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22.07.2014

14:28 Uhr

Nach dem Tod von Karl Albrecht

Wie es mit Aldi weitergeht

VonLisa Hegemann

Die Aldi-Brüder haben ihr Vermögen auf zwei Stiftungen aufgeteilt. Diese Träger verwalten auch die Geschäfte von Aldi Süd und Aldi Nord. Nach dem Tod von Karl Albrecht muss nun die Macht neu geordnet werden.

Ein Einkaufswagen des Discounters Aldi Süd gegründet. Nach dem Tod des Firmengründers scheint sich ein Strategiewechsel anzubahnen. dpa

Ein Einkaufswagen des Discounters Aldi Süd gegründet. Nach dem Tod des Firmengründers scheint sich ein Strategiewechsel anzubahnen.

DüsseldorfDie Todesanzeigen in den Zeitungen sind so, wie man die Albrechts kennt: schlicht, spartanisch, fast sparsam. „Ein gutes Herz hat aufgehört zu schlagen. Wir trauern um den Mittelpunkt unserer Familie“, heißt es zum Tod von Karl Albrecht, dem Mitgründer des Discounters Aldi. Doch nicht nur die Familie verliert ihren Mittelpunkt. Auch das Unternehmen muss sich nach dem Tod des letzten Aldi-Gründers neu orientieren.

Albrecht war zwar bereits seit Jahren nicht mehr im operativen Geschäft tätig. Schon in den 1990er Jahren wechselte er in den Verwaltungsrat, 2002 schied er auch aus diesem Gremium aus. Aber sein Unternehmergeist, seine Führung, seine Idee schwebte weiter über Aldi Süd, den Teil von Aldi, um den sich Karl Albrecht kümmerte. Auch nach dem Abschied blieb der Discounter in Familienhand: Peter Max Heister, der Enkel des Gründers, leitet seit 2006 die Geschäfte des Unternehmens über die Siepmann-Stiftung. Er gilt als Schlüsselfigur im Kampf um die Macht bei Aldi Süd.

Die Siepmann-Stiftung ist ein Vermächtnis von Karl Albrecht. Schon zu seinen Lebzeiten regelte der Unternehmer damit die Nachfolge seines Firmenanteils. 1973 gründete er die Stiftung, der Name Siepmann war der Mädchenname seiner Mutter. Die Organisation verwaltet das Gesamtvermögen von Aldi Süd sowie die Markenrechte an dem Unternehmen. Ähnlich machte es auch sein Bruder Theo, der die Geschicke von Aldi Nord in die Verantwortung der Markus-Stiftung legte. Beide Stiftungen sind noch in Familienhand und verwalten ein Milliardenvermögen.

Zu dem Träger von Aldi Süd gehören zudem zwei gemeinnützige Stiftungen, die dem Vernehmen nach Geld für medizinische und kulturelle Zwecke spenden. Falls es keinen Nachfolger von Karl Albrecht mehr gibt, geht das Vermögen an diese beiden Träger. So ist der Fortbestand des Unternehmens so gut wie sicher.

Wie Aldi groß wurde

Die Idee

Wer hatte eigentlich die Idee Aldi so zu gründen, wie wir es heute kennen? Es wird wohl nie endgültig zu klären sein. Aber viele Indizien deuten darauf hin, dass es eher Karl Albrecht war als sein Bruder Theo. Das soll aber nicht schmälern, welch wichtigen Beitrag auch Letzterer beitrug.

Wiege im Hinterstübchen

Der Krieg war aus. 1946 im zerbombten Essen-Schonnebeck begann die Erfolgsgeschichte zwischen Lebensmittelkartons und Krämerware. Das Brüderpaar Karl und Theo Albrecht erkannte die Chance, die die Phase der sozialen Umorientierung bot. Sie bauten den Tante-Emma-Laden der Eltern aus.

Es reicht nicht

Karl und Theo Albrecht erkannten rasch, dass der Laden der Eltern ihnen beiden keine Zukunftsaussicht bot. Sie entdeckten die betriebswirtschaftliche Zauberformel der Zeit „Nachfrage versus Bedarfsdeckung“ für sich und schafften es, sie im Sinne des Kunden zu lösen.

Das geniale Gespann

Karl und Theo Albrecht lebten  die Anforderungen der damaligen Zeit in perfekter Symbiose. Sie hatten weder äußerlich viel gemeinsam noch waren sie ähnlich gepolt. Theo überragte seinen Bruder um Kopfeslänge. Doch der „Kleinere“ war Vordenker und Impulsgeber. Ungeduldig, beredt, rastlos, bisweilen explosiv war Karl. Theo wirkte dagegen eher zurückhaltend, sogar zögerlich abwägend.

