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11.04.2013

15:08 Uhr

Neuer Fleischskandal

50.000 Tonnen nicht deklariertes Fleisch verkauft

Der nächste Fleischskandal für Europa. Ein niederländischer Händler soll 50.000 Tonnen nicht deklariertes Fleisch unter anderem nach Deutschland verkauft haben. Die Behörden fordern Betriebe auf die Ware aufzuspüren.

Fleischkühlhaus. Ein niederländischer Händler ist erneut negativ aufgefallen. dapd

Fleischkühlhaus. Ein niederländischer Händler ist erneut negativ aufgefallen.

AmsterdamIm möglichen neuen Pferdefleisch-Skandal hat der verdächtige niederländische Schlachtbetrieb 124 Betriebe in Deutschland beliefert. Die Überwachungsbehörden der Bundesländer würden nun veranlassen, dass die möglicherweise falsch als Rindfleisch deklarierte Ware aus dem Handel genommen wird und sie untersuchen, teilte das Verbraucherschutzministerium in Berlin am Donnerstag mit. Betroffen seien Händler, weiterverarbeitende Betriebe und Metzgereien in allen Bundesländern – außer in Bremen und im Saarland.

Die niederländische Lebensmittelkontrollbehörde hatte am Mittwoch rund 50.000 Tonnen vermeintliches Rindfleisch zurückgerufen. Das an 370 Käufer in ganz Europa ausgelieferte Fleisch des niederländischen Großhändlers Willy Selten kann demnach auch Pferdefleisch enthalten. Die Kunden in den Niederlanden wurden aufgerufen, Produkte mit Fleisch von Selten vom Markt zu nehmen. Gesundheitsgefährdend sind die Produkte aber nicht.

Laut Verbraucherministerium in Berlin steht der niederländische Betrieb in den Niederlanden im Verdacht, schon mehr als zwei Jahre lang Rindfleisch mit Pferdefleisch vermengt und falsch deklariert zu haben. Die niederländischen Behörden hätten aus Gründen des vorsorgenden Verbraucherschutzes die komplette Produktion von Januar 2011 bis Mitte Februar 2013 für den Handel gesperrt und veranlasst, die Waren vom Markt zu nehmen.

Wer alles Pferd gefunden hat

Aldi Nord

In „Tiefkühl Penne Bolognese 750 g“ und „Gulasch 540 g Dose, Sorte Rind“ hat Aldi Nord Anteile von Pferdefleisch nachgewiesen. Das Gulasch des Lieferanten Omnimax sei nur in den Regionalgesellschaften im Raum Magdeburg, im Raum Süd-Ost-Berlin, in Süd-Ost-Brandenburg und in Hoyerswerda vertrieben worden. Die „Tiefkühl Penne Bolognese“ eines anderen Lieferanten sei in allen deutschen Filialen von Aldi Nord verkauft worden.

Ende Februar nahm Aldi Nord zudem Zigeuner Hacksteaks des Lieferanten Wingert Foods aus dem Sortiment.

Aldi Süd

Aldi Süd nahm Dosen-Ravioli und -Gulasch aus den Regalen. Bei Analysen wurden bei den Produkten nach Angaben des Discounters "Anteile von Pferdefleisch" nachgewiesen. Es handelt sich demnach um "Ravioli, 800 g Dose (Sorte Bolognese)" der Eigenmarke "Cucina" vom Lieferanten BLM sowie um "Gulasch, 450 g Dose (Sorte Rind)" des Lieferanten Omnimax, das ausschließlich in Nordrhein-Westfalen verkauft wurde.

Edeka

Edeka stellte in Stichproben von Lasagne der Eigenmarke "Gut & Günstig" nach eigenen Angaben "geringe Pferdefleisch-Anteile" fest. Der Verkauf des Tiefkühlprodukts wurde gestoppt. Deutschlands größte Supermarktkette prüft weitere Artikel. Bei anderen Produkten liegen demnach aber bislang "keine Hinweise auf vergleichbare Probleme" vor. Laut Verbraucherzentrale Hamburg wurden auch Filialen der regionalen Supermarktkette Konsum Leipzig in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit der Edeka-Lasagne beliefert.

Eismann

Eismann stellte in zwei Lasagne-Produkten Pferdefleisch fest. Den Verkauf der betroffenen Ware stoppte der Tiefkühl-Heimservice nach einem ersten Verdacht. Verbraucher können die Ware Eismann-Verkäufern zurückgeben und bekommen das Geld zurück. Weitere Produkte neben der Lasagne sind laut Eismann nicht betroffen.

Ikea

Tschechische Behörden haben Ende Februar in gefrorenen Hackbällchen („Köttbullar“) Pferde-DNA nachgewiesen.

Kaiser's Tengelmann

Kaiser's Tengelmann nahm Lasagne der Eigenmarke A&P aus dem Verkauf. Die Supermarktkette rechnet inzwischen fest damit, dass das Tiefkühl-Produkt neben Rindfleisch auch Pferdefleisch enthält. Kaiser's Tengelmann wurde eigenen Angaben zufolge vom französischen Hersteller Comigel offiziell informiert, dass die von ihm für seine Kunden hergestellten Fertiggerichte "durchgängig Anteile von Pferdefleisch enthalten". Kaiser's Tengelmann hat auch eigene Tests beantragt, deren Ergebnis noch nicht bekannt ist.

