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04.06.2016

08:31 Uhr

Nordkorea-Restaurants

Ein Abendessen bei Kim Jong Un

VonMathias Peer

Mit einer Restaurantkette versucht Nordkorea im Ausland Devisen einzuwerben. Doch das Geschäft steckt in der Krise. Ein Besuch in Bangkok zeigt, was schief läuft – und wie man die lächelnden Kellnerinnen in Rage bringt.

Die Devisenbringer des nordkoreanischen Regimes befinden sich zum großen Teil in Ländern wie China, Kambodscha, Thailand und Indonesien. Mathias Peer

Restaurant Pyongyang in Bangkok

Die Devisenbringer des nordkoreanischen Regimes befinden sich zum großen Teil in Ländern wie China, Kambodscha, Thailand und Indonesien.

BangkokDas Lächeln der nordkoreanischen Kellnerin ist verschwunden, als sie uns zusammen mit einer Aufpasserin nach dem Abendessen auf die Straße folgt. Sie ist wütend. „No, no“, ruft sie, als sie wir vom öffentlichen Gehweg aus ein Foto von dem Schild machen wollen, das dort auf ihr merkwürdiges Etablissement hinweist. „Ich rufe die Polizei“, droht die junge Dame und greift nach meiner Kamera. Ein passendes Ende für einen seltsamen Abend im Restaurant von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un.

Unter dem Namen Pyongyang betreibt das Regime des isolierten Landes eine internationale Restaurantkette als Devisenquelle. Doch die in diesem Jahr verschärften Sanktionen gegen Nordkorea erschweren das Geschäft von Kims Köchen im Ausland. Von den über 100 Pyongyang-Filialen – sie befinden sich zum großen Teil in Ländern wie China, Kambodscha, Thailand und Indonesien – haben laut südkoreanischem Geheimdienst in den vergangenen Wochen über 20 Lokale dicht gemacht. Auch in Bangkok wird offensichtlich, dass mit dem Geschäftsmodell der Kommunisten etwas nicht stimmt.

Wo der Kommunismus noch lebt

Kommunistische Regime der Gegenwart

Vor dem Fall der Sowjetunion gab es zahlreiche Länder mit kommunistischen Regierungen. 2016 verbleiben noch vier, oder - je nach Lesart des nordkoreanischen Regimes - fünf.

Quelle: dpa

China

Mit 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichstes Land der Welt. Es hat den Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt seiner Abkehr vom kommunistischen Wirtschaftsmodell zu verdanken. Seit den 1980er Jahren verfolgt China eine Politik der Reformen und der Öffnung. Die sozialistische Marktwirtschaft funktioniert nach kapitalistischen Methoden. Die kommunistische Ideologie wird gepflegt, dient aber nur dem Erhalt der Diktatur der Kommunistischen Partei.

Vietnam

Nachbarland Chinas, etwa so groß wie Deutschland ohne Hessen, mit mehr als 3000 Kilometern Küste am Südchinesischen Meer. Rund 94 Millionen Einwohner. Ho Chi Minh gründete die Kommunistische Partei in den 1930er Jahren im Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich. Nach der Niederlage Frankreichs besiegten die Kommunisten auch das US-gestützte Regime in Südvietnam. Seit 1975 regieren sie das vereinigte Land. Seit 1986 gibt es marktwirtschaftliche Reformen.

Kuba

Gut elf Millionen Einwohner, etwa so groß wie einst die DDR. Nach der Revolution von 1959 wandte es sich Anfang der 1960er Jahre zum Kommunismus und suchte bei der Sowjetunion Schutz vor dem kapitalistischen Nachbarn USA, der zuvor großen Einfluss auf der Insel hatte. Bis 2006 regierte Revolutionsführer Fidel Castro (89). Unter Fidels jüngerem Bruder Raúl (84) versucht Kuba seit einigen Jahren mit zaghaften markwirtschaftlichen Reformen, die marode Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

Laos

Armes Nachbarland Vietnams ohne Küstenzugang, etwas kleiner als die Bundesrepublik ohne die neuen Bundesländer. Knapp sieben Millionen Einwohner. Laos war Teil des französischen Kolonialgebiets Indochina. Im Vietnamkrieg wurde es zum meist bombardierten Land der Welt. US-Bomber legten weite Teile in Schutt und Asche, weil vietnamesische Kommunisten sich im Grenzgebiet versteckten. Bis heute sind die Böden verseucht. Nach dem Ende des Vietnamkriegs marschierte Vietnam ein und installierte 1975 die kommunistische Regierung.

Nordkorea

Nachbarland Chinas, etwa ein Drittel so groß wie Deutschland, 24 Millionen Einwohner. Die UN werfen der Diktatur gröbste Menschenrechtsverletzungen vor. Nordkorea hat zwar 2009 alle Bezüge zum Kommunismus aus seiner Verfassung gestrichen. Aber die Arbeiterpartei wurde 1945 als Zweig der ehemaligen Kommunistischen Partei gegründet. An der Spitze von Staat, Partei und Armee steht der Machthaber Kim Jong Un; er „erbte“ die Machtposition von seinem Vater. Bereits sein Großvater Kim Il Sung war mit Hilfe Moskaus an die Spitze der Partei gelangt und wird als Staatsgründer verehrt.

Zwei Ableger hat die Pyongyang-Kette in der thailändischen Hauptstadt. Eine von ihnen hat seit Monaten geschlossen. Ein Schild am Eingang verweist auf Renovierungsarbeiten. Von Handwerkern ist jedoch nichts zu sehen. Eine für Ende April geplante Neueröffnung wurde erst auf Ende Mai verschoben. Nun ist auf einer Hinweistafel von Ende Juni die Rede. Das zweite Restaurant in dem Stadtteil Ekkamai ist noch geöffnet. Doch bei unserem Besuch an einem Donnerstagabend wirkt es nicht so, als könnte Nordkoreas Oberster Führer mit der Außenstelle besonders zufrieden sein.

Das Lokal befindet sich in einer Gegend, die besonders bei Expats – Arbeitskräfte aus dem Ausland – beliebt ist. Gastronomen liefern sich hier einen harten Wettbewerb. Im Umkreis von 200 Metern gibt es ein chinesisches Dim-Sum-Restaurant, einen Laden mit Spezialitäten aus Nordthailand, einen japanischen Grill-Imbiss und eine englische Gaststätte. Der nordkoreanische Laden liegt versteckt in einer Seitengasse. Über dem Eingang leuchten Lichterketten, wie man sie normalerweise nur von Weihnachtsbäumen kennt. Auf einem Banner mit Gänseblümchenhintergrund steht der Restaurantname in lateinischen Buchstaben und koreanischen Schriftzeichen. Geschlossene Vorhänge an sämtlichen Fenstern verhindern einen Blick nach innen.

Eine junge Frau öffnet uns die Tür und bringt uns an einen Tisch. Ein Schild mit zwei unmissverständlichen Piktogrammen macht von Beginn an klar: keine Fotos, keine Videos. Wir wollen von der Kellnerin wissen, was hinter dem Verbot steckt. Sie lächelt und bringt uns die Speisekarte.

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