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02.01.2013

12:46 Uhr

Nach Schlecker-Insolvenz

Rossmann hat bislang 90-Ihr-Platz-Filialen übernommen

Nach der Insolvenz von Schlecker hat die Drogeriemarktkette Rossmann bislang 90 Filialen der Tochter „Ihr Platz“ übernommen und damit 2.000 Mitarbeiter vor der Arbeitslosigkeit gerettet. Nun beginnt deren Integration.

Eine von insgesamt 490 Ihr-Platz-Filialen in Deutschland, die von der Schlecker-Insolvenz betroffen waren. dpa

Eine von insgesamt 490 Ihr-Platz-Filialen in Deutschland, die von der Schlecker-Insolvenz betroffen waren.

HannoverDeutschlands zweitgrößte Drogeriemarktkette Rossmann hat nach Übernahme von rund einem Fünftel aller Filialen der Schlecker-Tochter „Ihr Platz“ mit deren Integration begonnen. Die Gruppe von Firmengründer Dirk Roßmann in Burgwedel bei Hannover hat nach eigenen Angaben 2000 Mitarbeiter übernommen und 16 Läden komplett umgebaut.

Obwohl das Bundeskartellamt im Juli den Einstieg bei 104 der insgesamt 490 Ihr-Platz-Läden bewilligt hatte, hat Rossmann bisher nur 90 übernommen. Bei 10 Läden hätten sich die Vermieter gesperrt, bei vier liefen noch Verhandlungen, erklärte ein Unternehmenssprecher der Nachrichtenagentur dpa. Der Umbau soll Mitte 2013 beendet sein.

Warum Schlecker Pleite ging

Der Fachmann

Roland Alter hat das erste Buch über die Schlecker-Pleite geschrieben. Die frühere Siemens-Führungskraft ist heute Professor für Betriebswirtschaft und erfolgreicher Autor. In seinem Buch „Schlecker oder: Geiz ist dumm“ (Rotbuch Verlag) fasst er die Gründe für den Niedergang zusammen.  Es folgen die wesentlichen Punkte...

Der Geizhals

Die Grundthese des Autors ist: Anton Schlecker ist an seiner übertriebenen Sparsamkeit gescheitert. „Was diesen einstmals erfolgreichen Unternehmer in seiner nach innen gewandten Allmacht  zu Fall gebracht hat: Geiz.“

Die Mitarbeiter

Und dieser Geiz bezog sich genauso auf die Mitarbeiter. Das Menschenbild von Anton Schlecker beschreibt der Autor so: Menschen besitzen eine natürliche Abneigung gegen Arbeit. Diese Abneigung macht eine strenge, kontrollorientierte Führung notwendig. Der Autor fasst es mit drei Verben zusammen: „Knüppeln, knausern, kontrollieren.“

Die Neonröhre

Keine andere Kette im Einzelhandel hat seine Filialen mit einer simplen, nicht verkleideten Neonröhre ausgestattet. Sie war ein wesentlicher Bestandteil der „Nicht-Atmosphäre“ der Filialen, wie Roland Alter es nennt.

Die Filialen

Die Röhren stehen auch für die Weigerung, am eigenen Konzept zu arbeiten. Schon vor Jahren hätte Schlecker die Röhren abschrauben müssen – die Filialen verschönern müssen. Denn am Ende des Tages passte diese Umgebung nicht zu hochwertigen Drogerieartikeln. Zu Waschmitteln mochte die Neonröhre noch einigermaßen passen, aber nicht zu Gesichtscremes.

Die Konkurrenten

Hätten die Konkurrenten dm, Müller und Rossmann vielleicht nicht so viel Oberwasser bekommen mit ihren schönen, großen, angenehmen Läden, in denen sich die Kunden so viel wohler fühlten.

Das Informationsdefizit

Als die Krise 2004 auch in der Bilanz abzulesen ist, sind die massiven strukturellen Defizite längst da. Vermutlich wusste Anton Schlecker lange Zeit nicht einmal, wie ernst die Lage genau ist. Es trauten sich offenbar zu wenige Entscheidungsträger, Anton Schlecker über die Missstände aufzuklären.  Die Überbringer von schlechten Nachrichten hatte ja auch nichts Gutes zu erwarten, schreibt der Autor.

