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16.09.2014

12:12 Uhr

Nach abgesagtem Pilotenstreik

Lufthansa fliegt Normalbetrieb

Nach der kurzfristigen Absage des Pilotenstreiks fliegt die Lufthansa bis auf einige Ausnahmen wie gewohnt. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit will noch in dieser Woche mit der Airline verhandeln.

Die Flieger der Lufthansa starten nach dem abgesagtem Pilotenstreik wie gewohnt. dpa

Die Flieger der Lufthansa starten nach dem abgesagtem Pilotenstreik wie gewohnt.

Frankfurt/MainDie Lufthansa ist nach dem kurzfristig abgesagten Pilotenstreik ohne Probleme in den Dienstag gestartet. „Wir fliegen den normalen Flugplan“, erklärte ein Sprecher des Unternehmens in Frankfurt. Einzige Ausnahme seien sieben Interkontinentalflüge, die noch unter dem Eindruck der Streikdrohung auf den Morgen vorverlegt worden waren. Eine erneute Verlegung wäre für die bereits informierten Passagiere zu kompliziert geworden, begründete Lufthansa die Abweichung vom Normalbetrieb.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) hatte am Montagabend überraschend den für Dienstag geplanten achtstündigen Streik am Frankfurter Flughafen abgesagt. Cockpit begründete die Streikabsage am Montagabend damit, neue Gespräche mit der Airline anzupeilen. Allerdings hatte Lufthansa vorher angekündigt, sämtliche vom Streik bedrohten Überseeflüge durchführen zu können. Die VC-Aktion wäre damit ins Leere gelaufen. In dem Tarifkonflikt geht es um Regelungen zum Vorruhestand der Piloten.

Das sind die Konfliktfelder der Lufthansa

„Kriegserklärung der Lufthansa“

Die Lufthansa steuert auf den nächsten Streik zu. Seit zwei Jahren kann sich der Luftverkehrskonzern mit seinen Piloten nicht auf einen neuen Gehaltstarif einigen. Das Ergebnis der Urabstimmung wird am 21. März bekanntgegeben. Für zusätzlichen Zündstoff sorgt der Umstand, dass Lufthansa zum Jahresende sowohl die betriebliche Altersversorgung als auch die sogenannte Übergangsversorgung für das fliegende Personal gekündigt hat. Die Pilotengewerkschaft „Vereinigung Cockpit“ (VC) sprach in diesem Zusammenhang von einer „Kriegserklärung“. Die Konfliktfelder im Einzelnen.

Pilotengehälter

Die Piloten gehören mit Spitzengehältern von bis zu 250.000 Euro im Jahr zu den Topverdienern im Konzern, erwarten aber auch regelmäßige Gehaltserhöhungen, die mindestens die Inflation ausgleichen und sie am Produktivitätszuwachs teilhaben lassen. Die Verhandlungspositionen sind weit voneinander entfernt: Aktuell hat die VC die Forderungen für zwei Jahre bis Mitte 2014 auf rund 10 Prozent addiert. Lufthansa will hingegen erst im Jahr 2016 eine Tabellensteigerung um 3 Prozent zahlen und bis dahin mit erfolgsabhängigen Einmalzahlungen arbeiten, die auch ganz wegfallen können, wenn die operative Marge im Passagiergeschäft nicht stimmt. Nach bislang vorliegenden Geschäftszahlen aus dem dritten Quartal hätte es bei der mitten in einem riesigen Sparprogramm steckenden Gesellschaft für 2013 schon mal keine Einmalzahlung gegeben.

Übergangsversorgung

Bis zum Jahreswechsel konnten Piloten mit frühestens 55 Jahren mit bis zu 60 Prozent ihrer Bezüge in den Vorruhestand gehen. Lufthansa sieht keine Rechtsgrundlage mehr für die Übergangsversorgung, weil Lufthansa-Kapitäne im September 2011 vor dem Europäischen Gerichtshof erstritten haben, bis zur internationalen luftfahrtrechtlichen Grenze von 65 fliegen zu dürfen. Aus Sicht der Gewerkschaft macht aber das bisherige Endalter von 60 Jahren nach deutscher Rechtsprechung auch tarifpolitisch Sinn, weil die Alten Platz für Jüngere machten und zudem das Unternehmen Teile der sehr hohen Gehälter der Alt-Kapitäne spare.

Lufthansa argumentiert mit den laufenden hohen Kosten: Im Schnitt müssten jährlich zusätzlich 8 Prozent des Pilotengehalts für die Übergangsrente zurückgelegt werden. Nach geltender Rechtslage könnten Kabinenmitarbeiter bis zum gesetzlichen Rentenalter fliegen, die Piloten bis 65, so dass eine Übergangsversorgung nicht mehr nötig sei. Für zwei Jahre will das Unternehmen die alten Regelungen noch anwenden, ohne sie juristisch anzuerkennen.

Lizenzverlustsicherung

In der Übergangsversorgung ist auch eine von der Lufthansa bezahlte Versicherung enthalten, die bei Verlust der Pilotenlizenz mit Zahlungen eintritt. Diese Regelung bleibt nach Lufthansa-Lesart trotz der Kündigung weiter in Kraft. Die Piloten müssen sich auch privat gegen den Lizenzverlust absichern, indem sie ganz am Anfang ihrer Laufbahn eine entsprechende private Versicherungspolice abschließen.

Betriebsrenten

Wie andere Unternehmen auch hat Lufthansa bislang ein Betriebsrentensystem, das den Beschäftigten im Voraus bestimmte monatliche Zahlungen garantiert. Im Schnitt erhalten die Kranich-Rentner monatlich 700 Euro Betriebsrente. Den Rentenansprüchen liegen allerdings Rendite-Erwartungen zwischen 6 und 7 Prozent zugrunde, die derzeit am von Niedrigzinsen geprägten Kapitalmarkt nicht zu erzielen sind. Das Unternehmen will künftig nur noch die Höhe seines Zuschusses garantieren, nicht aber die auszuzahlende Rente.

Verhandelt werden muss das mit allen Beschäftigtengruppen, die auf ihre bislang erworbenen Ansprüche pochen können. Wird keine Lösung gefunden, gelten für die Stammbeschäftigten die alten, von Lufthansa einseitig gekündigten Bestimmungen weiter. Eine schnelle Einigung mit allen Gewerkschaften scheint daher unwahrscheinlich. Nachteile erleiden zunächst nur Neueingestellte, die keinerlei Zusagen zu Betriebsrenten erhalten.

VC-Sprecher Jörg Handwerg sprach von einem „modifizierten Angebot“ der Lufthansa zum Vorruhestand der Piloten. Dieses sei „diskussionswürdig“. Die Tarifkommission der Pilotengewerkschaft habe für Donnerstag und Freitag neue Gesprächstermine angeboten. „Es gibt jetzt Gesprächsbedarf“, sagte der VC-Sprecher. Streiks kämen erst wieder in Frage, wenn die Verhandlungen nicht zu einem Ergebnis führten.

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