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05.07.2014

10:30 Uhr

Pendler in Deutschland

Ein „Fahrtenbuch des Wahnsinns“

Millionen Deutsche pendeln zwischen Heim und Arbeitsplatz. Was manchem Pendler schnell die Nerven raubt, wird vom Bund per Pauschale gutgeheißen. Über diese Paradoxien hat ein junger Betroffener nun ein Buch geschrieben.

Pendler auf dem Hamburger Bahnsteig. Die Betroffenen sind Teil einer rund 26 Millionen Pendler starke Gemeinde, die auf dem Weg zur Arbeit auf Bus, Bahn oder Auto angewiesen ist. dpa

Pendler auf dem Hamburger Bahnsteig. Die Betroffenen sind Teil einer rund 26 Millionen Pendler starke Gemeinde, die auf dem Weg zur Arbeit auf Bus, Bahn oder Auto angewiesen ist.

BerlinTagsüber in den lauten Metropolen Berlin, Frankfurt oder Brüssel, abends bei der Familie im ruhigen Familiendomizil auf dem Land - Millionen deutsche Pendler kennen das. Was sich zunächst gleichzeitig spannend und entspannend anhört, kann schnell zur Nervenprobe werden. Viele Pendler muten sich teils kleine, teils hunderte Kilometer weite Touren zum Arbeitsplatz zu.

Ob das verrückt ist oder zwingend notwendig, damit sowohl Job als auch Familienplanung glücken, hat der Journalist Claas Tatje nun in einem Sachbuch unter die Lupe genommen. Das „Fahrtenbuch des Wahnsinns“, wie Tatjes Erstlingswerk heißt, ist nicht bloß ein lebhaft individueller Erfahrungsbericht - es ist der Bericht dutzender Betroffener, die sich mit dem Autor über das Leiden des Pendelns unterhalten haben. Zu ihnen zählen unter anderen: Bahn-Boss Rüdiger Grube und Ex-Lufthansachef Christoph Franz. Der längjährige EZB-Direktor Jörg Asmussen, der frühere Finanzminister Hans Eichel und der entlassene HSV-Coach Thorsten Fink. Politiker, Psychologen und Pendler wie du und ich.

Die Betroffenen kreuzten oder kreuzen täglich quer durch Deutschland und sind damit Teil einer rund 26 Millionen Pendler starken Gemeinde, die auf dem Weg zur Arbeit auf Bus, Bahn oder Auto angewiesen ist. Sie betreiben „Deutschlands größten Volkssport“, wie es Tatje nennt. Sie gibt es überall - in Nordenham im Nordwesten der Pendlerrepublik, auf der Riedbahn in Südhessen und in der Dölauer Straße in Halle an der Saale. Sie alle haben ihre ganz eigenen Erfahrungen in überhitzten ICE-Waggons und auf überfüllten Autobahnen gemacht und sie Tatje erzählt. Der hat daraus auf gut 200 Seiten ein unglaublich dichtes Bild der deutschen Pendlerkultur gezeichnet.

Das sind die größten Bahn-Konkurrenten im Nahverkehr

Platz 9 – HZL und SWEG

Die Hohenzollerische Landesbahn (HZL) und die Südwestdeutsche Eisenbahngesellschaft (SWEG) haben identische Geschäftsführungen und werden daher gemeinsam betrachtet. Sie betreiben viele Verbindungen in Baden-Württemberg. Zusammen werden für die beiden Bahnen 7,3 Millionen Zugkilometer für 2014 prognostiziert.

Quelle für die Prognose: Mofair, Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (PDF)

Platz 8 – EB

Die Erfurter Bahn (EB) ist über die Stadt hinaus in Thüringen aktiv. Ende 2013 gab sie aber Strecken an die Bahn ab. 2014 soll sie auf 7,9 Millionen Zugkilometer kommen.

Platz 7 – Keolis

Keolis ist die internationale Tochter des französischen Bahnunternehmens SNCF. In Deutschland fährt sie unter dem Namen Eurobahn und bedient dabei Strecken ab dem westfälischen Hamm. 2014 werden für Keolis 12 Millionen Zugkilometer in Deutschland prognostiziert.