Die Aufgabenteilung

Die beiden Brüder waren in ihrer uniformen Arbeitsauffassung füreinander ein Glücksfall. Von vornherein waren die Aufgaben geteilt: Karl versah den Innen-, Theo den Außendienst. Sprich: Karl kümmerte sich um die schwierige Einkaufspolitik. Es war nicht einfach, die richtige Ware preiswert und in ausreichende Menge zu erhalten. Theo betreute die Verkaufsstellen sowie die Verwaltung und Buchhaltung.

Der Aufstieg

1946 begann es mit dem kleinen Laden der Eltern. 1950 nannten die beiden Brüder eine Kette von 13 Läden inklusive Bedienungen ihr Eigen. Nun strukturierten sie ihre Läden nach dem Discountprinzip um. 1961 trennten sie ihre Geschäfte in Aldi Nord und Aldi Süd.

Die Lebensweise der Brüder

Zur moralischen Stabilität ihrer Konzerne trug maßgeblich die persönliche Lebensweise der Brüder bei. Beide waren im Auftreten zurückhaltend und lebten bescheiden. Sie waren nach alter Schule nach den Prinzipien Sparsamkeit und Kargheit erzogen.

Der einzige Luxus

Als einzigen „Luxus“ erlaubten sie sich ein eigenes Auto. Auf sein Golfschloss in Donaueschingen schickte Karl Albrecht seine Führungskräfte zum Entspannen. Die Brüder kannten keine Scheu vor ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Die Adresse Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck wollten sie nie abstreifen. Sie waren stets praktizierende Katholiken und wollten in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich wahrgenommen werden.

In dubio pro Theo

Theo Albrecht hatte eine Marotte: Er wollte jede Filiale sehen, bevor die zentrale Schreinerei an die Fertigung der Regale und Einrichtungsteile ging. Dabei kümmerte den Hobbyarchitekten die Delegation von Aufgaben zur eigenverantwortlichen Erledigung nur bedingt. Es galt: In dubio pro Theo.

Strategische Grundsatzentscheidung

Es gab durchaus Spannungen zwischen Theo und Karl Albrecht. Besonders deutlich wurde das beim ersten Schritt über die Grenzen Deutschlands. 1971 expandierte Aldi nach Österreich. Karl war es, der die Familie als erster international aufstellte. Heute firmiert Aldi Süd in Österreich übrigens unter dem Namen „Hofer“.

Die Aldi-Burka

Verschwiegenheit war stets Trumpf im Hause Albrecht. Aldi lässt sich partout nicht in die Karten schauen. Die totale Verschleierung aller Kulissen ist institutionalisiert. So wenig undichte Stellen wie möglich, lautet die Devise.

Selbstverordnete Kasteiung

Die Brüder gaben sich Maßregeln, die zu unverrückbaren internen Prinzipien wurden: Keine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Keine Firmensprecher. Keine Interviews im Radio oder Fernsehen. Keinerlei mondäner Lifestyle. Keine Lobbyarbeit. Keine Firmenjubiläen. Lückenlose Rückgabe von Werbegeschenken.

Zurückhaltung aus gutem Grund

Die Zurückhaltung hatte einen guten Grund: Abgucker und Schmarotzer sollte keine Gelegenheit  zur Einsicht in Interna haben. Die innovative Discount-Struktur war eine zarte Pflanze und schutzbedürftig. Das neue Konzept musste sich in Ruhe verfestigen. Erfahrungen waren Gold wert.

Der Verwaltungsrat

Aldis Verwaltungsrat ist ein frei schwebendes Organ. Gesellschaftsrechtlich ist es nirgendwo in den Statuten eingebunden. Seine Mitglieder haben freiberuflichen Status, sind aber dennoch die „Macher“: Der Verwaltungsrat ist das zentrale Machtorgan des Konzerns. Aldi steht seit jeher zu seinem Führungssystem, dass sich mit dem Wort Durchgriffs-Management am besten umschreiben lässt. Der Verwaltungsrat hat den Alleinführungsanspruch.

Der Mustermitarbeiter

Aldi stellte stets besondere Anforderungen an seine Mitarbeiter und richtet seine Personalsuche darauf ab. Vorstellungsgespräche sind exzessiv angelegt, manchmal über mehrere Sitzungen. Man lotet die charakterlichen und sozialen Hintergründe des Bewerbers genau aus. Personalvermittlungen kommen nicht zum Zug.

