Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.01.2009

19:32 Uhr

Mysteriöses Sterben

Frankreichs Züchter bangen um ihre Austern

VonTanja Kuchenbecker

Austern gehören zu Frankreichs Festen wie die Weihnachtsgans in Deutschland. Und dennoch ist es nicht unwahrscheinlich, dass bereits nächstes Weihnachten die Austern knapp werden. Eine mysteriöse Krankheit sorgt für ein massives Austernsterben - für Frankreichs Züchter eine Katastrophe.

Austern an einem Stand auf dem Markt der französischen Stadt Neuilly. Bereits im kommenden Jahr könnten Bilder wie diese der Vergangenheit angehören. Foto: dpa Quelle: dpa

Austern an einem Stand auf dem Markt der französischen Stadt Neuilly. Bereits im kommenden Jahr könnten Bilder wie diese der Vergangenheit angehören. Foto: dpa

PARIS. Frankreich ohne Austern - das ist undenkbar und für die Franzosen ein Horrorszenario. Es herrscht Panikstimmung, denn Frankreich ist Europas wichtigster Austernproduzent und die Nummer vier weltweit nach China, Japan und Südkorea.

Es droht die größte Austernkrise seit 40 Jahren. Alle Regionen vom Ärmelkanal bis zum Mittelmeer sind betroffen. Die rund 20 000 Züchter, die im Jahr 130 000 Tonnen Austern produzieren, sind verzweifelt. Einige verloren ihre gesamten Jungaustern. Zwischen 60 und 100 Prozent der jungen Austern, die besonders empfindlich sind, starben. Mindestens die Hälfte der Produktion für dieses Jahr und für 2010 ist vernichtet. "Seit zehn Jahren kommt es häufiger zu Austernsterben. Doch diesmal ist es eine Katastrophe", sagte Forschungsdirektor André Gérard vom Meeresforschungsinstitut Ifremer. Die Situation ist besonders verheerend, weil alle französischen Austernregionen gleichzeitig betroffen sind. Gérard rechnet damit, dass es Jahre dauern kann, bis das Rätsel gelöst ist.

Der Branche gehen Millionen verloren, wie viel kann noch niemand genau abschätzen. "Wir stehen vor einem großen wirtschaftlichen Problem. In den anderen Jahren gab es höchstens ein Austernsterben von 30 Prozent", betonte Martial Monnier, Direktor des Austernzuchtkomitées CNC. Viele befürchten, dass es schon Weihnachten 2009 zum Engpass kommen wird. Die Jungaustern, die gestorben sind, waren vor allem für dieses Jahr und 2010 bestimmt. Bis zu drei Jahre braucht eine Auster, um für den Verzehr ausgereift zu sein. Die Züchter fürchten, dass auch noch die restlichen Jungaustern sterben.

Die Experten rätseln woran es liegt. Ifremer macht den warmen Winter im vergangenen Jahr und das regnerische Frühjahr dafür verantwortlich. Sie sorgten für eine Vermehrung von Krankheitserregern. Zusammen mit den Klimabedingungen könnte das die Austern geschwächt haben, meinen die Experten.

Besonders verheerend wäre ein Virus, gegen das die Austern nicht resistent sind. Sollte es sich um ein Virus handeln, gibt es keine Ausweichlösung, zumindest nicht schnell. Das wissen die Experten aus Erfahrung. Zum größten Austernsterben war es bisher in den 70er Jahren gekommen, als fast die gesamte Zucht verloren ging. Es dauerte damals fünf Jahre, bis das Virus entdeckt wurde.

Früher gehörten die meisten Exemplare zu der so genannten portugiesischen Austernart. Nur die japanische Austernart Crassostrea Gigas, die seit den 60er Jahren in Frankreich kultiviert wird, war gegen das Virus resistent. Inzwischen macht diese Austernart 99 Prozent der französischen Zucht aus. Allerdings hat die japanische Auster, die aber aus Kanada eingeführt wurde, ein Problem. Die Experten fragen sich, ob sie Temperaturschwankungen im Wasser vertragen kann.

Handelt es sich tatsächlich um ein Virus, bedeutet das eine Katastrophe für Frankreichs Austernzucht. Schon seit 15 Jahren sucht Ifremer nach einem Rettungsanker, falls es Probleme mit der japanischen Auster gibt. Allerdings bisher ohne nennenswerte Erfolge. Deshalb schlagen schon seriöse Zeitungen wie "Le Monde" Alarm und fragen: "War es das letzte Weihnachten und Silvester mit Austern?" Sie raten zum "Austern satt essen" bevor diese knapp werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×