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02.10.2012

16:20 Uhr

Neckermanns letzte Worte

„Die Schweinehälfte für alle“

Mit launigen Worten hat Neckermann sich auf seiner Internetseite von seinen Kunden verabschiedet. Der Versandhändler habe 62 Jahre lang vieles möglich gemacht, heißt es dort. Unter anderem die Schweinehälfte für alle.

Ein Ausschnitt der Abschiedsworte auf der Homepage von Neckermann.de.  (Quelle: Screenshot)

Ein Ausschnitt der Abschiedsworte auf der Homepage von Neckermann.de. (Quelle: Screenshot)

FrankfurtDer insolvente Versandhändler Neckermann hat sich auf seiner Internetseite mit launigen Worten von der Kundschaft verabschiedet: „Das Radio für alle. Der Fernseher für alle. Wir haben es möglich gemacht“, hieß es am Dienstag auf der Neckermann-Website. „Dann die Waschmaschine für alle. Das Moped für alle. Die Schweinehälfte für alle. Und fast insolvent. Egal.“

Die Verfasser der Abschiedsbotschaft verweisen damit auf die wechselvolle Geschichte des Unternehmens über die Jahrzehnte. Ziel ist wohl auch zu betonen, dass Neckermann wie nur wenige andere Unternehmen als Symbol für den wachsenden Wohlstand der Nachkriegsjahrzehnte in Deutschland stand.

Der Niedergang von Neckermann

2006

Aus der Neckermann Versand AG wird Neckermann.de. Die Umbenennung steht für den neuen Fokus auf Online-Versandhandel.

2007

Das Unternehmen wird mehrheitlich an den US-Investor Sun Capital verkauft, ein Stellenabbau folgt.

2010

Nach der Pleite des KarstadtQuelle-Nachfolgers Arcandor übernimmt Sun Capital auch die übrigen Anteile an Neckermann.de. Der Versandhändler hat sich nach Verlusten mit einem starken Wachstum im Online-Geschäft wieder berappelt.

April 2012

Das Unternehmen will mehr als jede zweite Stelle streichen, verabschiedet sich aus dem schrumpfenden Kataloggeschäft und will nun voll auf den Online-Handel setzen. Es war 2011 Berichten zufolge zurück in die Verlustzone gerutscht. 1380 Jobs sollen entfallen, der größte Teil am Stammsitz in Frankfurt. Das Logistikzentrum in Frankfurt, das vor allem Textilien ausliefert, soll dichtgemacht, das Eigentextilsortiment und die Kataloge sollen eingestellt werden

Mai 2012

Der Betriebsrat legt ein grobes Konzept zum Erhalt Hunderter Arbeitsplätze vor. Er will entgegen den Plänen der Geschäftsleitung am eigenen Textilangebot festhalten. Das Logistikzentrum in Frankfurt könne zum Online-Dienstleister für stationäre Textilketten werden. Geschäftsleitung und der Finanzinvestor Sun Capital lehnen das Alternativkonzept nach Angaben der Gewerkschaft jedoch ab.

Juni 2012

Die Gewerkschaft Verdi verlangt einen Tarifvertrag, in dem ein Sozialplan und eine Beschäftigungsgesellschaft geregelt sind. Eine erste Verhandlungsrunde mit dem Unternehmen endet ergebnislos. Die Beschäftigten reagieren mit Streiks.

Juli 2012

Neckermann.de stellt Insolvenzantrag. Der Eigentümer, der US-Finanzinvestor Sun Capital, stellt keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung. Der Investor hält eine nach schwierigen Verhandlungen erzielte Lösung zwischen Management und Gewerkschaft Verdi zum geplanten Stellenabbau für nicht tragfähig.

September 2012

Der letzte Interessent ist abgesprungen. Damit wird das Unternehmen zum 30. September geschlossen. Der potenzielle Investor habe wie zahlreiche andere Interessenten letztlich abgewunken, teilte die vorläufige Insolvenzverwaltung mit. Der finanzielle Aufwand sei wegen des lange Jahre entstandenen Investitionsstaus im zweistelligen Millionenbereich zu groß gewesen.

„Dann kam der Club-Urlaub für alle. Das Fertighaus für alle. Und wieder fast insolvent. Na und“, heißt es weiter auf der Neckermann-Website. „Dann der 24-Stunden-Blitz-Lieferservice. Das maßgeschneiderte Hemd für alle. Der erste Online-Shop für alle.“ Neckermann habe „vieles möglich gemacht. 62 Jahre lang.“ Die auf schwarzem Grund geschriebenen Zeilen enden mit den Worten: „Vielen Dank an alle.“

Neckermann hatte Ende September sein Geschäft eingestellt. Das Unternehmen wird nun abgewickelt. Der Versandhändler hatte im Juli Antrag auf Insolvenz gestellt, weil der US-Investor Sun Capital Partners als Eigentümer einen Sanierungsplan für das Unternehmen nicht mittragen und dafür kein Geld geben wollte.

Mit dem Aus für Neckermann wird zum 1. Oktober ein Großteil der rund 2000 Beschäftigten arbeitslos. Neckermann wurde 1950 in Frankfurt am Main gegründet. Dem Versandhändler war letztlich der Übergang ins Internet-Zeitalter nicht gelungen.

Von

afp

Kommentare (1)

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Dazzler

08.10.2012, 14:07 Uhr

...danke ver.di. Hättet Ihr der notwendigen und unternehmerisch überfälligen Abwicklung der Logistik in Ffm zugestimmt, wäre das Kerngeschäft der neckermann.de erhalten geblieben und Sun Capital hätte weiter investiert. Jetzt sind alle ohne Job, auch die Zulieferer und die Dienstleister. Karstadt, Schlecker, Neckermann - die Serie des Versagens der "Dienstleistergewerkschaft" ist ohne Beispiel!

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