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24.12.2016

08:35 Uhr

ÖBB statt DB

Mit den Österreichern durch die Nacht

Das Ende einer Ära: Die Deutsche Bahn hat keine Schlaf- und Liegewagen mehr. Dafür versuchen es die Österreichischen Bundesbahnen mit neuen Strecken in Deutschland. Eine Fahrt im Nachtzug quer durch die Bundesrepublik.

Derzeit fahren eine Millionen Menschen pro Jahr mit einem ÖBB-Nightjet. dpa

ÖBB-Nachtzug in München

Derzeit fahren eine Millionen Menschen pro Jahr mit einem ÖBB-Nightjet.

Hamburg/München21.15 Uhr, Hamburger Hauptbahnhof. Mit etwas Verspätung rollt der Nachtzug aus dem Bahnhof. Ziel: Innsbruck. In einem Abteil des Schlafwagens wurde das oberste von drei schmalen Betten bereits mit weißer Bettwäsche und einem flauschigen Kissen hergerichtet. Ein Willkommenspaket wartet auf den Bahnreisenden: Ein Fläschchen Prosecco, Saft und Wasser, dazu Pantoffeln und Handtücher versehen mit dem Schriftzug „Nightjet“.

Die Österreichische Bundesbahnen (ÖBB) bemühen sich um ihre neuen deutschen Kunden. Denn seit dem 11. Dezember steht der neue Fahrplan: Die Deutsche Bahn (DB) hat die City Night Line, ihre Züge mit Schlaf- und Liegewagen, komplett eingestellt – dafür hat die ÖBB zwei neue Nightjet-Verbindungen von Deutschland nach Österreich, eine in die Schweiz und drei nach Italien (hin und zurück) in Betrieb genommen. Verbindungen von Hamburg und Düsseldorf nach Wien gab es bereits.

Die Baustellen der Bahn

Fernverkehr

Im Herbst hat die Bahn den neuen ICE 4 vorgestellt – und sich im Fernverkehr Einiges vorgenommen. Um 25 Prozent soll das Angebot bis 2030 ausgebaut, fünfzig Millionen neue Fahrgäste gewonnen werden. Tatsächlich schafft es die Bahn mit ihrer Preisoffensive, etwa mit den 19-Euro-Tickets, mehr Fahrgäste in die Züge zu locken. Aber die Rendite leidet.

Güterverkehr

Der Güterverkehr der Bahn ist ein Sanierungsfall. Zwar verbesserte sich das Ergebnis von DB Cargo im ersten Halbjahr 2016, aber die Sparte ist defizitär – und das schon seit Jahren. Zwischen 2007 und 2015 stagnierte die Verkehrsleistung, und das in einer boomenden Wirtschaft. Private Anbieter, auch auf der Straße, machen der Bahn zunehmend Konkurrenz.

Pünktlichkeit

174,63 Millionen Minuten haben die Personen- und Güterzüge der Bahn 2015 an Verspätungen eingefahren. Hauptursache ist die wachsende Zahl von Baustellen. Zwar schneidet die Bahn im ersten Halbjahr 2016 besser ab. Aber: Das Bemühen um pünktliche Züge ist laut Bahnchef Grube „mit großen Kraftanstrengungen verbunden“.

Infrastruktur

Die Bahn investiert viel Geld in die Infrastruktur: Gut 5,2 Milliarden Euro flossen 2015 etwa in die Instandhaltung von Schienenwegen und Brücken. Doch es hapert bei der Koordinierung der vielen Baustellen. Und so verursacht die von Konzernchef Grube gefeierte „größte Modernisierungsoffensive in der Bahn-Geschichte“ vor allem eines: Verspätungen.

Privatisierung

Die Bahn braucht Geld, um den Schuldenanstieg zu bremsen. Geplant war deshalb ein Verkauf von maximal 40 Prozent der britischen Tochter Arriva und des Transport- und Logistikkonzerns DB Schenker. Arriva sollte im zweiten Quartal 2017 an der Londoner Börse starten, Schenker danach in Frankfurt. Doch die Pläne sind jetzt vom Tisch.

Stuttgart 21

Bahnchef Grube feierte kürzlich die Grundsteinlegung für den Stuttgarter Tiefbahnhof, aber das Großprojekt bleibt umstritten. Beim Volksentscheid 2011 war noch von 4,5 Milliarden Euro Kosten die Rede. Der Bundesrechnungshof hält nun offenbar zehn Milliarden Euro für möglich, Grube selbst spricht von 6,5 Milliarden Euro.

Mit dem Angebot erhofft sich die ÖBB einen Schub für ihr Nachtzug-Geschäft. Bis 2020 erwartet sie nach eigenen Angaben zusätzlich 1,8 Millionen Fahrgäste. Derzeit fahren eine Millionen Menschen pro Jahr mit einem ÖBB-Nightjet. Mit dem vergrößerten Angebot ergeben sich für die ÖBB auch Synergien mit einigen der bestehenden ÖBB-Nachtverbindungen, wie der Konzern mitteilt – Züge werden etwa in Nürnberg zusammengeführt.

Der Deutschen Bahn bereiteten die Nachtzüge hingegen in letzter Zeit nur Ärger. Bei 90 Millionen Jahresumsatz machte die Bahn mit der City Night Line zuletzt 30 Millionen Euro Verlust, wie Bahn-Vorstandsmitglied Berthold Huber sagte.

Warum sollte es den Österreichern besser ergehen? „Die ÖBB glaubt an den Nachtzug“, sagt Bahn-Forscher Marco Bellmann von der Technischen Universität Dresden. Während es für die DB ein Nischengeschäft war, hat sich die ÖBB auf Nachtzüge spezialisiert. Etwa 17 Prozent ihres Umsatzes im Fernverkehr kommt aus der Nacht.

Rund 40 Millionen Euro will die ÖBB nach eigenen Angaben insgesamt in die Beschaffung von 42 Schlaf- und 15 Liegewagen der DB und den Umbau weiterer Wagen investieren. Betten sollen erneuert, das Innen- und Außendesign soll aufgepäppelt werden. Denn abgesehen von dem Willkommenspaket und dem Schriftzug „ÖBB“ an der Außenwand erinnert der Schlafwagen von Hamburg nach Innsbruck noch stark an den vorherigen Besitzer.

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