Kauf von Ihr Platz

2007 kauft Schlecker „Ihr Platz“. 150 Millionen Euro zahlt man für die fünftgrößte Drogeriekette Deutschlands. Doch dadurch stieg nur Schleckers Umsatz – in der Sache half der Kauf kein Stück weiter. Das Geld hätte viel besser für Modernisierungsmaßnahmen in den bisherigen Schlecker-Filialen gesteckt werden müssen.

Die Hoffnung

2008 wird für Schlecker zum Schicksalsjahr. Der Tanker dreht aber viel zu langsam: Größere Filialen sollen die Rettung bringen. Und tatsächlich halten Experten das Konzept des Konzeptes „Schlecker XL“ für gut. Läden mit bis zu 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche und 13.000 Artikeln können mit denen der Konkurrenz mithalten. Aber bei Schlecker gibt es zu wenige der großen Filialen.

Der Kostenfaktor

In dieser Phase rächte sich am meisten, dass Anton Schlecker die Mitarbeiter nicht als Erfolgs-, sondern als Kostenfaktoren ansah. Sie waren für ihn nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. So kann kein Comeback

gelingen.

Der Imageschaden

Und so kam es zur Unzeit – 2009 und 2010 – auch noch zur öffentlichen Debatte über die Arbeitsbedingungen bei Schlecker. Der Patriarch verhindere die Gründungen von Betriebsräten und das Maß an Kontrolle sei untragbar. Für viele Kunden war der Skandal ein weiterer Grund, die blau-weißen Filialen zu meiden.

Die Liquidität

In diesen Jahren baut Schlecker kräftig um: kleine Filialen werden geschlossen, große XL-Läden eröffnet. Das Thema Liquiditätssicherung spielt noch keine Rolle. In einem Interview betont Schlecker 2010 die solide Finanzbasis. Dabei ist es längst ein Schneeballsystem, die Schlecker noch über Wasser hält.

Der Widerspruch

Schleckers Strategie ist widersprüchlich: Zum einen schließt die Kette viele kleine Filialen, auf der anderen Seite steht im Firmenslogan „For you – vor Ort.“ Doch vor Ort ist Schlecker eben immer seltener. Dabei  plädiert Fachmann Alter dafür, dass Schlecker viel konsequenter das Nachbarschaftsprinzip hätte aufgeben müssen. 

Die Selbstständigkeit

Zudem hielt Anton Schlecker viel zu lange am Prinzip der Selbstständigkeit fest – vermutlich aus falschem Stolz. Dabei hätte das Unternehmen externe Hilfe viel eher gebraucht, seien es Berater oder Finanzinvestoren gewesen.

Der Abschied

Damit hängt auch zusammen, dass Anton Schlecker und seine Frau Christa viel zu lange an der Firmenführung festgehalten haben. Sie hätten es mit einem rechtzeitigen Rückzug nicht nur den Kindern leichter gemacht, sondern auch ermöglicht, dass Finanziers das benötigte Vertrauen bekommen hätten. So war kein wirksames Change Management möglich.

In der Zwischenzeit haben die nicht komplett umgerüsteten Ihr-Platz-Läden zwar weiterhin den alten Firmen-Schriftzug, doch sind Sortiment, Vertriebsnetz und Kassensysteme bereits umgestellt. Rossmann hatte nach der Schlecker-Insolvenz Ende Januar zunächst ein grundsätzliches Interesse an Schlecker- und Ihr-Platz-Geschäften in guter Lage bekundet.

Die meisten übernommenen Filialen liegen in Nordrhein-Westfalen, sowie in Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz. Im August hatte Rossmann für seine Bahnhofs-Märkte eine eigene neue Vertriebslinie bekanntgegeben. Nach Übernahme von 20 Ihr-Platz- Bahnhofsfilialen ist Rossmann in nun 33 deutschen Haupt-, Fern- und Regionalbahnhöfen vertreten. Rossmann hat dort auch Fein- und Tiefkühlkost, Wurstwaren, Molkereiprodukte und Brot im Sortiment und die Süßwaren- und Getränkesortimente erweitert.

Von

dpa

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