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20.10.2015

11:13 Uhr

Passagiere wollen Komplettpreis

Lufthansa fliegt am Kundenwunsch vorbei

VonChristoph Schlautmann

Auf Europaflügen ist die Lufthansa längst zum Billigflieger mutiert: Wünsche kosten extra – der Komplettpreis ist bei den meisten Tickets abgeschafft. Das könnte sich rächen, zeigt nun die Studie eines Kranich-Rivalen.

Billige Basistickets, die sich bei Bedarf durch Zusatzleistungen verteuern. dpa

Lufthansa mit neuem Preissystem

Billige Basistickets, die sich bei Bedarf durch Zusatzleistungen verteuern.

DüsseldorfDen Wunschsitz im Flugzeug für zehn Euro extra, das aufgegebene Gepäckstück ab 15 Euro, eine Umbuchungs-Option, die 60 bis 160 Euro mehr kostet – mit ihrem „Europa-Tarifkonzept“ imitiert die Lufthansa seit 1. Oktober die Preispolitik der Billigflieger.

Es sei „der Wunsch vieler Fluggäste, nur für diejenigen Leistungen zu zahlen, die auch tatsächlich in Anspruch genommen werden“, behauptete Lufthansa-Vertriebschef Jens Bischof noch kurz vor dem Start. Eine Studie des Meinungsforschungsinstitut Forsa, die Lufthansa-Rivale Turkish Airlines jetzt in Auftrag gab, spricht hingegen eine deutlich andere Sprache. Danach bevorzugt die weit überwiegende Anzahl an Flugreisenden Komplettpreise.

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Vielfliegerprogramme nutzen den Airlines offenbar mehr als ihren Kunden. Manchen Anbietern bringen sie mehr Gewinn als das Fluggeschäft. Passagiere sind hingegen häufig verärgert – auch bei „Miles & More“ von Lufthansa.

87 Prozent der insgesamt 2200 Befragten in Deutschland gaben an, lieber Tickets zu erwerben, in denen Freigepäck, Bordverpflegung oder Sitzplatzwahl bereits inbegriffen sind. Damit, glauben die meisten, seien die Kosten transparenter und auf einen Blick überschaubar.

Im Gegensatz dazu gehen Airlines immer stärker dazu über, auf billige Basistickets umzustellen, die sich bei Bedarf durch Zusatzleistungen verteuern. US-Airlines wie United setzen damit schon Milliarden um.

In Europa gilt die ungarische Wizz Air als führend. 35 Prozent ihres Umsatzes kommen aus dem Verkauf von Sonderleistungen, die früher üblicherweise im Ticket enthalten waren. Ryanair holt aus diesem Segment ein Viertel der Erlöse. Und auch Air Berlin hat soeben angekündigt, Fluggästen mit Standard-Ticket ab November Snacks und Getränke nur noch gegen Aufpreis zu servieren.

Mit diesen Extras verdienen die Airlines gutes Geld

Lufthansa

Im Jahr 2014 hat die Lufthansa ihre Einnahmen aus dem Vielfliegerprogramm Miles & More mehr als verdoppelt. 90 Millionen Dollar an Einnahmen standen zu Buche.

Quelle: The Car Trawler Yearbook of Ancillary Revenue

Air Asia

Air Asia bietet seinen Passagieren Wlan für weniger als drei Dollar während des Flugs an, dass für Chatprogramme wie WhatsApp benutzt werden kann.

Jetblue

Jetblue will bald neue Paketangebote vorstellen. Besonders günstig sind dabei Handgepäck-Flüge. So sollen jährlich bis zu 200 Millionen Dollar mehr eingenommen werden.

Ryanair

Billigflieger Ryanair geht davon aus, dass 25 Prozent seiner Kunden Geschäftsreisende sind. So buchen bis zu 9000 Kunden pro Tag das teurere Business-Plus-Paket.

Spirit

Spirit erzielte durch den Verkauf von zugeteilten Sitzplätzen Einnahmen von 76,2 Millionen Dollar, das entspricht im Durchschnitt 5,30 Dollar pro Passagier.

Allegiant

Im vergangenen Jahr steigerte der US-Billigflieger Allegiant seine Einnahmen durch den Verkauf von Dritt-Dienstleistungen (Hotelzimmer, Mietwagen, Hotel Shuttle Service) um 30,1 Prozent.

Volaris

Die mexikanische Billig-Airline Volaris erzielte mehr als 3,5 Millionen Euro durch Mitgliedschaften in seinem „V-Club“. Dieser bietet den Mitgliedern günstigere Flugtarife.

Tigerair

Wer schon mal am Flughafen in Singapur gestrandet ist, wird hierfür sicher Verwendung finden: Tigerair bietet mi seinem „Tigerconnect“-Programm für 18 Dollar eine Sightseeing-Tour durch die Stadt an für Kunden, die länger als acht Stunden auf ihren Anschlussflug warten müssen.

American und US Airways

Die US-Fluglinien setzten im Jahr 2014 287 Milliarden Flugmeilen für Vielflieger ab, 61 Prozent davon wurden an Mitglieder des entsprechenden Programms verkauft.

Virgin Australia

Virgin Australia verkaufte sein Vielflieger-Programm für 295 Millionen Dollar.

„An die komplizierten Preistabellen der Airlines“, glaubt Pricingexperte Christoph Lesch von der Beratungsfirma Simon-Kucher, „gewöhnt sich der Kunde leicht.“ Das alles kenne er schließlich schon von den Handy-Anbietern. Die Studie von Forsa aber scheint das zu widerlegen.

Kommentare (8)

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Herr stefan kinlel

20.10.2015, 09:29 Uhr

Das läut genau so ab wie bei dem lächerlichen Rabattsystem Vielflieger und Co. Wurst ("wir können auch billiger") vor die Nase und der gewöhnlich einfältige Kunde fliegt darauf ab. In einem Fall fliegt er mehr und bekommt am Ende einen ach so tollen Fußball geschenkt. Im anderen lügt er sich beim Sparen in die Tasche.

Herr Michael Träger

20.10.2015, 10:13 Uhr

Die Lufthansa ist dabei sich selbst aus dem markt zu katapultieren. Eine Billigline, wie Eurowings, und eine Standardlinie, wie Lufthansa, wären angemessen. Da die Lufthansa aber keine Standardlinie mehr ist, bin ich trotz Goldcard LH auf Turkish Airlines umgeschwenkt. Sehr erfolgreich.

Herr Felix Dannegger

20.10.2015, 10:16 Uhr

Habe selten einen Artikel gelesen, der in so wenigen Zeilen so eindrucksvoll belegt, dass der Verfasser völlig befreit von Wissen am Thema vorbeifliegt. Man mag vom neuen Tarifsystem der LH halten, was man möchte, den angeblich vom Kunden gewünschten Komplettpreis gab und gibt es immer (siehe "Lufthansa Flex"). Und die DCC als "Gebühr für fremde Onlineportale" zu bezeichnen - tja, auch da wäre ein wenig Vorabrecherche sicher nicht völlig verkehrt gewesen.

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