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09.06.2013

10:42 Uhr

Nach Chef-Rückzug

Karstadt könnte filetiert werden

ExklusivDer Chef der Kaufhauskette Karstadt wird seinen Vertrag nicht verlängern, ein Nachfolger wird bereits per Headhunter gesucht. Aufgabe des nächsten Chefs könnte es sein, das Handelsunternehmen aufzuspalten.

Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen hatte am Freitag mit Demonstranten gesprochen, die gegen den Austritt des Unternehmens aus der Tarifbindung protestierten. dpa

Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen hatte am Freitag mit Demonstranten gesprochen, die gegen den Austritt des Unternehmens aus der Tarifbindung protestierten.

DüsseldorfDie kriselnde Warenhauskette Karstadt muss sich einen neuen Chef suchen. Der seit Anfang 2011 amtierende Karstadt-Chef Andrew Jennings werde seinen Ende des Jahres auslaufenden Vertrag nicht verlängern, bestätigte der Konzern am Sonntag. Jennings werde aber bei der Nachfolgesuche mitwirken und bei Karstadt involviert bleiben. Ein Bericht der „Bild am Sonntag“, wonach Jennings sich wegen Differenzen über die Strategie zur Sanierung der Warenhauskette zurückzieht, sei „nicht korrekt“, erklärte der Kaufhof-Konkurrent. Jennings ist seit 1. Januar 2011 Vorstandsvorsitzender von Karstadt. Eigentümer Nicolas Berggruen hatte den internationalen Handelsexperten und Sanierer nach Essen geholt.

Nach Informationen von Handelsblatt Online kam es in dem von Berggruen dominierten Aufsichtsrat zum Eklat, weil Jennings Berggruen an dessen Zusage erinnert habe, Geld für die Kaufhaus-Kette bereitzustellen. Als die Berggruen-Vertreter davon nichts wissen wollten, habe Jennings das Handtuch geworfen. Möglicherweise steht nun eine Zerschlagung der Karstadt-Kette bevor: Die gutlaufenden Häuser wie das Kaufhaus des Westens in Berlin oder das Alsterhaus in Hamburg dürften Käufer finden, die Zukunft der anderen Häuser wäre ungewiss. Derzeit sucht die Personalberatung Egon Zehnder nach einem Nachfolger für Jennings.

Karstadts Krisen-Chronik (Teil 1)

Keine Wende

Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

1. September 2009

Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird das Insolvenzverfahren eröffnet.

1. Dezember

Zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern sollen nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

15. März 2010

Beim Essener Amtsgericht wird ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu.

1. Juni

Von bundesweit 94 Kommunen haben bis auf drei alle einem Verzicht auf Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher.

7. Juni

Die vom Privatinvestor Nicolas Berggruen gesteuerte Berggruen Holding erhält vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen.

14. Juni

Eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten endet ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

26. August

Berggruen hat sich mit der Essener Valovis-Bank geeinigt. Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es.

2. September

Die Highstreet-Gläubiger stimmen den von Investor Berggruen geforderten Mietsenkungen zu.

30. September

Das Essener Amtsgericht hebt das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

Zuletzt war der Streit zwischen dem Karstadt-Management und den rund 20.000 Arbeitnehmern eskaliert. Mitte Mai hatte der Warenhauskonzern seinen Ausstieg aus der Tarifbindung erklärt, um sich künftige Lohnerhöhungen zu sparen. Karstadt-Eigentümer Berggruen, der die Warenhauskette 2010 aus der Insolvenz übernommen hatte, hatte sich am Dienstag in der Konzernzentrale persönlich vom Management über die Lage informieren lassen. Einem Berricht des Magazins „Focus“ zufolge sank der Umsatz von Karstadt im Mai um fünf Prozent. In den Vormonaten habe das Minus mit im Schnitt zehn Prozent aber sogar doppelt so hoch gelegen, berichtete das Magazin unter Berufung auf Unternehmenskreise.

