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29.02.2012

14:12 Uhr

Nach der Pleite

Was bleibt, wenn Schlecker geht?

Sie sind gerade in kleinen Dörfern oft quasi der „Tante-Emma-Laden“ vor Ort. Schließen diese Schlecker-Märkte, bleibt das nicht ohne Folgen.

Schlecker ist auch im Ausland aktiv und sieht sich als Branchenführer in Europa. dpa

Schlecker ist auch im Ausland aktiv und sieht sich als Branchenführer in Europa.

BerlinDie Poststelle wurde hier schon vor Jahren geschlossen. Auch eine Bank oder Tankstelle gibt es längst nicht mehr. In der kleinen brandenburgischen Gemeinde Schmachtenhagen, gut 40 Kilometer nördlich von Berlin, bleibt den rund 2200 Einwohnern zum Einkaufen nur noch die kleine Schlecker-Filiale, ein Bauernmarkt und neuerdings ein Netto-Discounter. „Wenn Schlecker weg bricht, ist das ganz schön bitter“, seufzt Ortsvorsteher Hans-Dieter Manzl. Den Drogeriemarkt gebe es seit etwa sieben Jahren. „Früher war da mal ein kleiner Dorfladen. Jetzt gehen die Leute halt zum Schlecker, um noch schnell „ne Flasche Shampoo oder den vergessenen Kaffee zu kaufen.“ Schmachtenhagen ist keine Ausnahme.

Nicht nur im Osten Deutschlands, auch in vielen ländlichen Regionen im Westen sind die Versorgungsstrukturen in den vergangenen Jahren kräftig ausgedünnt worden. Post- und Bankfilialen wurden vielerorts geschlossen, auch die Bahn hängte zahlreiche Gemeinden einfach ab. Oft wurde das mit Rentabilität und demografischem Wandel begründet. Die Landflucht wird damit noch verstärkt. Marktforscher und Gemeindevertreter betrachten das mit Sorge. Die Schlecker-Pleite bekommt da eine ganz andere Dimension. Viele der rund 6000 Filialen liegen in sehr kleinen Gemeinden. In manchen gibt es auch die Tageszeitung zum Frühstück und die DVD für den Abend.

„Gerade im ländlichen Raum ist Schlecker für viele die letzte Einzelhandelshoffnung. Das sind auch soziale Orte, wo man sich trifft und austauscht“, meint Norbert Portz vom Städte- und Gemeindetag. Schlecker spricht mit seinem breiten Sortiment jung und alt an. Der Stadtentwicklungsexperte spricht von einem gefährlichen Teufelskreis. Deutschland drohe eine Zweiteilung in boomende Ballungszentren und entvölkerte ländliche Gegenden. „Und wo die Lichter erstmal ausgegangen sind, wird das Rad schwer zurückzudrehen sein.“

Familien mit Kindern zieht es nicht an Orte, wo es keine Läden, Schulen, Ärzte und öffentlichen Verkehrsverbindungen gibt. Betroffen seien da Gegenden mitten in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, aber auch im Nordosten Bayerns oder in der Osteifel. Der Einzelhandel sei gefordert, mit den Kommunen nun Konzepte zu erarbeiten, sagt Portz. Doch für die Branche sind Standorte auf dem Lande nur dort attraktiv, wo Kaufkraft wohnt und Umsatz zu erwarten ist. „Edeka und Rewe haben vor allem größere Einzugsgebiete im Fokus“, beobachtet Handelsexperte Matthias Queck von Planet Retail. Die Überalterung der Bevölkerung und die anhaltende Abwanderung sprächen eher gegen den ländlichen Raum. Ausnahmen seien Gebiete rund um Stuttgart, Frankfurt oder im Südwesten Münchens.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

„Unsere rund 4500 selbstständigen Kaufleute sind ländlichen Gebieten traditionell stark vertreten“, heißt es zwar bei Edeka. Bei der Erschließung neuer Standorte spiele aber „selbstverständlich“ die Bevölkerungsentwicklung im Einzugsgebiet eine Rolle. Entscheidend sei, ob der Standort eine langfristige wirtschaftliche Existenzgrundlage für den Einzelhändler bietet. Nach Einschätzung des Kölner Handelsinstituts EHI ist die Schlecker-Insolvenz auch im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung zu sehen.

„Das Konzept trug sich einfach nicht mehr“, sagt Geschäftsführer Michael Gerling. Aldi oder Lidl siedelten sich schon längst nicht mehr in Gemeinden unter 5000 Einwohner an. Die Einzelhandelsunternehmen feilten zwar an neuen Formaten, doch haben sie eher die Ballungsgebiete im Blick. „Eine Renaissance des kleinen Dorfladens sehen wir nicht“, sagt Gerling. Dennoch gibt es vereinzelt Initiativen: So entstehen immer wieder von Kooperativen betriebene Lebensmittelmärkte. Sie haben dann Chancen, wenn sie eine Poststelle oder Reinigung integriert haben. Das Fuldaer Familienunternehmen Tegut versucht mit dem „Lädchen für alles“ an die guten alten Zeiten des „Tante-Emma-Ladens“ anzuknüpfen.

Deren Philosphie: Die Menschen sollen für den Lebensmitteleinkauf nicht kilometerweit fahren. Von Göttingen und Körner bei Mühlhausen aus bedient „Lemke's rollender Supermarkt“ schon seit 30 Jahren mit 16 Verkaufsfahrzeugen mehr als 450 Ortschaften in Niedersachsen, Thüringen und Hessen.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

29.02.2012, 14:46 Uhr

„Wenn Schlecker weg bricht, ist das ganz schön bitter“

@Handelsblatt
Hier war wohl eher 'wegbricht' gemeint oder kotzt Schlecker grad in die Ecke?

Wenn ich mir solche Aussagen von einem Herrn Portz (der Vertreter des dt. Städte- und Gemeindetags) durchlese, kann ich nur den Kopf schütteln. Denn hätte das breite Sortiment Schleckers wirklich Jung und Alt angesprochen, müssten wir wohl kaum über Schließungen reden.

Das kleinere Dörfer keine Geschäfte mehr besitzen ist doch nichts neues (Stichtwort: Tante Emma-Läden) und diese Diskussion wird doch immer wieder geführt. Diesen Trend würden selbst die nun zu schließenden Schleckerfillialen nicht aufhalten können. Man kann doch den Einzelhandelsunternehmen nicht vorwerfen, dass sie marktwirtschaftlich denken und sich deshalb nur in größeren Orten niederlassen.

Letztendlich entscheidet immer noch der Kunde über Wohl und Wehe eines Geschäfts.

Account gelöscht!

29.02.2012, 16:04 Uhr

Richtig. Das Problem ist doch das: Wenn solche Läden auf dem Lande die Preise verlangen, die sie verlangen müssen, um profitabel zu sein, dann fahren nämlich gerade die, die nach so eienm Laden schreien lieber 20 km, um ihre Produkte irgendwo 10% billiger zu bekommen.

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