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18.10.2012

12:26 Uhr

Nach Rekord-Geschäftsjahr

Die Zukunft bei dm ist papierlos

VonCarina Kontio

Der beste Mai, der beste Juni, der beste Juli, der beste August: Deutschlands größte Drogeriekette verbucht für das Geschäftsjahr Rekordwerte beim Umsatz. Fragen wirft nur die neueste Entwicklung auf – der E-Bon.

dm-Chef Erich Harsch maximiert lieber die Zufriedenheit seiner Kunden als Gewinne. dpa

dm-Chef Erich Harsch maximiert lieber die Zufriedenheit seiner Kunden als Gewinne.

DüsseldorfDass Deutschlands größte Drogeriemarktkette dm ordentlich von der Pleite des einstigen Branchenprimus Schlecker profitiert, überrascht nicht. Daran ließ schon die Einladung zur heutigen Bilanzpressekonferenz für das am 30. September auslaufende Geschäftsjahr 2011/2012 keinen Zweifel.

Von einem spannenden Endspurt schrieb das Karlsruher Unternehmen. „Auf den besten Mai folgten auch für Juni, Juli und August Rekordwerte beim Umsatz“, hieß es. Und tatsächlich: dm überspringt in Deutschland erstmals die Marke von fünf Milliarden Euro – ein Plus von 14 Prozent. „Teilweise lagen die Zuwächse bei 20 Prozent“, sagte dm-Chef Erich Harsch am Donnerstag bei der Veranstaltung.

Im Vorjahr hatte die Kette hierzulande 4,5 Milliarden Euro umgesetzt, Konkurrent Rossmann kam auf 3,8 Milliarden Euro. Über den Gewinn macht das Unternehmen traditionell keine Angaben.

Das dm-Geschäftsjahr in Zahlen

Umsatz

Das Unternehmen im zurückliegenden Geschäftsjahr die 5-Milliarden-Euro-Umsatzmarke klar übersprungen. Die Monate Mai bis September sorgten für überdurchschnittliche Werte beim Umsatz und für ein Wachstum, das deutlich im zweistelligen Bereich liegt.

Auf das gesamte Geschäftsjahr gesehen, wuchs dm in Deutschland um 14 Prozent und konnte seinen Umsatz auf 5,112 Milliarden Euro steigern; auf bestehender Fläche erreichte dm ein Plus von 8,8 Prozent.

Wachstum

Konzernweit verzeichnet dm mit 11,3 Prozent ebenfalls ein zweistelliges Wachstum. Das Unternehmen erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2011/2012 in zwölf europäischen Ländern insgesamt 6,872 Milliarden Euro. In Österreich und Südosteuropa konnte dm den Umsatz mit einem Wachstum von 4,3 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro steigern.

Investitionen

Insgesamt wurden im zurückliegenden Geschäftsjahr in Deutschland rund 120 Millionen Euro investiert, der Schwerpunkt lag hier auf den Filialen. „Für das Geschäftsjahr 2012/2013 sind in Deutschland Investitionen von über 160 Millionen Euro geplant“, sagt Martin Dallmeier, als dm-Geschäftsführer Nachfolger von Marco Mescoli und verantwortlich für das Ressort Finanzen + Controlling.

Die Gesamtinvestition in Europa im Geschäftsjahr 2012/2013 liegt bei mehr als 238 Millionen Euro.

Filialen

Die Entwicklung des Unternehmens ermöglichte es dm-drogerie markt, in Deutschland 118 neue Märkte zu eröffnen und seine Expansion damit deutlich über Plan abzuschließen. Insgesamt investierte dm im abgelaufenen Geschäftsjahr mehr als 100 Millionen Euro in die Regeneration und den Ausbau seines Filialnetzes, der Nettozuwachs betrug 89 dm-Märkte. Im laufenden Geschäftsjahr wird dm mehr als 130 Millionen Euro in neue und bestehende Märkte investieren.

Mitarbeiter

Die Anzahl der Mitarbeiter in Deutschland erhöhte sich um 3.659 und liegt mittlerweile bei 29.109. Die erste nationale Mitarbeiterbefragung von dm, an der sich weit mehr als die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen beteiligt hat, belegt, dass die Menschen sich mit dem Unternehmen verbinden: 97 Prozent der Mitarbeiter gaben an, „gerne bei dm“ zu arbeiten, und 93 Prozent empfinden ihre Arbeit als sinnvoll.

