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23.02.2013

13:46 Uhr

Nach Vorwürfen

Von der Leyen lobt Amazon für Aufarbeitung

Die Anerkennung der Arbeitsministerin ist das erste positive Signal an den Versandhändler seit Bekanntwerden der Vorwürfe. Leiharbeiter sollen ausgebeutet worden sein - erste Änderungen sind bereits umgesetzt.

Mitarbeiter in der Versandabteilung von Amazon. dpa

Mitarbeiter in der Versandabteilung von Amazon.

München/BerlinBundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat den wegen seines Umgangs mit Leiharbeitern in die Kritik geratenen Versandhändler Amazon für seine Reaktion auf die Vorwürfe gelobt. „Ich begrüße, dass Amazon aktiv zur Aufklärung beiträgt und jetzt Betriebsräte fördern will“, sagte die Politikerin dem Magazin „Focus“. „Jeder versteht, dass Leiharbeit bei Auftragsspitzen wie vor Weihnachten ihre Berechtigung hat. Aber es muss immer fair und gerecht zugehen.“

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, schloss sich der Kritik an dem US-Unternehmen an. „Amazon bewegt sich außerhalb dessen, was ich in der Zeitarbeit für den Arbeitsmarkt als richtig empfinde. Wir brauchen die Zeitarbeit, aber in einem Maße, das anständig ist“, sagte Weise der „Welt am Sonntag“. Statt für immer mehr Regulierung, die dann doch wieder unterlaufen würde, sprach sich der BA-Chef für „gute Unternehmensführung“ aus. „Bei Amazon gibt es auch dafür Belege. Viele Arbeitsplätze wurden geschaffen, auch feste, unbefristete.“

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Es gebe zu wenig Gemeinsamkeiten für Verhandlungen, heißt es.

Der Versandhändler war durch eine ARD-Fernsehdokumentation unter Druck geraten, in der die Arbeits- und Lebensbedingungen von Saisonarbeitern aus dem Ausland am hessischen Amazon-Standort Bad Hersfeld kritisiert wurden. Das Unternehmen zog Konsequenzen und beendete die Zusammenarbeit mit zwei Dienstleistern, die für die Betreuung beziehungsweise Sicherheit der Leiharbeiter zuständig waren. Der Deutschland-Geschäftsführer Ralf Kleber hatte dazu gesagt: „Die Fernsehbilder, die wir gesehen haben, machen mich betroffen.“ Weitere Konsequenzen würden geprüft. Kleber sprach sich für mehr Betriebsräte im Unternehmen aus.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Das für die Betreuung der Leiharbeiter zuständige Leipziger Unternehmen CoCo Job Touristik ließ über einen Anwalt, der auch den umstrittenen Sicherheitsdienstleiter vertritt, die in der ARD-Dokumentation vorgebrachten Vorwürfe zurückweisen. „Wir sind unverschuldet zwischen die Fronten geraten“, heißt es in einer Stellungnahme der Firma. Man werde auch juristisch dagegen vorgehen. Die Schelte für die Sicherheitskräfte sei ebenfalls nicht gerechtfertigt, sie hätten sich nach bisherigen Erkenntnissen „korrekt“ verhalten.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Charly

23.02.2013, 14:21 Uhr

"Von der Leyen lobt Amazon für Aufarbeitung"

Diese Polit-Tusse tut gerade so, als ob Amazon das nicht vorher gewusst hätte. In Wahrheit betreibt Amazon notgedrungen nur Schadensbegrenzung in der Erwartung das genau genauso solche Sprüche von der Leyen & Co. die Lage entschärfen.

Vermutlich wissen die Amazons auch nur gar nichts davon, dass sie praktisch keine Steuern zahlen. Es ist bestimmt einfach nur noch nicht aufgefallen bei denen.

Es ist Aufgabe der Justiz gegen die Verfehlungen von Amazon strafrechtlich vorzugehen. Stattdessen kommen Belobigungen von solchen Schwafelköppen wie von der Leyer.

Wann kommt eigentlich die nächste Pressekampagne gegen korrupte Politganoven??? Wird Zeit dass der nächste Politverbrecher abgesägt wird.

Marcel

23.02.2013, 15:46 Uhr

Das ist noch gar nichts. In der USA geht's noch entsetzlicher zu. Im Vergleich wäre Walmart Arbeitgeber des Jahres...

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