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08.03.2013

13:09 Uhr

Neuer Chef für BER

Mehdorn tut, was er nicht lassen kann

VonTobias Döring, Martin Dowideit, Dietmar Neuerer

Hartmut Mehdorn kennen die meisten als „Bahn-Chef“. Zuletzt war er bei Air Berlin. Nur kurz nach seinem Abgang will der 70-Jährige jetzt den Hauptstadtflughafen retten. Und muss sich mit den eigenen Klagen rumschlagen.

Hauptstadtflughafen

Ramsauer bestätigt - Mehdorn wird Flughafenchef in Berlin

Hauptstadtflughafen: Ramsauer bestätigt - Mehdorn wird Flughafenchef in Berlin

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Düsseldorf/BerlinGanze zwei Monate gelang es Hartmut Mehdorn zu rasten. Dann ließ der brachiale Manager sich erneut in die Pflicht nehmen. Der 70-Jährige kommt aus dem Kurz-Ruhestand zurück ins öffentliche Rampenlicht. Er übernimmt den Chefposten beim neuen Hauptstadtflughafen BER, dessen Fertigstellung zuletzt in immer weitere Ferne gerückt war.

Damit setzt sich Mehdorn nicht nur mit der Politik in ein Boot, die er zuvor harsch kritisiert hatte, sondern hat gleich ein Problem zu lösen, für das er selbst verantwortlich ist: die Klage von Air Berlin gegen den Pannen-Airport. Denn Anfang November vergangenen Jahres war Mehdorn noch Chef der Fluggesellschaft Air Berlin und strengte damals eine Feststellungsklage gegen den Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) beim Landgericht Potsdam an. Er pochte auf Schadenersatz wegen des Baustellen-Debakels. Der Airport soll zum Drehkreuz von Air Berlin werden, die Fluggesellschaft ist daher besonders betroffen.

Hartmut Mehdorn: Vom Flugzeugliebhaber zum Bahnchef

Kindheit in Kriegswirren

Hartmut Mehdorn kam am 31. Juli 1942 als jüngstes von vier Kindern in Warschau zur Welt, wo sein Vater als Soldat stationiert war. Er wuchs zunächst in Berlin auf. Die Familie flüchtete in den Kriegswirren nach Bayern, und der Vater gründete 1948 eine Fabrik für Kunststoff-Spritzgussteile.

Gelernter Ingenieur und Reserveoffizier bei der Bundeswehr

Mehdorn besuchte Schulen in Kipfenberg (Altmühltal), Karlsruhe, Nürnberg und Berlin und absolvierte ab 1961 in Berlin ein Ingenieurstudium der Fachrichtung Maschinenbau. Nebenher arbeitete er im väterlichen Betrieb mit. Als Reserveoffizier stieg er bei der Bundesluftwaffe zum Hauptmann auf.

Wurzeln im Flugzeugbau

Mehdorn startete seine Karriere im Flugzeugbau: Er kam 1965 zum Bremer Flugzeughersteller Focke-Wulf und wirkte dort an der Entwicklung eines ersten deutschen Zivil-Jets mit. Ab 1974 leitete er ein Programm für die Serienfertigung der ersten Airbusse (A 300).

Aufstieg bei Airbus

1979 rückte Mehdorn in den Vorstand der Holding Airbus Industrie in Toulouse ein. Er verantwortete dort bis 1984 Produktion, Einkauf und Qualitätssicherung. Damals erreichten die Flugzeugtypen A 310, A 300-600 und A 320 die Produktionsreife.

Bei der Deutsche Aerospace AG übernahm er im Dezember 1989 den Vorsitz der Geschäftsführung der damaligen Deutsche Airbus GmbH (DA) mit über 17.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 3 Milliarden DM. 1993 rückte er als ordentliches Mitglied in den DASA-Vorstand unter Jürgen E. Schrempp auf und übernahm das Ressort Luftfahrt.

Abschied von den Flugzeugen

1995 verabschiedete sich Mehdorn von den Flugzeugen und wechselte als Nachfolger des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Hilmar Dosch zur Heidelberger Druckmaschinen AG.

Die Geburt des „Bahnchef Mehdorn“

Im Dezember 1999 bekam Hartmut Mehdorn einen neuen Vornamen. Nachdem er zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn berufen wurde, war er in den Medien nur noch als „Bahnchef Mehdorn“ bekannt. Er trat dabei die Nachfolge von Johannes Ludewig an, der im September 1999 nach zwei engagierten, aber glücklosen Jahren abgetreten war.

