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17.04.2014

16:29 Uhr

Nach der Anzeige

Wallraff freut sich auf den Zalando-Prozess

VonLukas Bay

ExklusivWegen des „Verrats von Geschäftsgeheimnissen“ hat Zalando eine Reporterin angezeigt, die verdeckt in einem Logistiklager recherchiert hatte. Ihr Mentor Günter Wallraff gibt der Journalistin Rückendeckung.

Journalist Günter Wallraff mit Kollegin Caro Lobig in der der RTL-Dokumentation. (Screenshot)

Journalist Günter Wallraff mit Kollegin Caro Lobig in der der RTL-Dokumentation. (Screenshot)

DüsseldorfDruck von Vorgesetzten und gesundheitliche Ausbeutung bis an die Leistungsgrenze – die Enthüllungen der 21-jährigen Reporterin Caro Lobig im Erfurter Logistikzentrums des Online-Shops Zalando sorgen im Netz und in den Medien für ein gewaltiges Echo. Und auch juristisch bleiben die Recherchen nicht folgenlos. Wegen des „Verdachts des Verrats von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen“ ermittelt die Staatsanwaltschaft Erfurt gegen die Journalistin. Zalando hatte eine Anzeige erstattet, nachdem die Reporterin enttarnt worden war.

Für Lobigs Mentor, den erfahrenen Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, ist die Klage „völliger Irrsinn“. Lobig habe nie die Absicht gehabt, „Betriebsgeheimnisse in die Öffentlichkeit zu tragen“, sondern arbeitsrechtliche Missstände offenzulegen, erklärt Wallraff im Gespräch mit Handelsblatt Online.

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Für die RTL-Sendung „Extra“ hatte die Reporterin drei Monate verdeckt in einem Logistiklager des Textilriesen gearbeitet. Nach ihren Recherchen soll Zalando massiv gegen das Arbeitsrecht verstoßen haben.

Gemeinsam mit Wallraff hatte sich die 21-jährige Journalistin auf diese Recherche vorbereitet. Lobig hatte sich zuvor auf ein Stipendium beworben, das der Journalist vergibt, um junge Reporter bei der investigativen Recherche zu unterstützen. „Sie ist sehr talentiert und lernfähig“, lobt Wallraff. Ihre geringe Erfahrung hält er sogar für einen Vorteil: „Im Gegensatz zu manchem älteren Kollegen ist sie keiner Ideologie verhaftet und bringt jede Menge Idealismus mit.“ Sie sei bei ihrer Recherche „in jeder Hinsicht“ unabhängig gewesen.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

17.04.2014, 17:59 Uhr

Wer mit ZALONDO-Klamotten und Schuhen rumläuft, wird mittlerweile verächtlich angesehen.

Schön wär es, aber der Masse ist das leider egal. Siehe Amazon.

Account gelöscht!

17.04.2014, 17:59 Uhr

Wer mit ZALONDO-Klamotten und Schuhen rumläuft, wird mittlerweile verächtlich angesehen.

Schön wär es, aber der Masse ist das leider egal. Hauptsache billig.

Account gelöscht!

17.04.2014, 18:21 Uhr

Naja wenn Zalando sich darauf einlässt, werden sie schon einen Grund dafür haben. Ich denke die Verhältnisse bei Zalando, Amazon, Kick, Lidl, usw. sind alle gleich bescheiden. Eine Menschenwürde Bezahlung und ein Menschenwürdiger Umgang mit den Angestellten, sollte für Alle geregelt werden und nicht Einzelfälle an den Pranger gestellt werden. [...]

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