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19.09.2014

14:59 Uhr

Obst und Gemüse Kongress 2014

„Wenn die Kanonen donnern, krachen die Preise“

VonLisa Hegemann, Stefan Kaufmann

Auf die EU-Sanktionen antwortet Russland mit eigenen Strafmaßnahmen. So gilt ein Einfuhrstopp für Obst und Gemüse. Während die einen Händler Hilfe von der Politik fordern, fürchten andere langfristig Nachteile.

Moskau verschmäht europäische Äpfel. Das merken auch die deutschen Händler. dpa

Moskau verschmäht europäische Äpfel. Das merken auch die deutschen Händler.

DüsseldorfAlexander Krings liefert selbst nicht nach Russland, doch den russischen Importstopp merkt er trotzdem. Der Geschäftsführer von Krings Früchte Logistik (KFL), einem Familienbetrieb aus Rheinbach, glaubt zwar nicht, dass sein Unternehmen Absatzprobleme bekommen wird. Doch: „Es geht nicht darum, etwas zu verkaufen, sondern zu welchem Preis“, sagt der Diplom-Kaufmann gegenüber Handelsblatt Online. Damit spricht er aus, worüber die ganze Branche diskutiert: die Folgen des Russland-Embargos.

Auf dem Deutschen Obst und Gemüse Kongress (DOG) in Düsseldorf ist der russische Importstopp eines der dominierenden Themen. Sowohl die Verbände als auch die Händler und Produzenten fürchten, dass die Krise zwischen Moskau und der Ukraine langfristig Auswirkungen auf ihr Geschäft haben könnte – obwohl der russische Markt gar kein großer Abnehmer der deutschen Produkte ist. Lösungsideen reichen von dem Ruf nach der Politik über ausharren bis hin zu einer stärkeren europäischen Verbundenheit.

Seit Ende Juli dürfen die europäischen Obst- und Gemüsehändler keine Waren mehr nach Russland liefern. Besonders hart trifft das die Apfelbranche. Moskau importiert jährlich etwa 1,2 Millionen Tonnen Äpfel, ein Großteil davon kommt aus der Europäischen Union (EU). Aus Deutschland kamen davon nach Schätzungen etwa 25.000 bis 30.000 Tonnen. Das ist angesichts einer produzierten Menge von etwa in Deutschland nicht viel. Die Probleme ergeben sich durch die Exportmengen anderer Länder.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Das beste Beispiel: Polen. Das deutsche Nachbarland hat 2013 laut DFVH rund 970.000 Tonnen an Äpfeln nach Russland geliefert. Nun muss diese Ernte auf anderen Märkten verkauft werden. Und das drückt die Preise in der Branche, die wegen der Rekordernte in Europa ohnehin schon unter Druck standen.

„Die Auswirkungen sind indirekt“, sagt Hans-Christoph Behr, Bereichsleiter der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). Zwar seien die Exporte aus Deutschland schon im Vorjahr deutlich zurückgegangen, doch die Konkurrenz durch die Ernten aus Polen, Spanien oder den Niederlanden merke man trotzdem.

KFL-Geschäftsführer Krings nennt ein konkretes Beispiel für das Problem: So kosten 18 Kilogramm Äpfel im Normalfall über 20 Euro, manche spezielle Sorten sogar bis zu 28 Euro. Doch weil das Angebot durch das Russland-Embargo und die gute Ernte so stark gestiegen ist, verkauft ein Discounter diese 18 Kilogramm nun für drei Euro. „Ausländische Produzenten kommen mit Ramschpreisen auf den Markt“, sagt er. Gerhard Dichgans, der Direktor des Verbands der Südtiroler Obstgenossenschaften (VOG), formuliert es so: „Wenn die Kanonen donnern, dann krachen die Preise.“

Kommentare (11)

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Herr Karl Reinhard Koenen

19.09.2014, 15:29 Uhr

Brasilianische Äpfel sind auch garnicht so schlecht. Man sollte sich doch mal informieren, wie zurzeit die Exporte von Schweinefleisch, Rindfleisch, Geflügel, Obst und Gemüse aus Brasilien nach Russland explodieren. Das könnte auch sehr gut zu einer Dauereinrichtung führen. Nicht umsonst basteln die BRICS-Lander zurzeit an engeren Kooperationen! Die Einfältigkeit europäischer Sanktionspolitik gegenüber Russland ist kaum noch zu überbieten.

Herr C. Falk

19.09.2014, 15:38 Uhr

"Sanktionen sind dummes Zeug" Zitat Helmut Schmidt.

Frau Merkel verkauft uns dieses dumme Zeug als einen besonders guten, wiksamen und "nachhaltigen" Politikansatz.

Herr Ylander Ylander

19.09.2014, 16:05 Uhr

Andererseits eine Chance, in uns zu gehen und uns auf unsere Qualitäten zu besinnen:

nicht Äpfel aus Chile oder Neuseeland beim Discounter kaufen, sondern Äpfel aus der Region auf dem Bauernmarkt.

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