Lehrstellen

Zum Ausbildungsstart 2013 schafft dm rund 1.500 neue Ausbildungsplätze – so viele wie nie zuvor in der Unternehmensgeschichte. „Seit Beginn unserer Ausbildungsinitiative im Jahr 1998 haben wir 11.000 jungen Menschen den Start ins Berufsleben ermöglicht. Besonders freut uns, dass der Großteil von ihnen dem Unternehmen und den dm-Kunden treu geblieben ist“, sagt Christian Harms. „Viele unserer ehemaligen Lehrlinge leiten heute eine Filiale.“ Unter deutschen Jugendlichen gilt dm laut einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts trendence unter Schülern als Top-Ausbilder: Demnach erreicht dm im Schüler-Ranking Platz 37 und gehört zu den Unternehmen mit dem höchsten Zuwachs an Beliebtheit. Unter den Lebensmitteleinzelhändlern hat dm die beste Platzierung.

E-Bon

Seit dem 13. September bietet dm seinen Payback-Kunden eine Alternative zum gedruckten Kassenbon. Sie können sich den sogenannten E-Bon per E-Mail nach Hause schicken lassen, sodass kein Papierausdruck mehr nötig ist. „Wir wollen unseren Kunden mit dem E-Bon eine nachhaltige und praktische Alternative zum Kassenbon bieten. Denn das eingesparte Papier schont nicht nur die Umwelt, sondern beschleunigt auch den Kassiervorgang. Verlorene Kassenbons gehören der Vergangenheit an“, erklärt Roman Melcher, der als Geschäftsführer für das Ressort Informationstechnologie verantwortlich ist.

Den elektronischen Kassenbon können alle Payback-Kunden in Anspruch nehmen, die sich zur Teilnahme am dm-E-Bon registriert haben. Sie erhalten automatisch einen elektronischen Kassenbon als pdf-Datei an ihre registrierte E-Mail-Adresse.

„Das dynamische Wachstum kommt garantiert nicht von Schlecker“, sagte Roman Melcher, Mitglied der dm-Geschäftsführung, in Frankfurt am Main. Die Pleite des Konkurrenten habe aber sicher zu einer zusätzlichen Umsatzsteigerung geführt. Schlecker habe etwa zwei Milliarden Euro Umsatz mit Drogeriewaren gemacht, nun sei unklar, wie dieser Marktanteil neu verteilt werde.

Europaweit steigerte der Konzern die Erträge um 11,3 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro. Der Anstieg fiel etwas schwächer aus, weil dm im Ausland nicht so schnell wuchs wie in Deutschland.

Was Kunden an dm schätzen

Freundlichkeit

Neben dem Sortiment und der Warenpräsentation schätzen Kunden an dm die freundliche Einkaufsatmosphäre.

Mitarbeiter

Positiv wahrgenommen wird aber auch das mitarbeiterfreundliche Credo.

Verantwortung

Das Bekenntnis zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung (und sichtbare Beweise dafür) werden ebenso geschätzt, ...

Stimmigkeit

...wie die Stimmigkeit von "innen" und "außen".

Charisma

Eine große Rolle spielt außerdem die Identifikationsmöglichkeit durch einen charismatischen Unternehmenslenker.

Abgrenzung

Genauso schätzen die Kunden die eindeutige Abgrenzung von Wettbewerbern mit einer Kultur nüchterner Kostenoptimierung.

(Quelle: Hermann H. Wala, Meine Marke - Was Unternehmen authentisch, unverwechselbar und langfristig erfolgreich macht)

Die Drogeriemarktkette zählt nicht erst seit gestern zu den Branchen-Champions – das Wachstum übertrifft seit Jahren den Durchschnitt. dm gilt als ein Lehrbeispiel für die Kunst des Verkaufens. Doch statt sich auf Umsatz und Gewinne zu fokussieren, geht es dem Geschäftsführer Erich Harsch darum, den Kundennutzen zu maximieren.

Was Marken erfolgreich macht

Was der Experte sagt

Der Marketingfachmann Hermann H. Wala hat das Buch geschrieben: „Meine Marke. Was Unternehmen authentisch, unverwechselbar und langfristig erfolgreich macht“. Die Kernthesen im raschen Überblick.

Selbstverantwortung

Die Marke ist zu wichtig, um die allein der Marketingabteilung zu überlassen. Auch die Geschäftsleitung muss sie mitentwickeln und gegenüber Geschäftspartnern nach außen hin glaubwürdig verkörpern.

