Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.03.2017

22:22 Uhr

Online-Konkurrenz

Die Schonzeit für die Supermärkte ist vorbei

Frische Lebensmittel per Mausklick: Supermärkte und Drogeriemarktketten müssen sich zur Zeit noch nicht mit der Internetkonkurrenz messen. Der Branchenriese Amazon könnte das künftig ändern.

Die Veränderungen, vor denen die Branche steht, dürften gewaltig sein. dpa

Lebensmittel im Internet

Die Veränderungen, vor denen die Branche steht, dürften gewaltig sein.

DüsseldorfWährend der Modehandel und Elektronikanbieter unter dem Siegeszug des Online-Handels ächzen, spüren Supermärkte und Drogeriemarktketten bislang nur wenig von der Internetkonkurrenz. Nur etwa ein Prozent der Branchenumsätze von rund 170 Milliarden Euro in der Branche werden bislang online gemacht. Doch die Anzeichen mehren sich, dass die Schonzeit für Deutschlands Lebensmittelhändler zu Ende geht.

Signal 1: Das Online-Wachstum zieht an

Im vergangenen Jahr steigerte der Online-Handel nach Angaben des Branchenverbandes bevh seine Umsätze mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs um satte 26,7 Prozent auf 932 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der Internethandel insgesamt legte „nur“ um 12,5 Prozent zu.

Signal 2: In Randsegmenten punkten Online-Händler bereits kräftig

Auch wenn die meisten Verbraucher noch davor zurückschrecken, Hackfleisch oder Joghurt im Internet zu bestellen, können die Online-Händler doch schon in einigen Randsegmenten des Lebensmittelhandels punkten - etwa beim Tierfutter. Der bayerische Onlinehändler Zooplus steigerte im vergangenen Jahr seine Umsätze europaweit um 28 Prozent auf 908 Millionen Euro. Rund ein Viertel davon dürfte auf Deutschland entfallen.

Signal 3: Angstgegner Amazon steht offenbar in den Startlöchern

Der deutsche Lebensmittelhandel wartet seit Monaten gebannt darauf, wann der US-Internetriese seinen Lebensmittel-Lieferdienst Amazon Fresh auch in Deutschland an den Start bringt. Jetzt scheint der Zeitpunkt in greifbare Nähe gerückt. Das Branchenfachblatt „Lebensmittel Zeitung“ berichtet unter Berufung auf „Lieferanten und Geschäftspartner“ des US-Konzerns, dieser wolle im April mit seinem Service in Berlin starten.

Neue Ideen für die Online-Lieferung

Drohnen

Als Amazon-Chef Jeff Bezos Ende 2013 in einem TV-Interview den Prototypen seiner kleinen Fluggeräte zur Warenlieferung vorstellte, hielten das viele zunächst für einen Werbegag. Doch Amazon meint es ernst und hat mit „Prime Air“ sogar schon einen Namen für den Service. Ob und wann Amazon-Bestellungen tatsächlich im Alltag per Drohne geliefert werden könnten, ist offen - der Konzern testet noch. Eine Hürde bleibt auch die rechtliche Grundlage. Dies schreckt Konkurrenten jedoch nicht von eigenen Versuchen ab. So hat die Deutsche Post den automatischen „Paketcopter“, der 2014 testweise die Nordseeinsel Juist unter anderem mit Medikamenten versorgte. Und Google arbeitet bei „Project Wing“ an Mini-Fliegern mit Seilwinde.

Lieferroboter

Die Fahrzeuge, die äußerlich an einen großen Mars-Rover erinnern, sollen neben Fußgängern auf Gehwegen unterwegs sein. Die Firma Starship zum Beispiel, mit der unter anderem der Paketdienst Hermes und der Handelskonzern Metro zusammenarbeiten, will damit Waren mit einem Gewicht von bis zu 15 Kilogramm auf eine Entfernung von fünf Kilometern befördern. Die Vision ist, dass ein Mitarbeiter über das Internet 50 bis 100 automatische Lieferroboter überwacht. Starship peilt Kosten von rund einem Dollar pro Zustellung an. Die Pizza-Kette Domino's testete einen eigenen Lieferroboter in Australien. In Deutschland gibt es das Problem, dass der Betrieb solcher Fahrzeuge im Alltag nicht geregelt ist.

Kofferraum

Warum die Pakete immer nach Hause liefern, wenn der Adressat vielleicht gerade woanders unterwegs ist? Die Idee, die Pakete vom Zusteller einfach im Kofferraum zu platzieren, nimmt dabei konkrete Formen an. Der Zusteller bekommt dafür einen ein Mal gültigen Code, mit dem er die Klappe öffnen kann. Die Position des Fahrzeugs wird per GPS bestimmt. Der Paketdienst DHL testet die Kofferraum-Zustellung in einigen deutschen Städten mit jeweils mehreren hundert Smart-Fahrern. Unter anderem auch Audi, BMW und Volvo arbeiten an einem solchen Verfahren.

Crowdshipping

Warum nicht den Nachbarn zum Paketboten machen? Zahlreiche Start-ups versuchen gerade, daraus eine Geschäftsidee zu machen. Kern ist eine App, die Händler, Lieferanten und Kunden verknüpft. Wer ohnehin unterwegs ist, kann dann Pakete für andere mitnehmen und sich so etwas Geld verdienen. So gut die Idee ist, so schwierig scheint sie umzusetzen zu sein: DHL hat damit schon erfolglos experimentiert, Walmart einen Feldversuch abgebrochen. Auch Amazon testet den Service.

Kühlboxen

Die britische Supermarktkette Waitrose hat als erster mit dieser Idee Furore gemacht: Gekühlte Abholstationen für online bestellte Lebensmittel. Auch die britische Walmart-Tochter Asda experimentiert mit Kühlfächern an Tankstellen. Geöffnet werden sie per QR-Code oder PIN, die Kunde per Mail bekommt. Auch Rewe probiert bereits die Idee aus.

Zwar schweigt Amazon selbst zu den Spekulationen, der Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein ist jedoch überzeugt: „Das Jahr 2017 wird das Jahr des Dammbruchs im Onlinehandel mit Lebensmitteln, und Amazon wird der Dammbrecher.“ Die Entwicklung werde wahrscheinlich ähnlich verlaufen wie in anderen Branchen. „Jahr für Jahr werden mehr Umsätze ins Internet abwandern. Am Anfang wird es ein Rinnsal sein, am Ende ein reißender Strom“, meint Heinemann. Und fügt noch hinzu: „Es ist eine Einbahnstraße. Was weg ist, kommt nicht mehr zurück.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×