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16.06.2017

14:25 Uhr

Neue ICE-Trasse Berlin-München

„Die größte Angebotsverbesserung in der Geschichte der Deutschen Bahn“

Im Dezember startet die Bahn ihre neue ICE-Trasse zwischen Berlin und München – pünktlich und im Kostenrahmen. Das bedeutet die größte Fahrplanänderung seit Jahrzehnten. Aber nur im positiven Sinne, betont der Bahnchef.

Die neue Strecke Berlin-München fährt die Bahn ab Dezember unter vier Stunden. Reuters

Neue ICE-Trasse Berlin-München

Die neue Strecke Berlin-München fährt die Bahn ab Dezember unter vier Stunden.

Erfurt/EbensfeldKonkurrenz bei Tempo 300: Mit ihrer neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Berlin und München verschärft die Bahn den Wettbewerb mit Fluglinien, Fernbussen und dem Autoverkehr. Vom 10. Dezember an verbindet sie beide Großstädte in weniger als vier Stunden. Bahnchef Richard Lutz sprach bei der Premierenfahrt am Freitag von einem Projekt mit historischem Ausmaß.

Die Zehn-Milliarden-Euro-Trasse soll den Marktanteil der Bahn auf der Strecke von 20 auf 40 Prozent verdoppeln. Auch Reisende auf anderen Verbindungen sollen profitieren – durch die größte Fahrplan-Umstellung der letzten Jahrzehnte.

Die Baustellen der Bahn

Fernverkehr

Im Herbst hat die Bahn den neuen ICE 4 vorgestellt – und sich im Fernverkehr Einiges vorgenommen. Um 25 Prozent soll das Angebot bis 2030 ausgebaut, fünfzig Millionen neue Fahrgäste gewonnen werden. Tatsächlich schafft es die Bahn mit ihrer Preisoffensive, etwa mit den 19-Euro-Tickets, mehr Fahrgäste in die Züge zu locken. Aber die Rendite leidet.

Güterverkehr

Der Güterverkehr der Bahn ist ein Sanierungsfall. Zwar verbesserte sich das Ergebnis von DB Cargo im ersten Halbjahr 2016, aber die Sparte ist defizitär – und das schon seit Jahren. Zwischen 2007 und 2015 stagnierte die Verkehrsleistung, und das in einer boomenden Wirtschaft. Private Anbieter, auch auf der Straße, machen der Bahn zunehmend Konkurrenz.

Pünktlichkeit

174,63 Millionen Minuten haben die Personen- und Güterzüge der Bahn 2015 an Verspätungen eingefahren. Hauptursache ist die wachsende Zahl von Baustellen. Zwar schneidet die Bahn im ersten Halbjahr 2016 besser ab. Aber: Das Bemühen um pünktliche Züge ist laut Bahnchef Grube „mit großen Kraftanstrengungen verbunden“.

Infrastruktur

Die Bahn investiert viel Geld in die Infrastruktur: Gut 5,2 Milliarden Euro flossen 2015 etwa in die Instandhaltung von Schienenwegen und Brücken. Doch es hapert bei der Koordinierung der vielen Baustellen. Und so verursacht die von Konzernchef Grube gefeierte „größte Modernisierungsoffensive in der Bahn-Geschichte“ vor allem eines: Verspätungen.

Privatisierung

Die Bahn braucht Geld, um den Schuldenanstieg zu bremsen. Geplant war deshalb ein Verkauf von maximal 40 Prozent der britischen Tochter Arriva und des Transport- und Logistikkonzerns DB Schenker. Arriva sollte im zweiten Quartal 2017 an der Londoner Börse starten, Schenker danach in Frankfurt. Doch die Pläne sind jetzt vom Tisch.

Stuttgart 21

Bahnchef Grube feierte kürzlich die Grundsteinlegung für den Stuttgarter Tiefbahnhof, aber das Großprojekt bleibt umstritten. Beim Volksentscheid 2011 war noch von 4,5 Milliarden Euro Kosten die Rede. Der Bundesrechnungshof hält nun offenbar zehn Milliarden Euro für möglich, Grube selbst spricht von 6,5 Milliarden Euro.

Bisher brauchen die ICE zwischen Berlin und München sechs Stunden. Nun kommt der 107 Kilometer lange letzte Abschnitt des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit 8 ans Netz, wie das 1991 beschlossene Projekt offiziell heißt. Durch 22 Tunnel und über 29 Brücken fahren die Züge mit bis zu 300 Stundenkilometern durch Berge und über Täler des Thüringer Waldes hinweg. Sie überwinden dabei über 400 Meter Höhenunterschied – Ohrendruck programmiert.