Karrieremakel I: Das Unglück mit dem Bahn-Börsengang

Nicht erreichen konnte Mehdorn sein erklärtes Ziel, die Bahn an die Börse zu bringen, obwohl er dieses gegen alle Widerstände vorangetrieben hatte. Nach jahrelangen Debatten waren zwar 2008 von Bundestag und Bahn die Weichen für die umstrittene Teilprivatisierung gestellt worden, knapp 25 % der Anteile an der Verkehrsholding der Bahn sollten verkauft werden. 18 Tage vor dem geplanten Termin am 27. Oktober 2008 scheiterte Mehdorns Vision vom Börsengang dann jedoch kurz vor dem Ziel aufgrund des durch die Weltfinanzkrise generierten schlechten Marktumfeldes und wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Karrieremakel II: Die Datenschutzaffäre der Bahn

Zum Verhängnis wurde Mehdorn, dessen Vertrag bei der Bahn im Juni 2007 bis 2011 verlängert worden war, schließlich die im Januar 2009 öffentlich gewordene Datenschutzaffäre bei der Bahn. Im Rahmen der konzerneigenen Korruptionsbekämpfung hatte das Unternehmen in großem Ausmaß persönliche Daten von Mitarbeitern mit Lieferantendaten verglichen und darüber hinaus täglich bis zu 150.000 E-Mails von Bahnbeschäftigten überwacht.

Laut Mehdorn, der den Vorwurf einer Art Rasterfahndung zurückwies und sich in einem Brief an seine Mitarbeiter für die Überprüfungsaktionen entschuldigte, handelte es sich bei dem Ganzen jedoch „nicht um einen Datenskandal, sondern um eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmensführung und der Unternehmenspolitik“.

Rücktritt bei der Bahn

Mit dem Bekanntwerden der Datenaffäre hatte Mehdorn nicht nur das Vertrauen der Gewerkschaften und der Belegschaft, sondern auch den Rückhalt in der Politik verloren. Der scheidende Konzernchef zog dennoch ein positives Fazit über seine Arbeit: „Das, was wir erreicht haben, hat uns keiner zugetraut“, bilanzierte er und nannte seine Zeit im DB-Chefsessel „eine tolle Zeit. Manchmal ein bisschen irre, immer aufregend“.

Kurzes Intermezzo als Berater

Ab Februar 2010 betätigte sich Mehdorn in einer Bürogemeinschaft mit dem langjährigen Bahn-Finanzchef Diethelm Sack und dem früheren Chef der Dresdner Bank, Herbert Walter als Berater. Vermisst habe er nichts in dieser Zeit, sagt er in dem Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ von Katja Kraus. Wenngleich er sich erst daran gewöhnen musste, „dass nicht täglich irgendein Affe meinen Rücktritt gefordert hat.“

Zurück zur Luftfahrt: Start bei Air Berlin

So ganz gewöhnen konnte er sich an die Beschaulichkeit als Berater jedoch nicht. Er war im Aufsichtsrat von Air Berlin, als die Fluglinie Ende 2011 in Turbulenzen geriet. „Dann haben mich alle angeschaut.“ Er hat seine Frau angerufen, diesmal hat sie gesagt: „Tu, was du nicht lassen kannst.“ Er wusste ohnehin, dass sie auch diesmal mitziehen würde. Also legt sie ihm am Morgen wieder die Anzüge raus, „weil sie davon mehr versteht“, heißt es in dem Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ von Katja Kraus.

Rücktritt bei Air Berlin

Am 7. Januar 2013 nahm Mehdorn den Hut bei Air Berlin. „Jetzt ist die richtige Zeit für den Führungswechsel“, kommentierte er seinen Abschied als Chef von Air Berlin. Doch das Loslassen bei der angeschlagenen Fluglinie kam früher als erwartet. Für die weitere Sanierung der Fluggesellschaft wollte vor allem James Hogan, der Chef des Großaktionärs Etihad, wieder einen Luftfahrtmanager.

Pannenflughafen BER – Mehdorns letztes berufliches Kapitel

Nur zwei Monate nach seinem Abgang bei Air Berlin übernimmt Mehdorn am 11. März 2013 den Pannenflughafen BER und wird Chef der Betreibergesellschaft. Mit seinen Äußerungen erregt der Manager des Öfteren den Unmut der Aufsichtsräte aus der Berliner und Brandenburger Landespolitik. Differenzen mit den Aufsehern führten am Ende wohl auch zum Rücktritt. Ende März 2015 tritt Mehdorn beim BER ab. Der Hauptstadtflughafen ist immer noch nicht eröffnet, doch Mehdorn hält sich zugute, das Chaos auf der Baustelle immerhin geordnet zu haben.

Quelle: Munzinger Personenarchiv

Durch die wiederholte Verschiebung des BER-Eröffnungstermins sei seiner Fluggesellschaft ein Schaden in einem „großen zweistelligen Millionenbetrag“ entstanden, hatte Mehdorn noch kurz vor Weihnachten öffentlichkeitswirksam erläutert. Der endgültige Schaden sei noch gar nicht zu beziffern. Da war Mehdorn noch Air-Berlin-Chef, in Zukunft sitzt er auf dem Chefsessel der Flughafengesellschaft.

