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20.12.2011

13:14 Uhr

Personaldienstleister

Zeitarbeiter verzweifelt gesucht

VonMarkus Fasse, Jens Koenen

Der Markt für Zeitarbeit stößt an die Wachstums-Grenze: Die Branche verliert immer mehr qualifizierte Kräfte an ihre Kunden – denn die locken mit festen Stellen. Die goldene Epoche der Personaldienstleister geht zu Ende.

Die Autoindustrie gehört zu den Top-Kunden der Zeitarbeitsunternehmen. ZB

Die Autoindustrie gehört zu den Top-Kunden der Zeitarbeitsunternehmen.

München, FrankfurtHolger Küster kann sich vor Aufträgen kaum retten. Gut 1.000 Mitarbeiter beschäftigt er als Geschäftsführer der Aviation Power, eines Zeitarbeitsunternehmens für Fluglinien. Aber im Moment gehen die Geschäfte fast zu gut. 150 gut ausgebildete Mechaniker und Kaufleute wechseln derzeit fest zur Lufthansa Technik. „Unsere Mitarbeiter werden abgeworben, das ist Teil unseres Geschäftes“, sagt Küster, der sich nicht über das Gebaren seiner Kunden beklagen will. Aber so langsam wird es eng auf dem Markt. „Wir haben immer mehr Probleme, neue Leute für die Zeitarbeit zu finden.“

„Klebeeffekt“ nennen es Arbeitsmarktexperten, wenn Zeitarbeiter bei ihren Einsätzen für feste Stellen abgeworben werden. Das passiert immer öfter. „Wir werden in diesem Jahr mehr Übernahmen haben“, bestätigt Ingrid Hofmann, Inhaberin des gleichnamigen Personaldienstleisters, der vor allem mit der Autoindustrie im Geschäft ist. Hofmann schätzt, dass sie in diesem Jahr jeden vierten ihrer Zeitarbeiter an ihre Kunden abgeben wird.

Damit wechseln alleine bei Hofmann 5.000 Leiharbeiter in feste Jobs. „Auch unsere Kunden stellen unsere Leute vermehrt fest ein“, sagt eine Sprecherin des Branchenführers Randstad. Die Niederländer gehen davon aus, in diesem Jahr jeden dritten Mitarbeiter an ihre Kunden zu verlieren, das wären rund 20.000 in Deutschland.

900.000 Zeitarbeiter gibt es in Deutschland in diesem Herbst, so viele wie noch nie. Doch die Branche erlebt derzeit die Grenzen des Wachstums. Seit Monaten klagt der Bundesverband Zeitarbeit über „massive Übernahmewellen“, die den Personaldienstleistern das Leben schwer machen. „Unsere Kunden überführen im großen Stil Zeitarbeitnehmer ins Stammpersonal“, sagt Volker Enkerts, Präsident des Bundesverbandes Zeitarbeit. Gut 200.000 Menschen, so schätzt der Bundesverband, könnten in diesem Jahr über die Zeitarbeit einen festen Job finden. 50.000 Stellen, so schätzt der Verband, sind zurzeit nicht besetzt. „Das ist eindeutig wachstumshemmend“, heißt es beim Verband.

In welchen Branchen Zeitarbeiter arbeiten

Zahl der Zeitarbeitnehmer

Insgesamt hat sich die Zahl der Zeitarbeitnehmer in den vergangenen neun Jahren nahezu verdreifacht. 2002 waren lediglich circa 300.000 Zeitarbeiter beschäftigt, 2011 werden es Schätzungen zufolge 900.000 sein.

Automobilindustrie

In der Automobilindustrie arbeiteten im Jahr 2010 15,8 Prozent aller Zeitarbeiter. Damit ist die konjunkturabhängige Sparte der größte Arbeitgeber der Top-10-Zeitarbeitsfirmen.

Energie, Verkehr, Logistik

Rund 10,6 Prozent der Zeitarbeiter entfielen auf die Sparten Energie, Verkehr und Logistik.

Maschinenbau

Läuft die Wirtschaft auf Hochtouren, ist der Bedarf an Zeitarbeitern im Maschinenbau hoch. Im Jahr 2010 waren 9,6 Prozent der Zeitarbeiter hier beschäftigt.

Baunebengewerbe

Im Baunebengewerbe waren ebenfalls 9,6 Prozent der von den Zeitarbeitsfirmen vermittelten Arbeiter angestellt.

