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02.05.2016

10:19 Uhr

Nachhaltigkeit

Aldi und die sieben Siegel

VonFlorian Kolf

Der Discounter wird zum Volksaufklärer: In einfachen Worten führt Aldi in einer Broschüre durch den Dschungel der Nachhaltigkeitssiegel. Zugleich ist die Kampagne jedoch auch ein Versuch, dem Preiskampf zu entkommen.

Aldi will Durchblick im Wirrwarr an Siegeln und Gütezeichen schaffen. dpa

Lebensmittelsiegel

Aldi will Durchblick im Wirrwarr an Siegeln und Gütezeichen schaffen.

DüsseldorfEs klingt wie eine Folge aus den Krimiserien der Jugendbücher von „Fünf Freunde“ oder TKKG“: „Auf den Spuren der 7 Siegel“, heißt es im Titel der Broschüre geheimnisvoll. Doch schnell wird klar, dass es hier um handfeste geschäftliche Interessen geht. Denn in der oberen linken Ecke prangt das Logo von Aldi Süd.

In einer großangelegten Kampagne, die sich besonders an junge Kunden wendet, macht der Discounter Werbung für die wichtigsten Nachhaltigkeitssiegel – von Bio über Fairtrade bis zu weniger bekannten Labels wie UTZ oder PEFC. „Ein Bio- oder Fairtrade-Siegel wird noch schnell erkannt, doch bei vielen anderen Labeln bestehen Unsicherheiten, wofür sie im Einzelnen stehen. Das möchten wir mit unserer ‚7 Siegel‘-Kampagne ändern“, erklärt Ralf-Thomas Reichrath, stellvertretender Geschäftsführer im Zentraleinkauf bei Aldi Süd.

Was wirklich hinter den Siegeln steckt

Bio

Das Bio-Siegel der EU wurde im Juli 2010 eingeführt. Ein Produkt, das dieses Label trägt, darf höchsten 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Material enthalten und muss zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Landwirtschaft kommen. Vielen Bio-Herstellern sind die Kriterien an das Bio-Siegel nicht scharf genug, deswegen haben sie eigene Siegel wie Demeter oder Naturland, die höhere Anforderungen erfüllen müssen.

Fairtrade

Das Label steht für weltweit gültige Standards, die Kleinbauern stabile und auskömmliche Preise und möglichst direkte Handelsbeziehungen sichern. Dazu gehören auch die Vorfinanzierung der Produktion und ein garantierter Mindestpreis. Bei einem Produkt, das dieses Siegel trägt, müssen alle Zutaten, die unter Fairtrade-Bedingungen erhältlich sind, zu 100 Prozent Fairtrade-zertifiziert sein.

FSC

Die Non-Profit-Organisation Forest Stewardship Council vergibt dieses Siegel, um nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren. Die Produzenten müssen dafür zehn Kriterien erfüllen, die die ökonomischen, ökologischen und sozialen Standards bei den Forstbetrieben verbessern sollen. Umweltverbände kritisieren aber immer wieder, das Siegel würde zu leichtfertig vergeben.

MSC

Die private Organisation Marine Stewardship Council, die das Label für nachhaltigen Fischfang vergibt, wurde vom Konzern Unilever und der Naturschutzorganisation WWF gegründet. Betriebe die das Label bekommen, müssen unter anderem Überfischung vermeiden und das Ökosystem schützen. Auch hier gibt es Kritik an der Vergabe, beispielsweise rügt Greenpeace, dass nur 60 bis 80 Prozent der Standards erfüllt sein müssten, damit eine Fischerei das Gütesiegel erhält.

PEFC

Auch dieses Siegel soll die nachhaltige Waldbewirtschaftung sicherstellen. Im Gegensatz zum FSC, das Betriebe zertifiziert, vergibt PEFC das Siegel an Regionen. Die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung wird dann auf regionaler Ebene kontrolliert. Die Einhaltung der Standards wird regelmäßig stichprobenartig überprüft. Während das FSC-Siegel meist für Tropenholz verwendet wird, zertifiziert PEFC in der Regel europäische Wälder.

UTZ

Mit dem Label werden nachhaltig angebaute Agrarprodukte gekennzeichnet, speziell Kaffee, Tee und Kakao. Die Produzenten müssen soziale Kriterien festlegen, Anforderungen an die Umweltverträglichkeit erfüllen und eine effiziente Bewirtschaftung sicherstellen. Ein Label für fairen Handel ist UTZ jedoch nicht.

V

Das V-Siegel, das vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) vergeben wird, kennzeichnet vegetarische Lebensmittel. Produzenten müssen für die Zertifizierung ihre Zutatenliste offenlegen und ihre Produktion vor Ort überprüfen lassen. Sie müssen auf jegliche Tierkörperbestandteile, also auch etwa auf Gelatine, verzichten. Es wird inzwischen von über 250 Lizenzpartnern verwendet, zum Beispiel von Alpro, Frosta, Katjes, Valensina und Voelkel.

Die Aktion reiht sich ein in weitere Kampagnen, mit denen sich Deutschlands größter Discounter beim Umweltschutz und im Bereich „gesunde Lebensmittel“ profilieren möchte. So hat Aldi beispielsweise seinen Lieferanten seit Anfang des Jahres den Einsatz bestimmter bienentoxischer Wirkstoffe beim Anbau von deutschem Obst, Gemüse und Kartoffeln verboten. Außerdem wird im Laufe des Jahres bei allen Eigenmarken komplett auf nachhaltigen Kakao umgestellt. Darüber hinaus ist Aldi der Tierwohl-Initiative beigetreten, die Bauern Prämien zahlt, wenn sie die Haltungsbedingungen verbessern.

Mit diesen Kampagnen besonders junge Familien und Kinder anzusprechen, ist ein geschicktes Marketing. Denn gerade bei ihnen ist die Sorge um die Umwelt und eine gesunde Ernährung sehr verbreitet. Sie sollen nicht nur mit einer kindgerecht aufbereiteten Broschüre erreicht werden, sondern auch mit einem Gewinnspiel und einer Sammelaktion. In Videos im Stil des Fernsehklassikers „Dingsda“ erklären Kinder auf witzige Weise die einzelnen Siegel.

Die Vertreter der entsprechenden Siegelorganisationen und Umweltschutzverbände sind von dieser Umarmungsstrategie natürlich begeistert. Denn sie profitieren ja auch von dieser Werbung und dem zunehmenden Verkauf ihrer Produkte beim Discounter. „Wir begrüßen die neuen Kampagne von Aldi Süd, die Zielsetzung verschiedener Standardsetzer auf charmante und verständliche Weise einer breiten Konsumentenschicht zugänglich zu machen“, sagt Dieter Overath, der Vorstandsvorsitzende von Transfair.

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