Werte

Authentische Werte sind Leitlinien, keine Parolen. Unternehmen werden auch an ihrem sozialen Engagement gemessen.

Emotionen

Wer die Aufmerksam der ohnehin übersättigten Konsumenten gewinnen will, muss sie emotional berühren. Kundenherzen gewinnt man nicht mit faktischen Produkteigenschaften, sondern durch das Erfüllen von Träumen.

Geschichte(n)

Eine gute Geschichte bewirkt mehr als die allermeisten Verkaufsargumente. Sie gräbt sich in Kundengedächtnis ein und schafft Identifikation.

Vertrauen

Vertrauen in ein Unternehmen und seine Marke(n) ist die beste Form der Kundenbindung. Man gewinnt es durch Transparenz und Offenheit.

Dynamik

Spannend bleiben und gleichzeitig Kontinuität wahren – diesen Spagat schaffen erfolgreiche Marken. Dehnungen müssen zu ihr passen. Innovativ sein bedeutet, Kundenbedürfnisse immer besser zu erfüllen.

Positionierung

Positionierung ist ein Wettstreit der Wahrnehmungen, kein Wettstreit der Produkte. Einen Logenplatz im Kundentop erobert, wer es schafft, seiner Marke für die Zielgruppe begehrenswerte Differenzierungslinien zu verleihen.

„Unser Ziel heißt Entwicklung“, hat Harsch einmal in einem Interview gesagt. Dann komme das Wachstum ganz von alleine. Wirft man jedoch einen Blick auf die neueste Entwicklung aus Karlsruhe, kommen aber dann doch Zweifel auf. Es ist der „dm E-Bon“, ein elektronischer Kassenzettel, der den Drogerie-Kunden diverse Vorteile bieten soll.

Schlecker-Pleite: Die Zeit der Leichenfledderer

Schlecker-Pleite

Die Zeit der Leichenfledderer

Das Aus der Drogeriekette Schlecker hat ein Loch im Markt hinterlassen, das gefüllt werden will. Längst hat die Konkurrenz sich dafür in Stellung gebracht. Aber nicht nur andere Drogeristen jagen nach Schlecker-Kunden.

Dabei verschickt der Konzern seit September den Bon nach dem Bezahlen per E-Mail, was im Idealfall den Zahlungsprozess im Laden schneller und den Einkauf für den Kunden komfortabler macht. Wer noch vor Ort kontrollieren will, ob die Kassiererin alle Preise richtig eingetippt hat, kann die Rechnung dann via Smartphone checken. Nur bei Kartenzahlung bekommt man aus rechtlichen Gründen immer noch den traditionellen Kassenzettel. Aber auch unter umwelttechnischen Gesichtspunkten ist es sinnvoll, die Papier-Kassenzettel nicht auszudrucken.

Kommentare (16)

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Numismatiker

18.10.2012, 13:43 Uhr

Die Konsequenz aus dem E-Bon lautet: Nicht mehr bei dm kaufen.

Warum muß ich meine Email-Adresse preisgeben, um die Kontrolle über die gekauften Waren zu behalten und dann werde ich nebenbei mit Werbe-Müll zugespammt.

Oder ich muß via Smartphone die Waren prüfen, was mit Papierbon viel einfacher und beweissicherer geht (Emails sind nicht dokumentenecht).

Der Umweltschutz wird ohnehin als Grund für alle möglichen Absurditäten herangezogen.

Das Ganze ist wieder ein Beweis, daß "modern" und "gut" nicht zwangsläufig zusammengehören.

IchHalt

18.10.2012, 13:54 Uhr

Niemand muss seine Mail-Adresse preisgeben, da das Ganze nur in Verbindung mit Payback funktioniert. Und wer da registriert ist, der hat seine Mail schon "preisgegeben". Werbung wird derzeit übrigens auch nicht versendet...
Aber hauptsache mal gemeckert?

Naund

18.10.2012, 13:56 Uhr

Ich weiß gar nicht, was an individualisierter Werbung und Auswertung meines Kaufverhaltens so schlecht sein soll. Wir machen als Familie reichlich Umsatz bei DM und werden dafür mit Rabatten des "blauen Partners" belohnt. In den USA längst gang und gäbe, macht sich der Deutsche wegen Datenschutz in die Hose. Aber bei Facebook & Co. die rosa Brille aufsetzen.

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