Koch will sich gegen jede Klage verteidigen. Bisher habe er einen Fall verloren und vier gewonnen, sagte sein Anwalt Lars Winkler dem Handelsblatt. Gegen den Lingener Urteilsspruch habe er keine Berufung einlegen können, weil die Schwelle dafür bei einem Streitwert von 650 Euro liege. Kochs Problem: Auch bei der großen Masse aller möglichen Kläger geht es um Schäden unter der Marke von 650 Euro.

Kommentare (2)

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ein_Liberaler

01.11.2012, 10:23 Uhr

600 Euro, nicht 650 Euro, siehe Zivilprozessordnung (ZPO):

§ 511 Statthaftigkeit der Berufung

(1) Die Berufung findet gegen die im ersten Rechtszug erlassenen Endurteile statt.

(2) Die Berufung ist nur zulässig, wenn

1.
der Wert des Beschwerdegegenstandes 600 Euro übersteigt oder
2.
das Gericht des ersten Rechtszuges die Berufung im Urteil zugelassen hat.

(3) Der Berufungskläger hat den Wert nach Absatz 2 Nr. 1 glaubhaft zu machen; zur Versicherung an Eides statt darf er nicht zugelassen werden.

(4) Das Gericht des ersten Rechtszuges lässt die Berufung zu, wenn

1.
die Rechtssache grundsätzliche Bedeutung hat oder die Fortbildung des Rechts oder die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des Berufungsgerichts erfordert und
2.
die Partei durch das Urteil mit nicht mehr als 600 Euro beschwert ist.

Das Berufungsgericht ist an die Zulassung gebunden.

Teriyaki

01.11.2012, 11:33 Uhr

Die Risse in der Fassade in 2008 können wohl nicht so gross gewesen sein dass sie jeder bemerkt hat. In 2009 hat Teldafax noch Werbung gemacht mit einem Testsieg, Test 03-2009, als bester Tarif bei den überregionalen Anbietern, prämiert durch das Deutsche Institut für Service-Qualität, mit dem Handelsblatt Logo im Test-Siegel.

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