 

Das Aldianer Stellenprofil

Natürlich variiert das Anforderungsprofil je nach Stelle, aber es gibt gewisse Grundvorstellungen: Der Bewerber sollte unauffällig und zurückhaltend im Auftreten sein, seine Bekleidung schlich und gediegen, seine Herkunft möglichst bodenständig, die Familienverhältnisse geordnet, Sparsamkeit wird sehr geschätzt wie auch Pflichtbewusstsein und Normalität hinsichtlich des Lebensprinzips.

Hauseigene Führungskräfte

Das Warenumschlagssystem von Aldi mit seinen schematisierten Abläufen erfordert erfahrene Praktiker. Es wird nicht vorrangig Kopfarbeit am Schreibtisch verlangt. Wer richtig aufsteigen wollte, hatte bei den Albrechts eine Ochsentour vor sich. Ein Akademikerstatus ist entbehrlich.

Zeitmanagement und Prämien

Für Aldi liegt das Geheimnis des langfristigen Erfolges im Zeitmanagement der Führungskräfte. Es gibt eine detaillierte Planungsphilosophie und strenge Normen nach dem Motto: Plan dich oder friss dich! Zudem hat Aldi ein umfangreiches Prämiengerüst. Bezirksleiter bekommen solche und vergeben wiederum welche an ihre Filialleiter. Einzig der Geschäftsführer bekommt keine Prämie.

Die Handbücher

Wer den Ansprüchen Aldis gerecht werden will, muss sie beherrschen: die Handbücher. Das gilt aber vor allem für die regionalen Geschäftsführer. Aldi Nord hat im Laufe der Jahre alles, was Firmeninterna angeht, in solchen Handbüchern fortgeschrieben. Da ist einiges Zusammengekommen – viel Lesestoff.

Wenig zu lachen

Aldi-Mitarbeiter lachen wenig. Zu stark lastet der Druck auf allen. Er wird von der Spitze her aufgebaut und durchgereicht. Das einzige, was lacht, ist die Liquidität.

Der Autor

Es ist auch für Journalisten vom Fach sehr schwierig, Details über die beiden Aldi-Konzerne herauszubekommen. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert und somit nur zu bestimmten Veröffentlichungen verpflichtet. Umso wertvoller sind glaubwürdige und detaillierte Berichte, wie sie Eberhard Fedtke in seinem Buch geliefert hat. Er war viele Jahre lang Gesellschafter bei dem Konzern.

 

Bibliografie:

Eberhard Fedtke

Aldi Geschichten. Ein Gesellschaftler erinnert sich

NWB Verlag, Herne 2011

296 Seiten

Noch gibt es aber Nachfahren. Und einer von ihnen, Peter Max Heister, soll vor dem Wechsel vom Vorstand in den Beirat, das höchste Kontrollgremium der Stiftung, stehen, heißt es in einem Artikel der „Welt“. Das soll den Kontrolleuren mehr Macht über den Koordinierungsrat geben, der das Geschäft operativ leitet. In dem Gremium sitzen auch Heisters Vater und Mutter sowie drei externe Personen: Ex-BASF-Chef Jürgen Hambrecht, Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher und der Wirtschaftsprüfer Jost Wiechmann.

Gerade die Wahl der Fremdmanager könnten für Aldi richtungsweisend sein. So sieht es der frühere Aldi-Manager Dieter Brandes. Er hält die hochkarätige Besetzung des Gremiums für sehr wichtig: „Das sind keine Leute, die nur zum Kaffeetrinken kommen“, sagt der ehemalige Geschäftsführer bei Aldi Nord zu Handelsblatt Online. Die Fremdmanager seien entscheidend für das Unternehmen, da die Familie keine so große Bedeutung mehr spielen werde. „Familienmitglieder sind ja keine Kopien der Gründer“, erklärt Brandes. Aldi Süd gilt als das umsatzstärkere der beiden Aldi-Imperien. 2013 soll das Unternehmen 15,6 Milliarden Euro umgesetzt haben, das sind rund vier Milliarden Euro mehr als der Ableger des 2010 verstorbenen Theo Albrecht.

Kommentare (1)

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Herr Nicht - Dumm

22.07.2014, 16:35 Uhr

Die Aldi-Brüder waren die einzigen Sozialisten des freien Westens im vergangenen Jahrhundert. Ohne sie wären wir weiterhin der Monopolherrchaft von "Markenartiklern" und Konsumläden ausgeliefert geblieben. Erst Aldi machte alle Produkte zu höchster Qualität für jeden erreichbar. Es war eine Revolution ohnegleichen. Wenn sie dabei selber auch noch reich wurden, sei es ihnen gegönnt.

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