Vor einigen Tagen hatte Berggruen in einem Zeitungsinterview die Gewerkschaft Verdi scharf kritisiert. „Die Verdi-Funktionäre kämpfen gerade bei Karstadt nur um ihre eigene Macht als Gewerkschaft auf Kosten der Belegschaft. Das ist nicht in Ordnung“, hatte er der „Bild“-Zeitung gesagt. Bei der schwierigen Karstadt-Sanierung sei erst die Hälfte des Weges bewältigt worden. Verdi macht mit Streiks Druck auf den Essener Konzern, seine rund 20.000 Mitarbeiter weiter an den kommenden Tariferhöhungen im Einzelhandel teilhaben zu lassen.

Andrew Jennings, Vorstandschef von Karstadt, soll zum Jahresende aufhören. dpa

Andrew Jennings, Vorstandschef von Karstadt, soll zum Jahresende aufhören.

Die Übernahme von Karstadt im Jahr 2010 sei natürlich erst der Beginn der Rettung, nicht ihre Vollendung gewesen, so Berggruen weiter. Er räumte allerdings ein, die Probleme unterschätzt zu haben: „Ich habe nicht gewusst, wie krank Karstadt nach 20 Jahren Missmanagement wirklich war. Die Herausforderungen sind noch größer und noch anstrengender.“ Das Unternehmen hinke bei vielen Dingen hinterher, etwa bei den Einkaufssystemen. „Ich glaube fest an Karstadt. Das Unternehmen wird die Wende hinbekommen!“

Kommentare (13)

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Maxwell

09.06.2013, 09:28 Uhr

Mir war von Anfang an klar war was Berggruen mit Karstadt vor hat.Runtersparen Personal aussourcen,1a Lagen verscherbeln und Steuergelder kassieren um den Laden zu kaufen und und zu unterhalten.Wann wacht die Politik endlich auf solchen "Rettern" endlich Fakten und und Geld einzufordern.Dazu kommt noch das Berggruen aus einem Erbtopf sich bedienen kann was er zu Lebebzeiten nicht im Promillebereich erwirtschaften wird.

ugroeschel

09.06.2013, 10:27 Uhr

Was Karstadt braucht sind Kunden und diese findet man nicht nur im Hochpreissegment. Natürlich müssen die Premium Häuser ein anderes Sortiment haben. Hat denn Karstadt keine Verbraucherbefragungen woraus zu ersehen was die Kunden suchen? Mehr Personal abzubauen wäre kontraproduktiv, da sind günstigere Tarifverträge noch die bessere Option. Es sind auch viele kleine Sachen die m an besser machen könnte. Am Freitag war ich in Münster. Beim Kaufhof steht schon an der Tür in welcher Etage man welche Produktgruppen findet. Dort gibt es auch noch Körperpflegemittel und Nivea Produkte, bei Karstadt stehen nur die großen Parfümmarken. Parfüm wird aber hauptsächlich zu Weihnachten gekauft, im Sommer braucht man z.B. Sonnenschutzmittel.

Account gelöscht!

09.06.2013, 10:37 Uhr

Ich kann und will es einfach nicht verstehen! Man muss/sollte froh sein, dass Herr Berggruen diesen Schritt damals gegangen ist und Karstadt gekauft und darin viel Arbeit/Geld reingesteckt hat. Das EIN-Handelskaufhaus wird so wie es langfristig kein bestehen haben.... Generell sind Gewerkschaften wichtig, doch die ständigen Lohnerhöhungen sind nunmal bei Karstadt aktuell nicht umsetzbar. Aber da geht es wieder nur um eins, die Gewerkschaften wollen Lohnerhöhungen durchdrucken, egal was es kostet. Ob ein Ausstieg der richtige ist, kann ich nicht beurteilen, aber ich würde hier eine Lösung vorschlagen, dass die nächsten 3 Jahre KEINE Lohnerhöhung geben wird. Irgendwann wird Herr Berggruen die "Lust am Projekt Karstadt" verlieren, spaltet das Unternehmen auf, verkauft ein Teil und dann ist SCHLUSS. UND DANN IST DAS GROßE GEHEULE WIEDER GROß!!!

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