Interview zum Mehdorn-Wechsel: „Er steht gerne in vorderster Front“

Interview zum Mehdorn-Wechsel

„Er steht gerne in vorderster Front“

Ex-Dresdner-Bank-Chef Herbert Walter teilte sich einmal ein Büro mit Hartmut Mehdorn.

So ist Mehdorns Berufung als Feuerwehrmann für den neuen Hauptstadthafen mit einem großen Makel behaftet. Als einer seiner ersten Amtshandlungen wird der ehemalige Chef der Deutschen Bahn klären müssen, wie er Frieden mit seinem alten Arbeitgeber und anderen betroffenen Airlines wie der Lufthansa schließen will.

Die Schlüsselfiguren des Flughafenbaus

Rainer Schwarz

Der ehemalige Sprecher der Flughafen-Geschäftsführung war monatelang unter Beschuss. Er soll den Aufsichtsrat zu spät und unvollständig über die Riesenprobleme mit der Gebäudetechnik informiert haben. Mitte Januar musste Schwarz gehen.

Horst Amann

Der Technikchef und erfahrene Planungsmanager wurde im August als Retter des Projekts aus Frankfurt nach Berlin geholt. Er versprach die Flughafeneröffnung im Oktober 2013, konnte das aber nicht halten.

Klaus Wowereit

Der regierende Bürgermeister von Berlin ist nach massiven Attacken als Chef des Flughafen-Aufsichtsrats zurückgetreten. Im Aufsichtsrat sitzt er jedoch nach wie vor. Die Opposition aus Grünen, Linken und Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus hatte einen Misstrauensantrag wegen des Flughafen-Desasters gegen Wowereit eingebracht, der jedoch scheiterte.

Matthias Platzeck

Der brandenburgische Ministerpräsident war zuerst Stellvertreter Wowereits im Aufsichtsrat und folgte ihm Mitte Januar als Chefaufseher. Angesichts der schwierigen Lage stellte Platzeck im brandenburgischen Landtag die Vertrauensfrage.

Peter Ramsauer

Der Bundesverkehrsminister hat in der Krise die Rolle des drängenden Aufklärers eingenommen. Im Ministerium richtete er eine Sonderkommission ein. Ramsauer verlangte massiv die Ablösung des ehemaligen Flughafenchefs Schwarz.

Rainer Bomba

Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium ist Ramsauers Mann im Aufsichtsrat. Die Entscheidungen zu den Terminverschiebungen trug er ebenso mit wie die Erhöhung des Kostenrahmens um 1,2 Milliarden Euro.

Bei seiner Vorstellung am Freitag erklärte Mehdorn, die Klage werde nicht über seinen Schreibtisch gehen. Da hänge sein „Herzblut“ dran. Am liebsten sei ihm eine gütliche Einigung. Sein Mandat im Verwaltungsrat von Air Berlin will er niederlegen, um Konflikte auszuschließen.

Als Flughafen-Chef ginge es ihm zunächst darum, das „demolierte Vertrauen“ in der Öffentlichkeit wiederherzustellen. „Es ist mit Sicherheit komplex, technisch anspruchsvoll und schwierig“, erklärte er. „Ich kann auch nicht zaubern.“ Er werde am Montag seine neue Aufgabe antreten. Sein Vertrag läuft über drei Jahre. Sein Gehalt will Mehdorn nicht verraten. Die „Bild“-Zeitung hatte zuvor berichtet, er werden mehr als eine halbe und weniger als eine Millionen Euro im Jahr erhalten.

Kommentare (40)

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MGK

08.03.2013, 11:30 Uhr

So, nun kommt die "Brechstange", damit BER endlich mal fertig wird (wann bleibt aber weiterhin offen....).
Die Hoffnung ruht wahrscheinlich auf seinem "Netzwerk" - und seiner Fähigkeit "hinter den Kulissen zu wirken".
Allerdings zeigt das auch, wie verzweifelt die BE(R)teiligten sind.
Er wird es durchpeitschen, BER wird irgendwann öffnen - aber für Jahre eine "betriebsame Baustelle" bleiben.
Was soll´s - die Welt lacht, lachen wir mit...

Anonym

08.03.2013, 11:34 Uhr

Man kann nicht mehr lachen. Es ist zum weinen.
Wie kann man so ein unfähiger Typ dahin setzen.
Hat gerade mal bei Air Berlin versagt und ist heraus geschmissen worden.
Die Manager Landschaft ist teilweise so krank.

Numismatiker

08.03.2013, 11:39 Uhr

Mehdorn als BER-Chef: Das gibt dem Projekt endgültig den Rest.

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