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24.01.2011

06:00 Uhr

Nach Ermittlungen

Markenhandel attackiert Kartellamt

VonChristoph Schlautmann

Der Ruf des Kartellamts ist angeschlagen - sowohl im Einzelhandel, bei Mittelständlern und Großunternehmern. Zu forsch sind die Wettbewerbshüter gegen kleine und große Marktteilnehmer vorgegangen. Die kritisieren, dass die harten Bandagen niemandem helfen. Am wenigsten dem Endverbraucher.

Kartellamtspräsident Andreas Mundt: harsche Kritik der Markenhändler an der Behörde. DAPD

Kartellamtspräsident Andreas Mundt: harsche Kritik der Markenhändler an der Behörde.

BONN. Für einen kurzen Moment verschlug es Kartellamtspräsident Andreas Mundt die Sprache. Wann denn dessen „Schergen“ in seiner Firma zu erwarten seien, wollte ein mittelständischer Markenhersteller von ihm wissen. Offenbar reiche es ja schon als Kartellvergehen aus, ätzte der aufgebrachte Unternehmer, Rewe oder Edeka zweimal nacheinander die Liste mit den unverbindlichen Preisempfehlungen ins Büro zu faxen.

Der Vorfall, der sich während einer Anhörung im ehemaligen Bonner Parlamentssaal ereignete, belegt: Der Ruf der obersten deutschen Wettbewerbshüter, die eigentlich Kleinbetriebe vor der Marktmacht von Großkonzernen behüten sollen, ist bei den Schutzbefohlenen dahin. „Nach dem Willen des Kartellamts müssen wir tatenlos zusehen, wenn unsere Markenartikel bei Handelspartnern verramscht werden“, klagt Underberg-Chef Wilfried Mocken.

Deutschlands Handelskonzernen fehlt das Verständnis für das Wirken der Behörde. „Es gibt keinen überzeugenden Grund, weshalb das Kartellamt derzeit in die Marktprozesse eingreift“, kritisiert Metro-Aufsichtsrat Erich Greipl. In keinem anderen Land Europas sei das Preisniveau im Einzelhandel so niedrig wie in Deutschland.

Das aber sieht das Kartellamt völlig anders. Es gebe zuhauf Preisabsprachen zwischen Herstellern und Händlern, vermutet die Behörde. Obwohl Markenartikler in Deutschland schon seit 1973 ihren Vertriebspartnern die Verkaufspreise nicht mehr vorschreiben dürfen, werde faktisch in weiten Teilen der Branche gegen das Gesetz verstoßen. Im Januar 2010 durchkämmten die Wettbewerbshüter deshalb zahlreiche Firmen mit groß angelegten Hausdurchsuchungen.

Kommentare (2)

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neherw

24.01.2011, 12:57 Uhr

Die Gaunerei ist, das bei vielen Marken Rabattaktinen nicht angewendet werden dürfen z.b. bei Sportmarkem, Kosmetikmarken, teils auch nicht bei Personal-Rabatt.
Gauner wo man hnschaut

Stefan L. Eichner

24.01.2011, 19:51 Uhr

Man kann nicht über steigende Nahrungsmittelpreise klagen - die jetzt (wie auch schon 2008) gerne wieder mit den spekulationsgetriebenen Rohstoffpreisen begründet werden - und vor Hungerrevolten warnen, während auf der anderen Seite alle legalen und illegalen Ticks angewendet werden, um die Produktionskosten immer weiter zu reduzieren (Lohndumping, Dioxinskandal, Mogelpackungen und irreführende Hinweise über Lebensmittel-inhaltsstoffe) und dann das harte Vorgehen des Kartellamts kritisieren.

Wir leben ganz offensichtlich in einer Zeit, in der die Geschäftsmoral auf einem Tiefpunkt angelangt ist und die Lobbyisten verteidigen diesen Zustand auch noch. Lebensmittel sind ebenso wie beispielsweise auch Energie für die bevölkerung unverzichtbare Produkte. Das Kartellamt tut gut daran, zu signalisieren, dass es hier hart vorgehen will.

Andererseits sollten sich vielleicht all jene bürger, die auf der Jagd nach hochrentierlichen Geldanlagemöglichkeiten sind, endlich einmal ihrer Verantwortung stellen und einsehen, dass sie selbst damit ganz erheblich zur enormen Verteuerung von Rohstoffen, Energie und Lebensmitteln beitragen. Es wäre keine schlechte Entscheidung, dies beim nächsten Gespräch mit ihrem Anlageberater zu berücksichtigen.

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