Platz 5 – AVG

Die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) ist das städtische Verkehrsunternehmen von Karlsruhe. Das Unternehmen betreibt aber auch Verbindungen über die Stadt hinaus. 2014 kommt die AVG laut Prognose auf 14,2 Millionen Zugkilometer.

Platz 5 – HLB

Mit 14,2 Millionen prognostizierten Zugkilometern 2014 ist die Hessische Landesbahn (HLB) gleichauf mit der AVG. Damit könnte die HLB ihre gefahrenen Kilometer steigern.

Platz 4 – Benex

Die Benex (Akronym für „better nexus“ - zu deutsch „bessere Verbindung“) ist ein Sonderfall auf dem deutschen Nahverkehrsmarkt. 51 Prozent des Unternehmens gehören der Hamburger Hochbahn, 49 Prozent einem englischen Infrastrukturfonds. Inklusive Beteiligungen soll die Verkehrsleistung 2014 bei 22,3 Millionen Zugkilometern liegen.

Platz 3 – Netinera

Netinera ist eine Tochter der italienischen Staatsbahn. Sie hat zuletzt unter anderem die Waldbahn in Ostbayern übernommen. Prognose für 2014: 24,6 Millionen Zugkilometer.

Platz 2 – Veolia

Das Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern ist der größte Konkurrent der Bahn im Nahverkehr. Veolia ist eine Tochter der französischen Transdev, dem nach eigenen Angaben größten privaten Eisenbahnbetreiber der Welt. Mit 34,5 Millionen Zugkilometern 2014 ist Veolia aber weit von der Deutschen Bahn entfernt.

Platz 1 – Deutsche Bahn

473 Millionen Zugkilometer werden für die Bahn in 2014 prognostiziert – an das Staatsunternehmen kommt kein privater Konkurrent ran.

Dabei ist der Autor selbst ein Leidtragender: Als Wirtschaftsjournalist der Wochenzeitung „Die Zeit“ war Tatje jahrelang zwischen der Arbeit in Brüssel und der Frau in Hannover unterwegs. Tatje selbst nahm das volle Programm auf sich, um Familie und Beruf unter einen Deckel zu bekommen. Nicht nur bei ihm zeigt sich schnell die Sehnsucht nach kürzeren Wegen - und damit nach mehreren Stunden mehr Freizeit pro Tag.

Tatje betet in dem Buch keineswegs schlichte Statistiken herunter. Sein Porträt des deutschen Pendlers - ein zuvor kaum in der Literatur beachtetes Individuum - ist in erster Linie ein sehr persönliches. Der Autor wollte die Gesichter möglichst genau nachzeichnen, die da frühmorgens im Bahnhofsbistro Kaffee trinken oder mit dem Handy am Ohr über die Autobahn hetzen.

Auffällig ist, dass diejenigen mit ihrem richtigen Namen im Buch stehen, die das Pendeln nicht krank und einsam gemacht hat. Wen das Pendeln dagegen in Kliniken und psychologische Behandlung brachte, bei dem wurde auf Wunsch der Befragten der Name geändert. Es sind nicht wenige. Ein Entwicklungshelfer sagt: „Pendeln ist anstrengender als das Leben in Indien, Nigeria, Ecuador und Mexiko.“

Herausgekommen ist ein Werk, dass die Paradoxien des Pendlerlebens ebenso aufzeigt wie Profiteure des Pendel-Wahnsinns. Fahrradfahrer, die sich den Luxus leisten können, die wenigen Kilometer bis zum Arbeitsplatz zu radeln - es sind laut Tatje übrigens genau 14 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer - lernen die berechtigte Grundhektik von Pendlern kennen und wissen seit diesem Werk auch endlich offiziell, warum die Pendlerpauschale ein politischer Witz ist.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Buches ist aber folgende: Die wenigsten Pendler werden zum Pendeln gezwungen. „Es gibt keinen Grund, aufs Land zu ziehen, um in der Stadt zu arbeiten“, schreibt Tatje. Diesen Satz werden überzeugte Pendler wohl ignorieren.

Von

dpa

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