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09.01.2014

15:49 Uhr

Online-Handel

Frankreich landet Schlag gegen Amazon

VonThomas Hanke

Ein neues Gesetz soll die Preise im Online-Handel erhöhen: Die französische Regierung will Amazon verbieten, Preisnachlässe mit einer Gratislieferung zu verbinden. Denn sie sieht die kulturelle Vielfalt bedroht.

Amazon-Logistikcenter in Lauwin-Planque, Nordfrankreich: Gegen Amazon hat sich eine Menge Unmut angestaut. ap

Amazon-Logistikcenter in Lauwin-Planque, Nordfrankreich: Gegen Amazon hat sich eine Menge Unmut angestaut.

ParisDer französische Staat startet seinen Feldzug gegen den Online-Händler Amazon. In der Nacht zum Donnerstag hat auch der Senat einem Gesetz zugestimmt, dass es allen Online-Händlern verbietet, Preisnachlässe mit einer Gratislieferung zu verbinden. Die klassischen Buchhandlungen sehen in dieser, vor allem von Amazon betriebenen Praxis, einen gezielten Schlage gegen ihre Existenz.

„Ziel des Gesetzes ist es, dass Bücher im Online-Handel mehr kosten als in den Buchhandlungen", sagte einer der Autoren des Textes. Die Kulturministerin Aurélie Filippetti begrüßte das Votum. Amazon dagegen kritisierte, das damit beschlossene Gesetz verringere die Kaufkraft der Franzosen.

Wie schon in der Nationalversammlung stimmten auch im Senat Rechte und Linke einmütig für das Gesetz. Gegen Amazon hat sich eine Menge Unmut angestaut, weil man den aus den USA stammenden Giganten als Gefahr für die kulturelle Vielfalt sieht. Außerdem gibt es Kritik an angeblich zu geringen Steuerzahlungen in Frankreich und an den Arbeitsbedingungen.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Sicher kann man Amazon viele Vorwürfe machen. Ob der Online-Handel allerdings die kulturelle Vielfalt verringert, ist fraglich. Wer in französischen Buchhandlungen einen bestimmten Titel sucht, wird oft nicht fündig. Bestellungen sind Glückssache, über Nacht wie im deutschen Buchhandel funktionieren sie nicht, feste Lieferfristen werden nicht zugesichert. Mittlerweile beginnt der klassische Buchhandel, sich umzustellen und akzeptiert teilweise auch Online-Bestellungen. Doch insgesamt hat der Service sich noch nicht entscheidend verbessert.

Buchhandlungen halten ungefähr denselben Marktanteil von rund 23 Prozent wie die Buchabteilungen der großen Supermärkte wie Leclerc, Auchan und Carrefour. Die sind meist ein Paradies des schlechten Geschmacks: Angeboten werden allein knallige Titel mit viel Gewalt, Herz und Schmalz sowie manchmal die aktuellen Bestseller.

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

09.01.2014, 16:11 Uhr

So sind sie halt - die Roten (Franzosen). Die Ideologie sagt: "Amerikanische Großkonzerne sind böse und müssen bekämpft werden!". Deren "Profitgier" hat uns Konsumenten aber sehr, sehr viele Vorteile gebracht - wie im Artikel richtig beschrieben.

wirtschaft

09.01.2014, 16:54 Uhr

Das Problem solcher Geschäfte ist doch ein ganz anderes. Das ganze Geschäftsmodell beruht hauptsächlich darauf, sich die Rosinen herauszupicken. Die Firmenzentrale befindet sich in Luxemburg. Amazon verkauft seine Produkte an französische Kunden. In Frankreich zahlen diese keinen einzigen Cent an Steuern (die MwSt. zahlen die Kunden). Da Luxemburg niedrige Steuersätze hat, bleibt ein Großteil des Gewinns bei Amazon hängen.

Zudem führt das Modell des Versandhandels zu einen hohen Transportaufkommen, welches per Lkw, Schiene, etc. abgewickelt wird. Die entstehenden Abgase und Lärmemissionen führen zum Klimawandel (dadurch zu Naturkatastrophen), Krankheiten, etc. Diese Kosten schlagen allerdings bei einem Dritten und nicht bei Amazon auf. Diese Problematik nennt man externe Kosten. Es ist dringend an der Zeit diese Kosten endlich mal zu internalisieren.

Von daher begrüße ich diese Entscheidung.

P.H.

09.01.2014, 17:12 Uhr

@Wirtschaft. So ein Quatsch. Die Nutzung des Versandhandels führt zu erheblich weniger CO2 Belastung! Was verursacht mehr CO2 Emissionen? Die Lieferung großer Sendungen an wenige Amazon Zentrallager, oder an tausende Einzelhändler vor Ort? Wohl letzteres. Und bei der Auslieferung an den Endkunden? Wenige Zusteller der Logistik-Dienstleister beliefern nacheinander eine große Anzahl Kunden zu Hause mit einem Zustellfahrzeug. Gehen wir mal davon aus, dass der Paketfahrer 100 Pakete an Konsumenten abliefert. Wie hätten diese aber das gewünschte Produkt sonst erhalten, wenn Sie nicht im Versandhandel gekauft hätten? Richtig. Sie hätten alle den Einzelhandel vor Ort aufsuchen müssen. Und mindest 50 der 100 Kunden wären mit dem Auto zum Einzelhändler gefahren. Also ein Vielfaches der CO2 Emissionen die der Zustellfahrer verursacht.

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