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30.11.2015

12:08 Uhr

Neue Streiks

Verdi will Amazon das Weihnachtsgeschäft verderben

Wieder Streiks bei Amazon. Verdi bemüht sich, das Weihnachtsgeschäft des Versandhändlers zu stören, um einen Tarifvertrag zu erzwingen. Der Branchen-Riese aber betont: Alle Kunden würden pünktlich bedient.

Verdi will mit Streiks das Amazon-Weihnachtsgeschäft weiter stören. dpa

Streik bei Amazon in Leipzig

Verdi will mit Streiks das Amazon-Weihnachtsgeschäft weiter stören.

BerlinMit Streiks an verschiedenen Standorten will die Gewerkschaft Verdi den Druck im Dauerkonflikt um einen Tarifvertrag auf Amazon erhöhen, der Versandhandelsriese zeigt sich aber weiter unbeeindruckt. Trotz einer erneuten Welle von bundesweiten Protesten und Ausständen versicherte Amazon: „Die Kunden müssen sich keine Sorgen machen.“ Die Streiks hätten „keinerlei Auswirkungen“ auf pünktliche Lieferungen, sagte Unternehmenssprecherin Anette Nachbar.

Die allermeisten der mehr als 10.000 Beschäftigten und weiteren Saison-Aushilfen arbeiteten regulär, nur ein geringer Teil beteilige sich an den Streiks. Zudem verfüge das US-Unternehmen über ein europaweites Logistik-Netzwerk, dass die Streiks kompensieren könne.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Verdi rief an sieben Standorten zum Streik auf: Leipzig (Sachsen), Koblenz (Rheinland-Pfalz), Bad Hersfeld (Hessen), Graben (Bayern), Rheinberg und Werne (beide NRW) sowie beim DVD-Verleiher und Video-Dienst in Elmshorn (Schleswig-Holstein). Der Streik soll bis zum Ende der Spätschicht dauern, in Koblenz bis Dienstagfrüh, wie Verdi in Berlin mitteilte. Die Gewerkschaft setzt in dem Tarifstreit auf kurzfristig angesetzte Streiks.

Verdi fordert die Anerkennung des Tarifvertrags für den Einzel- und Versandhandel. Amazon lehnt Verhandlungen darüber ab. Deswegen kommt es seit dem Frühsommer 2013 immer wieder zu Streiks. Das Unternehmen sieht sich als Logistiker und verweist auf eine Bezahlung am oberen Ende des Branchenüblichen.

„Wir sind der Meinung, dass wir jeden Tag zeigen, dass man auch ohne Tarifvertrag ein guter Arbeitgeber sein kann“, betonte die Amazon-Sprecherin. An allen Standorten werde ein Stundenlohn von mindestens 10 Euro gezahlt. Der Durchschnitt liege bei 10,40 Euro. Hinzu kämen noch Sozialleistungen. Das Unternehmen arbeite auch an allen Standorten vertrauensvoll mit Betriebsräten zusammen.

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Im Internet bestellen und seine Ware binnen 30 Minuten erhalten – das soll bald Realität sein. Zumindest wenn es nach Online-Händler Amazon geht. Der Konzern hat nun die zweite Version seiner Lieferdrohne vorgestellt.

Stefanie Nutzenberger, Bundesvorstandsmitglied bei Verdi, betonte indes: „Die Beschäftigten sind unzufrieden und fordern ihr Recht auf einen Tarifvertrag ein. Amazon hingegen mauert und stellt damit erneut seine Gewerkschaftsfeindlichkeit unter Beweis.“

Zudem schildert Verdi schlechte Arbeitsbedingungen: Beschäftige beklagten unzumutbare Arbeitshetze, Leistungskontrollen und Gesundheitsbelastungen. Dies führe zu ungewöhnlich hohen Krankenständen. Und: Ein tarifliches Weihnachtsgeld läge für die Versandmitarbeiter bei 1337 Euro, Amazon zahle derzeit 400 Euro.

Auch im polnischen Breslau (Wroclaw) wollten Beschäftigte „gegen schlechte Arbeitsbedingungen“ bei Amazon protestieren.

Von

dpa

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