Nahezu alle Fahrpläne für Anschlusszüge würden an die neue Strecke angepasst, kündigte Lutz an: „Was nutzt mir ein pfeilschneller Zug, wenn ich in Erfurt eine halbe Stunde auf den Anschlusszug warten muss?“ Kürzere Fahrten bringe die Strecke so auch für Reisende aus Leipzig, Dresden, Halle und Erfurt. Auch Frankfurt am Main, Hamburg und Stuttgart profitierten, sagte Lutz. Der ICE-Knoten Erfurt werde die „schnelle Mitte Deutschlands“.

Frankfurt und Berlin etwa werden künftig halbstündig mit Hochgeschwindigkeitszügen verbunden. Nürnberg wird Halt für „Sprinter“-Züge. Zwischen Berlin und München sollen täglich pro Richtung drei „Sprinter“ in 3:55 Stunden fahren, zusätzlich fahren 15 normale ICE mit häufigeren Stopps in 4:25 Stunden. Wie teuer die Fahrkarten werden, ist noch unklar. Buchbar sind die Verbindungen des neuen Fahrplans ab Mitte Oktober.

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„Es ist die größte Angebotsverbesserung in der Geschichte der Deutschen Bahn“, meinte Lutz. Aus seiner Sicht nutzt der Neubau dem Projekt „Zukunft Bahn“. Unter diesem Schlagwort versucht der Bundeskonzern seit zwei Jahren, mehr Qualität auf die Schiene zu bringen und so wieder mehr Kunden anzulocken. Signale gibt es an der neuen Strecke nicht. Die Bahn steuert sie komplett über Funk und Sensoren mit dem europäischen Zugbeeinflussungssystem ETCS.

Ursprünglich sollte die 1996 begonnene Schnellfahrstrecke deutlich früher vollendet werden und nicht einmal halb so teuer werden. Das Vorhaben stellte sich jedoch als anspruchsvoller heraus als gedacht, zwischenzeitlich legte es die Bundesregierung auf Eis. Projektleiter Olaf Drescher betonte am Freitag indes, seit 2006 liege man im Zeit- und Kostenrahmen, was ein respektabler Wert sei. „Großprojekte in Deutschland - geht doch“, resümierte der Ingenieur.

Im August beginnt nach Dreschers Worten auf dem jüngsten Abschnitt der Probebetrieb, bei dem die Züge nach regulären Betriebsvorgaben auf der Strecke fahren - nur noch ohne Fahrgäste.

Kommentare (2)

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Herr Thomas Höfer

16.06.2017, 15:18 Uhr

Hm, warum sollte eine Angebotsverbesserung bei gleichbleibender Kapazität den Marktanteil der Bahn auf der Strecke Berlin-München (und zurück) verdoppeln?
Natürlich sind schnelle Bahnverbindungen wünschenswert, allerdings wird es nur jeweils 3 beschleunigte Verbindungen (4 Stunden Fahrzeit) geben. Auch werden weiterhin ein Großteil der Reisenden eben nicht von Berlin nach München oder umgekehrt unterwegs sein wird, sondern die diversen Zwischenhalte nutzt.
Dafür hat man 10 Milliarden € investiert, ein Bertrag den man in geschätzten 1.000 Jahren auf dieser Strecke nicht verdienen wird. Das kann sich in der Tat dann nur eine Staatskonzern leisten.

Herr Fernando Fernandez

16.06.2017, 19:09 Uhr

...wie kann das als Erfolg gefeiert werden 500 km in knapp 4 h ist der blanke Hohn...warum wird dafür Geld ausgegeben. Die ICE'a verdienen ihren Namen nicht. Eine solche Strecke dürfte nicht länger als 2,5 h dauern. Das würde den Pendlern Alternativen schaffen.
Düsseldorf - Hannover 250 km 2,5 h eine katastrophale Anbindung...Haltestellen Düsseldorf Haupbahnhof, Düsseldorf Flughafen, Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund, Hamm, Bielefeld, Hannover...erst ab Hamm verdient der ICE seinen Namen....zwischen DUS Hbf und Hamm hält der ICE im Schnitt alle 10 min....alle 5 min gibt es Pendelzüge im Ruhrgebiet...was für eine Planung...ohne Worte

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