Lidl

Lidl stoppte in Deutschland den Verkauf von Rindfleisch-Tortelloni der Eigenmarke Combino, nachdem Kontrolleure in Österreich darin Anteile von Pferdefleisch gefunden hatten. Der Hersteller der Nudelprodukte, Hilcona aus dem Fürstentum Liechtenstein, erklärte, er verarbeite selbst kein Frischfleisch, sondern beziehe dieses von Lieferanten. Das mit Pferdefleisch durchsetzte Rindfleisch für die Tortelloni lieferte demnach die Firma Vossko aus Ostwestfalen. Sie wiederum prüft nun, welcher ihrer Lieferanten rohes Pferdefleisch als Rindfleisch verkaufte.

Real

Real rief "TiP Lasagne Bolognese, 400g, tiefgekühlt" zurück. Bei Laboruntersuchungen mit dem Produkt der Eigenmarke war in "einzelnen Stichproben" Pferdefleisch gefunden worden.

Rewe

Rewe nahm sowohl Produkte aus dem Sortiment, welche die Supermarktkette unter ihrem eigenen Namen verkaufte, als auch Produkte eines Markenherstellers. Betroffen sind "Rewe Chili con Carne" und "Rewe Spaghetti Bolognese", die laut Rewe vom Unternehmen SGS Geniesser Service hergestellt wurden, sowie "Mou Lasagne Bolognese" und "Mou Cannelloni Bolognese" der Marke Tulip. Bei den Produkten der Eigenmarke und des Markenherstellers konnten die Produzenten Rewe zufolge nicht ausschließen, dass diese Anteile von Pferdefleisch enthalten.

Nestlé

Bei Tests sei Pferde-DNA in zwei Nudel-Produkten nachgewiesen worden, für die ein deutsches Unternehmen Fleisch geliefert habe, teilte der Schweizer Konzern in einer Erklärung mit. Die in Italien und Spanien verkauften Sorten Buitoni-Rindfleischravioli und Rindfleisch-Tortellini seien daraufhin sofort freiwillig vom Markt genommen worden. In Deutschland würden diese Gerichte nicht vertrieben.

Die Untersuchungen in Deutschland sollen nun auch zeigen, ob es Überschneidungen mit bereits bekannten Fälle gebe: Denkbar sei, dass betroffene Produkte mit Fleisch aus dem niederländischen Betrieb schon vor Wochen vom Markt genommen seien, erklärte das Bundesverbraucherschutzministerium in Berlin.

Der Skandal wird in den Niederlanden ein politisches Nachspiel haben: Parteien wollen heute (Donnerstag) eine Dringlichkeitsdebatte beantragen.

Die Kontrollbehörde hatte am Mittwoch 500 Betriebe, darunter auch deutsche, aufgefordert, die Ware bei ihren Kunden aufzuspüren und aus dem Handel zu nehmen. Die Herkunft des Fleisches sei unklar, erklärte die Behörde. Daher könne auch die Sicherheit nicht garantiert werden. Zurzeit gebe es aber keine Hinweise auf Gefahren für Menschen.

Unter Betrugsverdacht steht ein Großhändler aus dem süd-niederländischen Oss. Seit über zwei Jahren soll er Fleisch verkauft haben, ohne die Herkunft zu registrieren. Er hatte bereits zuvor Pferdefleisch mit Rind vermengt und als reines Rindfleisch verkauft.

Wahrscheinlich ist ein Teil des verdächtigen Fleisches bereits konsumiert worden, sagte der Sprecher der Aufsichtsbehörde. „Aber viel wurde auch in Tiefkühlmahlzeiten verarbeitet, und Frikadellen oder Hamburger sind sehr lange haltbar.“

Kommentare (14)

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Mazi

11.04.2013, 08:32 Uhr

Es wäre interessant zu erfahren, in welches Bundesland dieses Fleisch geliefert wurde?

Account gelöscht!

11.04.2013, 08:33 Uhr

Selbst Schuld wenn man soviel Fleisch "fressen" muß und am liebsten billig, nicht preiswert. Selbst Schuld wenn man sein Handwerk einer Industrie überläßt die wohl kaum ihre eigene Pampe essen will. Selbst Schuld wenn alles was in der Werbung angepriesen wird, auch ins "Maul" genommen wird.
Hauptsache steril, damit die Pharmaindustrie gleich doppelt kassieren kann. "Megaperls" *lol*

Account gelöscht!

11.04.2013, 09:05 Uhr

Leider kann man heute auch vom Preis nicht mehr auf die Qualität schließen. Selbst wenn ich etwas mehr ausgebe, habe ich keine Gewähr, gute Qualität zu bekommen. Meist sind nur die Gewinnmargen der Unternehmen größer. Siehe Textilbranche. Auch die teuren Marken lassen in Asien produzieren, verdienen dann eben mehr.
Die Gier der Unternehmen, fehlende Kontrollen, fehlende drakonische Strafen und die Korruption in der Politik (Lobbyismus) sin die Ursachen für Veränderungen auf diesem Feld.

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