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15.02.2017

14:36 Uhr

Nach Herbst-Flugchaos

Tuifly muss Reisenden Entschädigung zahlen

VonChristoph Schlautmann

Massenhafte Krankmeldungen hatten im letzten Herbst bei Tuifly zu Verspätungen und Flugausfällen geführt. Das Amtsgericht Hannover hat entschieden, dass die Airline Kunden für entgangene Urlaubsfreuden entschädigen muss.

Zahlreiche Krankmeldungen hatten im vergangenen Herbst bei der Airline für ein Chaos gesorgt. dpa

Tuifly

Zahlreiche Krankmeldungen hatten im vergangenen Herbst bei der Airline für ein Chaos gesorgt.

DüsseldorfSchock für den Ferienflieger Tuifly aus Hannover: Anders als bislang vom Management behauptet, muss die Tui-Tochter nun doch Fluggäste entschädigen, die im Oktober 2016 aufgrund eines offensichtlich wilden Streiks ihre Urlaubsziele nicht rechtzeitig erreichten.

Der Rechtsstreit ist allerdings noch nicht entschieden. „Tuifly behält sich vor, in Berufung zu gehen“, sagte ein Firmensprecher. Schließlich seien in der Vergangenheit ähnliche Klagen in Hannover und Nürtingen von den Richtern zurückgewiesen worden.
Jetzt aber entschied Richterin Catharina Erps am Amtsgericht Hannover, dass eine fünfköpfige Familie aus Celle 2000 Euro erhalten soll. Deren Reise war komplett abgesagt worden, weil sich Piloten und Crewmitglieder von Tuifly spontan krank gemeldet hatten, nachdem Pläne über einen Zusammenschluss mit Etihad bekannt geworden waren. Die Familie hatte „entgangene Urlaubsfreuden“ geltend gemacht und ursprünglich sogar 4000 Euro Schadensersatz gefordert. Den Differenzbetrag will man nun beim Reiseveranstalter Tui direkt einklagen.

Rechte von Fluggästen bei Streiks

Ansprechpartner/Informationsquellen

Erster Ansprechpartner für Flugreisende ist immer die Fluggesellschaft, bei Pauschalreisen der Reiseveranstalter. Auch der jeweilige Flughafen bietet auf seiner Internetseite ausführliche Informationen über die aktuellen Abflug- und Ankunftszeiten. Bei Informationen aus dem Internet ist es sinnvoll, sich diese auszudrucken, um später einen Beleg zu haben.

Stornierung, Umbuchung, Umsteigen

Einen streikbedingt gestrichenen Flug kann der Kunde stornieren, er bekommt dann sein Geld zurück. Wer trotzdem fliegen will, hat Anspruch auf einen späteren Flug. Das kann aber dauern, bis der Streik vorbei ist – und auch länger, da ein Rückstau entstehen kann. Bei langen Ausständen muss die Fluggesellschaft eine Ersatzbeförderung organisieren, zum Beispiel mit der Bahn oder Bussen.

Verspätung

Verspätet sich der Flug wegen des Streiks, stehen Betroffenen bestimmte Leistungen zu. Bei einer Flugstrecke bis 1500 Kilometer haben die Passagiere ab einer Verspätung von zwei Stunden Anspruch auf Leistungen wie Telefonate, Getränke und Mahlzeiten. Ist der Flug zwischen 1500 und 3500 Kilometer lang, greift die Vorschrift ab einer Verspätung von drei Stunden, bei Langstreckenflügen ab vier Stunden. Auch eine Übernachtung im Hotel muss ggf. bezahlt werden. Ist eine Verspätung absehbar, sollten Passagiere trotzdem zur ursprünglichen Abflugzeit am Flughafen sein, da der Reisende sonst möglicherweise einen kurzfristig organisierten Ersatzflug verpasst.

Entschädigung

Bei Annullierung, Überbuchung oder Verspätung ab drei Stunden haben Passagiere zwar laut EU-Verordnung Anspruch auf eine Entschädigung von bis zu 600 Euro – aber nur, wenn kein „außergewöhnlicher“ Umstand daran schuld ist. Die Fluggesellschaften werten Streiks, wie zum Beispiel auch miserables Wetter, als außergewöhnlichen Umstand. Eine Entschädigung gibt es daher nicht.

Auch einem Rentnerpaar aus Bergisch Gladbach bestätigte das Gericht einen Anspruch auf 800 Euro Entschädigung. Ihr Rückflug von Kos nach Deutschland war erst mit vier Stunden Verspätung gestartet. Neben Zinsen muss die Tuifly auch die Kosten des Rechtsstreits übernehmen. Kläger-Anwalt Paul Degott erklärte dazu in Hannover: „Die Entscheidungen haben eine gewisse Signalwirkung.“

Tuifly war während der Flugunterbrechungen für zusätzliche Hotelübernachtungen und Taxifahrten aufgekommen. Der Reiseveranstalter Tui Deutschland erstattete zudem die Urlaubs- und Flugpreise, was ihn nach eigener Auskunft im Winterquartal 22 Millionen Euro kostete. Eine zusätzliche Entschädigung nach der EU-Fluggastrechteverordnung aber lehnte die Gesellschaft ab.

Die Begründung: Die angebliche Krankheitswelle sei juristisch als „außergewöhnlicher Umstand“ zu werten, der rechtlich von der Schadensersatzpflicht befreit ist. Zwar hätten Fluganbieter die Verpflichtung, für Krankheitswellen Vorsorge zu treiben. Bei dem Arbeitsausfall im vergangenen Oktober, der in der Spitze 89 Prozent erreichte, könne aber nicht mehr von einer üblichen Situation gesprochen werden.

Augenscheinlich glichen die Flugausfälle zudem einem Streik. Der aber gilt laut höchstrichterlicher Rechtsprechung als höhere Gewalt und ist damit von der Schadensersatzpflicht ausgenommen. Richterin Erps sah das am Mittwoch anders. Dies alles sei nicht hinlänglich bewiesen, erklärte sie in Hannover.
Für Tuifly steht damit einiges auf dem Spiel. Rund 1000 Verfahren wurden in dieser Sache anhängig, 700 davon allein in Hannover. Eröffnet wurden bislang bundesweit 30 Fälle, zwei davon fielen zugunsten der Kläger aus, zwei weitere führten zum Erfolg von Tuifly. Viele Amtsrichter hätten signalisiert, zeigte sich ein Firmensprecher hoffnungsvoll, dass sie der Linie von Tuifly folgen wollten.

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