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18.01.2015

14:38 Uhr

Nach Franken-Aufwertung

Schweizer im Kaufrausch

Die Grenzstädte zur Schweiz freuen sich nach der Aufwertung des Franken über tausende neue Kunden. Die Schweizer nutzen den günstigen Kurs, um ihre Vorräte aufzustocken. Doch nicht alle Händler sind darüber begeistert.

Tausende Schweizer fahren über die Grenze nach Deutschland, um günstig einzukaufen. (Foto aus dem Rhein-Center in Weil am Rhein) dpa

Tausende Schweizer fahren über die Grenze nach Deutschland, um günstig einzukaufen. (Foto aus dem Rhein-Center in Weil am Rhein)

Weil am RheinUnmengen an Lebensmitteln stapeln sich im Einkaufswagen eines Ehepaars aus Basel. Die Schweizer sind zum Shoppen in das baden-württembergische Grenzstädtchen Weil am Rhein gefahren. Etwa 300 Franken würden sie in der Schweiz dafür bezahlen, in Deutschland rund 150 Euro. „Ich wär doch ein Löli“, meint die Frau - was im Deutschen so viel wie Tölpel heißt - wenn sie es nicht täte. Schon seit 2003 kaufen viele Schweizer in der Grenzregion in Deutschland ein, weil es für sie billiger ist. Doch nach der Freigabe des Schweizer Franken ist das Einkaufen nochmal günstiger geworden. Angelockt durch diese Tiefstpreise kamen am Samstag Tausende Schweizer über die Grenze.

In das Rhein-Center in Weil am Rhein kommen laut Center-Manager Günther Merz täglich etwa 34 000 Menschen. Nach eigenen Auswertungen sind davon mehr als 60 Prozent Schweizer. Der Rest sind Franzosen und Deutsche. Am Samstag drängten die Menschen in das große Einkaufscenter. Viele Einkaufswägen waren brechend voll. An den Aufzügen bildeten sich lange Schlangen.

Auch in Konstanz brummt am Wochenende der Einkaufstourismus. Im Shoppingcenter Lago sagt Manager Peter Herrmann, viele Kunden nutzten nun die Gelegenheit, um beispielsweise Vorräte aufzustocken - so wie eine Familie, die 24 Liter Milch auf einmal gekauft habe.

Die Schweizer Wirtschaft, Deutschland und die EU

Reger Warenaustausch

Zwischen der Schweiz und der EU besteht ein reger Warenaustausch. Die Schweiz exportierte 2013 nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWI) Waren im Wert von rund 90 Milliarden Euro (54,9 Prozent der Ausfuhren) in die Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

Importe

Importiert wurden aus den Mitgliedstaaten der EU Waren im Wert von rund 108 Milliarden Euro (74,4 Prozent der gesamten Einfuhren).

Viertwichtigster Handelspartner

Die Schweiz ist viertwichtigster Handelspartner der EU nach USA, China und Russland. Exportiert werden Pharmazeutika, Industriemaschinen, Präzisionsinstrumente, Uhren.

Deutschland

Deutschland ist laut BMWI Zielland für rund ein Drittel der schweizerischen Exporte. Knapp ein Fünftel der schweizerischen Importe stammen aus Deutschland. Deutschland ist somit der mit Abstand wichtigste Wirtschaftspartner der Schweiz.

Wichtige Handelsbeziehungen

Aber auch für Deutschland sind die Handelsbeziehungen zur Schweiz von „enormer“ Bedeutung, schreibt das BMWI auf seiner Webseite. Die Schweiz nimmt demnach in der Rangliste der wichtigsten deutschen Handelspartner den 8. Rang sowohl bei den Exporten als auch bei den Importen ein.

Mehr deutsche Produkte

2012 hatte die vergleichsweise kleine Schweiz (acht Millionen Einwohner) wertmäßig mehr deutsche Produkte eingeführt als beispielsweise Russland (142 Millionen Einwohner), Japan (127 Millionen Einwohner) oder Polen (38 Millionen Einwohner).

Deutsche in der Schweiz

290.000 Deutsche leben und arbeiten laut BMWI in der Schweiz. Deutsche bilden damit nur noch knapp nach Italienern (15,9 Prozent) die zweitstärkste Ausländergruppe (15,2 Prozent).

Die Schweizer Nationalbank hatte am Donnerstag völlig überraschend die seit 2011 geltende Wechselkursbindung des Franken an den Euro aufgehoben. Die Schweizer Währung legte danach zum Euro deutlich zu. Für Schweizer sind damit in Euro gehandelte Waren erheblich billiger.

Center-Manager Merz in Weil am Rhein rechnet damit, dass in nächster Zukunft noch mehr Schweizer nach Deutschland zum Einkaufen kommen. „Ich bin aber gespannt, wie der Schweizer Handel darauf reagiert“, meint er. Der Geschäftsmann befürchtet, dass in Zukunft die wirtschaftliche Lage in der Schweiz gefährdet sei. „Und dann trifft es uns wieder, das könnte ein Bumerang werden.“

Auch Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) sieht nicht nur positive Folgen für die Wirtschaft im Südwesten. Er sagte den „Stuttgarter Nachrichten“, die Aufwertung des Franken werde die Wirtschaft „doch eher belasten als begünstigen“. Einzelhandel und Gastronomie könnten sich freuen - Waren und Dienstleistungen von Zulieferern aus der Schweiz würden aber erheblich teurer.

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