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10.07.2014

08:32 Uhr

Nach Anzeige

Ermittlungen gegen Zalando-Reporterin eingestellt

Mit ihrer Undercover-Recherche beim Online-Modehändler Zalando löste Reporterin Caro Lobig eine Welle der Empörung aus. Doch ihre Arbeit brachte ihr auch eine Anzeige ein. Nun wurden die Ermittlungen eingestellt.

Reporterlegende Günter Wallraff hat Lobig bei ihren Recherchen unterstützt. Klaus Landry

Reporterlegende Günter Wallraff hat Lobig bei ihren Recherchen unterstützt.

ErfurtDruck von Vorgesetzten und gesundheitliche Ausbeutung bis an die Leistungsgrenze – was die 21-jährige Reporterin Caro Lobig im Logistiklager des Textilversands Zalando erlebt hat, erschütterte vor rund drei Monaten nicht nicht nur Arbeitsrechtler. Für die RTL-Sendung „Extra“ hatte die Reporterin drei Monate undercover in einem Logistiklager des Textilriesen gearbeitet. Nach ihren Recherchen soll Zalando massiv gegen das Arbeitsrecht verstoßen haben. Weil Lobig bei ihren Recherchen eine Kamerabrille trug, wurde bei ihrer Enttarnung die Polizei eingeschaltet. Am 8. April 2014 ging eine Anzeige wegen des Verdachts der Wirtschaftsspionage ein.

Nun hat die Staatsanwaltschaft Erfurt die Ermittlungen gegen die Reporterin eingestellt. Behördensprecher Hannes Grünseisen bestätige gegenüber dem mdr, dass die journalistische Tätigkeit mit einer Kamerabrille nicht strafbar sei. Der Verdacht auf Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen habe sich nicht bestätigt.

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Schon kurz nach der Anzeige hatte Lobigs Mentor, der erfahrene Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, die Klage „völliger Irrsinn“ bezeichnet. Lobig habe nie die Absicht gehabt, „Betriebsgeheimnisse in die Öffentlichkeit zu tragen“, sondern arbeitsrechtliche Missstände offenzulegen, hatte Wallraff im Gespräch mit Handelsblatt Online erklärt.

In ihrer RTL-Reportage hatte Lobig berichtet, dass die Arbeit körperlich sehr belastend sei. Für Verschnaufpausen sei wenig Zeit, Sitzen generell unerwünscht. Der Scanner, der den Mitarbeitern den Weg durch die Regale weist und die entsprechenden Artikel erfasst, sei zur Überwachung der Arbeitsleistung missbraucht worden, zudem hätten sich Vorgesetzte in der Dienstkleidung normaler Angestellter unter die Mitarbeiter gemischt. Und mit der Geldprämie werde die wechselseitige Bespitzelung gefördert.

Undercover-Reporterin Lobig: „Die Zalando-Mitarbeiter sind skeptisch“

Undercover-Reporterin Lobig

„Die Zalando-Mitarbeiter sind skeptisch“

Zwei Monate recherchierte die Reporterin Caro Lobig verdeckt in einem Logistikzentrum von Zalando. Im Interview spricht sie über ihre Zusammenarbeit mit Günter Wallraff und die Reaktion von Zalando auf den Bericht.

Das Unternehmen hatte nach dem Bericht ein Projektteam ins Leben gerufen, das die Kritik untersuchen soll. Gemeinsam mit den Mitarbeitern wolle man zudem über längere Pausen diskutieren, erklärte ein Unternehmenssprecher. Auch über eine Anpassung der Schichtzeiten an den öffentlichen Nahverkehr soll nachgedacht werden. Eine Belohnung von 500 Euro für Mitarbeiter, die andere beim Diebstahl ertappen und Vorgesetzte darauf hinweisen, solle abgeschafft werden.

Außerdem will das Unternehmen den Anteil unbefristet angestellter Mitarbeiter an der Belegschaft erhöhen. Bei einem Runden Tisch im Thüringer Sozialministerium soll das Unternehmen keine Bedenken bei der Einrichtung eines Betriebsrates verkündet haben. Am Standort beschäftigt das Versandunternehmen rund 2.000 Mitarbeiter.

Von

bay

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