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03.04.2013

18:49 Uhr

Neuorientierung

Deutscher Schiffbau unter Druck

Die deutsche Schifffahrtsbranche muss sich nach der Finanzkrise neu sortieren. Acht Werften sind aus dem Markt ausgeschieden, der Containerschiffbau verschwunden. Doch es gibt Zukunftschancen.

Die deutschen Werften haben angestammte Marktsegmente verloren und müssen sich neu orientieren. Die Branche setzt auf Innovation und den zukunftsträchtigen Offshore-Markt. dpa

Die deutschen Werften haben angestammte Marktsegmente verloren und müssen sich neu orientieren. Die Branche setzt auf Innovation und den zukunftsträchtigen Offshore-Markt.

HamburgDie Schifffahrts- und Finanzkrise hat den deutschen Schiffbau deutlich Substanz gekostet. Allein in den vergangenen fünf Jahren mussten acht Werften sowie eine Reihe von Zulieferbetrieben aus dem Markt ausscheiden, heißt es in einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC Pricewaterhouse-Coopers, deren erste Ergebnisse am Mittwoch in Hamburg vorgestellt wurden. Der Containerschiffbau, einst eine Domäne deutscher Werften, ging völlig verloren.

Dennoch habe die Branche gute Zukunftschancen im Spezialschiffbau und bei der Offshore-Energiegewinnung von Wind, Öl und Gas. „Die Schiffbauindustrie hat sich bis heute insgesamt wacker geschlagen“, sagte PwC-Experte Holger Jandke, der Autor der Studie im Auftrag der fünf Küstenländer und des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM).

Die größten Werft-Pleiten Deutschlands

Mai 1996

Der Bremer Vulkan geht als größter deutscher Werftenverbund in Konkurs. Knapp 2000 Beschäftigte verlieren ihren Job. Der Konzern hatte umgerechnet mindestens 435 Millionen Euro Subventionen zweckentfremdet, die eigentlich für Tochterfirmen in Ostdeutschland bestimmt waren. Der im Herbst 1995 zurückgetretene Vorstandschef Friedrich Hennemann und zwei weitere Mitarbeiter werden später wegen Untreue zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Februar 2004

Die Lloyd Werft Bremerhaven mit rund 500 Beschäftigten beantragt Insolvenz. Die finanziellen Probleme entstanden vor allem durch die Havarie des gekenterten Kreuzfahrtschiffes „Pride of America“. In der Folgezeit gelingt die Sanierung des Unternehmens, 2006 steigen die italienische Staatswerft Fincantieri und eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Bremen als Gesellschafter ein. 2011 arbeiten 200 Menschen bei Lloyd.

September 2008

Die Kieler Traditionswerft Lindenau stellt Insolvenzantrag. Die auf Doppelhüllen-Tanker spezialisierte Werft verfügt nach eigenen Angaben über Aufträge von zusammen 225 Millionen Euro. Anfang 2012 geht der Millionenauftrag für eine größere Reparatur des Marine-Segelschulschiffes Gorch Fock an die Konkurrenz. Von den ehemals 370 Beschäftigten arbeiten noch 38 bei Lindenau.

Januar 2009

Die Bremerhavener Schichau Seebeck Werft meldet Insolvenz an. Offene Verbindlichkeiten bei Lieferanten konnten trotz eines gut gefüllten Auftragsbuches nicht beglichen werden. Auf der Werft arbeiten mehr als 300 Beschäftigte. Kurz darauf wird die Werft geschlossen.

Juni 2009

Für die Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde wird trotz staatlich verbürgter Kredite in dreistelliger Millionenhöhe Insolvenz beantragt. Es scheitern zunächst alle Versuche, vorhandene Aufträge zu sichern und neue Investoren zu finden. Im August stimmt der Gläubigerausschuss dem Verkauf an den russischen Investor Igor Jussufow zu, der mit 40,5 Millionen Euro einsteigt. Auf den später in Nordic Yards umbenannten Werften arbeiten 2011 noch knapp 970 der einst 2400 Beschäftigten.

November 2011

Deutschlands älteste Werft, die Hamburger Sietas-Gruppe, geht in die Insolvenz. Im Juni 2012 wird das Unternehmen zerschlagen: Die Sietas-Werft geht an die niederländische Veka-Gruppe. Die Bremer Lürssen-Gruppe übernimmt die Reparaturwerft Norderwerft. Die norwegische TTS Group ASA erhält den Zuschlag für die Neuenfelder Maschinenfabrik. Seit dem Insolvenzantrag sind 350 der ehemals 1000 Arbeitsplätze gestrichen worden.

29. August 2012

Die P+S-Werften stellen beim Amtsgericht Stralsund einen Insolvenzantrag für die beiden Schiffbaubetriebe in Stralsund und Wolgast. Knapp 2000 Beschäftigte bangen um ihre Jobs.

„Die Branche wirtschaftet trotz massiver Nachfrage- und Preiseinbrüche ganz überwiegend profitabel und verfügt über eine gute Bonität.“ Ein Schlüsselrolle spiele neben Finanzierungsfragen und Kostenkontrolle vor allem die Innovationskraft zur Verlängerung des technologischen Fortschritts und zur Erschließung neuer Märkte.

Im Vorfeld der 8. nationalen maritimen Konferenz in Kiel (8./9.4.) äußerte der Bremer Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) heftige Kritik an der Berliner Politik. „Die Küstenländer sind keineswegs zufrieden mit der Arbeit der Bundesregierung“, sagte er. Die Krise hinterlasse tiefe Spuren in der maritimen Wirtschaft, ohne dass die Wirtschaftspolitik darauf angemessen reagiere. Notwendig sei eine schlüssige Strategie für den gesamten maritimen Sektor, entsprechend seiner Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft.

Heino Bade von der IG Metall Küste kritisierte vor allem den schleppenden Ausbau der Offshore-Windenergie, der weit hinter den gesetzten Zielen zurückbleibe. „Wir haben praktisch ein Moratorium“, sagte er. Die Politik spreche nur über Strompreise, nicht aber über Chancen, Investitionen und viele tausend qualifizierte Arbeitsplätze in Norddeutschland durch den Ausbau der Offshore-Windenergie. Die Bundesregierung müsse durch aktives Handeln diese Chancen ergreifen. Die Gewerkschaft fordere ein industrielles Bündnis für erneuerbare Energien und Arbeitsplätze in Norddeutschland.

VSM-Vorsitzender Harald Fassmer wies auf die Überkapazitäten von 50 Prozent auf den globalen Schiffbaumärkten hin. „Die Situation ist brutal, die Überkapazitäten bauen einen enormen Druck auf.“ Es koste Zeit, die Betriebe von der Serien- auf Einzelfertigung umzustellen; Projekt- und Konstruktionsabteilungen müssten in den Unternehmen teilweise erst aufgebaut werden. Manche Unternehmen hätte auch zu spät die Wende vom Fracht- zum Spezialschiffbau vollzogen. Dennoch sei er zuversichtlich, dass die Kapazitäten der deutschen Werften auch in einigen Jahren noch ausgelastet seien.

Von

dpa

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