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21.02.2013

19:55 Uhr

Onlinehändler

Amazon will mit Verdi nicht über Tarifvertrag verhandeln

Das Glanz-Image von Amazon hat dicke Kratzer bekommen. Mit Gesprächen über einen eigenen Tarifvertrag könnte sich das ändern, doch der Konzern lehnt ab. Es gebe zu wenig Gemeinsamkeiten für Verhandlungen, heißt es.

Zu wenig Gemeinsamkeiten für Tarifverhandlungen: Amazon betont, gute Löhne für Logistiker-Verhältnisse zu zahlen. dpa

Zu wenig Gemeinsamkeiten für Tarifverhandlungen: Amazon betont, gute Löhne für Logistiker-Verhältnisse zu zahlen.

München/BerlinDer in die Kritik geratene Versandhändler Amazon will mit der Gewerkschaft Verdi nicht über einen Tarifvertrag verhandeln. Zwar sei das Unternehmen bereit, informelle Gespräche fortzusetzen – es sehe derzeit aber „zu wenige Gemeinsamkeiten, um Verhandlungen aufzunehmen“, teilte eine Amazon-Sprecherin am Donnerstagabend in München auf Anfrage mit. „Von Verdis scharfen Angriffen und Anschuldigungen in den letzten Tagen sind wir enttäuscht.“

Zuvor hatte die Gewerkschaft Verdi mitgeteilt, Amazon wolle keine Tarifverhandlungen. Verdi-Verhandlungsführer Jörg Lauenroth-Mago nannte dies „völlig unakzeptabel“. Er kritisierte nach einem Gespräch mit der Amazon-Geschäftsführung am Standort Leipzig: „In der aktuellen Lage muss Amazon doch alles für ein besseres Image tun. Dazu gehört, wer viel von seinen Beschäftigten hält, muss auch bereit sein, faire Arbeitsbedingungen tariflich zu vereinbaren.“

Amazon war nach Berichten über die Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern unter Druck geraten und hatte sich von einem Sicherheitsdienst und einem Dienstleister getrennt.

Die Gewerkschaft kämpft um höhere Löhne für die fest angestellten Beschäftigten des Versandhändlers. An den Standorten Leipzig und Bad Hersfeld in Hessen hätten erste Gespräche mit dem US-Unternehmen stattgefunden, hatte der Frankfurter Verdi-Sekretär Bernhard Schiederig am Montag gesagt.

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Verdi verlangt, dass Amazon den Flächentarifvertrag für den Einzelhandel anerkennt. Daraus würden sich deutlich höhere Stundenlöhne ergeben. Bislang orientiere sich das nicht tarifgebundene Unternehmen am Tarifvertrag für die Logistikbranche.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Amazon dagegen teilte mit, in seinen deutschen Logistikzentren 8.000 feste Arbeitsplätze geschaffen zu haben, davon allein 2.000 in den vergangenen 12 Monaten. Die Vergütung der Mitarbeiter liege am oberen Ende dessen, was in der Logistik üblich sei.

Von

dpa

Kommentare (7)

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ralf

21.02.2013, 21:32 Uhr

amazon hin oder her, mit verdi sollte niemand mehr irgendwelche verträge abschliessen.

Account gelöscht!

21.02.2013, 21:36 Uhr

Da prallen Welten aufeinander. Verdi, von den Arbeitsbedingungen und Verdiensten des Öffentlichen Dienstes und dessen paradiesischen Gegebenheiten geprägt, will wieder mal, ohne Gewichtung, einem im Existenzkampf des Marktes stehenden Konzern, erzählen, wie er zu funktionieren habe. Selbst wie die Made im Speck sitzen und nur unangemessene Forderungen stellen ist kontraproduktiv, denn das immerwährende Geldfordern und dabei von "Arbeitsbedingungen" faseln, bewirkt Verdi nur eine schnellere Geldentwertung. Null Nutzen für die Amazonmitarbeiter, höchstens ein Nullsummenspiel nach Steuern und Abgaben.
Mit dem Verein würde ich auch nicht reden und den Mitarbeitern das zugestehen, was geschäftlich und situationsgerecht machbar ist.
Daß Verdi, wie der kleine Häwelmann, immer nur "mehr" jammern kann haben diese oft genug bewiesen.

Wahnsinn

21.02.2013, 22:12 Uhr

Wer mit einer Terrororganisation wie Verdi (eine Minderheit terrorisiert die Mehrheit und nimmt sämtliche deutschen Bürger in Haft, die über steigende Preise die Irrwitzforderungen dieser Typen bezahlen dürfen und die Folgen von Streiks am eigenen Leibe ausbaden müssen) verhandelt, hat doch nicht alle Tassen im Schrank. Gewerkschaften sind überkommene Relikte einer völlig anderen Vergangenheit, die sich auf Kosten anderer an ihre Pfründe klammern und unsäglich mit den eigenen Mitarbeitern umgehen. Moderne Arbeitnehmervertretung sieht völlig anders aus und muss etwa auch die Subunternehmer mit einschließen und von Unternehmen zu Unternehmen maßgeschneidert sein, nicht der populistische Antikapitalistische Flachhammer der Gewerkschaftbosse, die Wasser predigen, aber klammheimlich Wein saufen, gern auch mit Konzernbossen, die sich über das Plattmachen des Mittelstandes freuen.

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