Elektrotechnik

Lediglich 8,3 Prozent vermittelten die zehn größten Zeitarbeitsfirmen an die Elektrotechnik.

Konsumgüterindustrie

In der Konsumgüterindustrie waren 2010 7,2 Prozent der Zeitarbeiter beschäftigt.

IT & Telekommunikation

6,5 Prozent der Zeitarbeiter vermittelten die Personaldienstleister an Kundenfirmen aus der IT/Telekommunikationsbranche.

Luft- und Raumfahrt

Auch die Luft- und Raumfahrt benötigt Zeitarbeiter. Hier waren im vergangenen Jahr 5,9 Prozent der Zeitarbeiter angestellt.

Chemie und Pharma

Immerhin 5,6 Prozent der Zeitarbeiter kamen in der Chemie- und Pharmabranche unter.

Der Markt für Zeitarbeit steht vor einem neuen Phänomen. Es droht in vielen Bereichen der Nachschub an frischem Personal auszugehen. 2003 hatte die Bundesregierung im Zuge der Hartz-Reformen den Markt für Zeitarbeiter liberalisiert. Damals drückten das Land ganz andere Sorgen: Mehr als fünf Millionen Menschen waren offiziell arbeitslos gemeldet. Seitdem dürfen Firmen Zeitarbeiter praktisch unbefristet beschäftigen.

Da jeder zweite Zeitarbeiter direkt aus der Arbeitslosigkeit kommt, sorgt die Branche zu einem guten Teil für die stark sinkende Arbeitslosenquote. Doch mit den rapide sinkenden Arbeitslosenzahlen trocknet das Reservoir an gut ausgebildeten Arbeitslosen langsam aus.

Kommentare (14)

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Account gelöscht!

20.12.2011, 13:30 Uhr

Ich habe die Zeitarbeit nie verstanden! In jeder anderen Branche kostet eine eilige oder unplanmäßige Leistung deutlich mehr, als die normale. Bestes Beispiel hierfür sind die Strommärkte, wo riesige Spannen zwischen Termin- und Spotmarkt liegen. Warum das bei der Zeitarbeit anders ist, bleibt ein Rätsel. Die Mitarbeiter haben deutlich höhere Risiken (Kündigung, lange Fahrtwege) und sind zumeist recht gut qualifiziert (blitzschnell am neuen Job einarbeiten und nach zwei Wochen auf zum Nächsten...). Trotzdem schlägt es sich nicht im Gehalt nieder! Das kann nur auf die "Drückermentalität" der Leiharbeitsfirmen zurückzuführen sein.

Also... gut, dass der Spuk langsam ein Ende nimmt. Einen Leiharbeiter einzukaufen müsste mindestens das Doppelte eines "normalen" Mitarbeiters kosten, und die Leute sollten mindestens 50% mehr verdienen, als im Tarif der Branche üblich...

Weltenbummler

20.12.2011, 13:59 Uhr

Dem kann ich mich nur anschließen, in Holland bekommen die Leiharbeiter auch mehr Lohn als das Stammpersonal.
Und so ist es auch richtig. Zum Glück weist der Markt nun dieses moderne Sklaventum in seine Schranken.
Nun müssen die Leiharbeitsfirmen wohl mehr Lohn an ihre Arbeiter zahlen damit es unatraktiver wird sich abwerden zu lassen. Und das ist auch gut so.

Account gelöscht!

20.12.2011, 13:59 Uhr

Geld bezahlen. Das ist eine Lösung.

Aber jeder halbwegs normale Mensch heuert nicht beim Sklavenhändler an. Knebelverträge verhindern den Klebeeffekt, der von der Politik sooft hervorgehoben wird, aber praktisch seitens der Sklavenhändler unerwünscht ist.
Will eine Entleihfirma einen guten Mitarbeiter übernehmen, muß sie oft ein Jahresgehalt hinlegen, um den MA freizukaufen.

Wie Philosoph schon schrieb, müssten die Zeitarbeiter viel mehr als die Stammbelegschaft verdienen.

Ob der Spuk ein Ende hat - ich wage es zu bezweifeln. Das Finanzkapital unternimmt zur Zeit enorme Anstrengungen um die Wirtschaft zu ruinieren, sie nach unten zu reden.
Denn nur ein arbeitsloser Arbeitnehmer ist ein billiger Arbeitnehmer. Und so verdienen die Banken in Krisenzeiten immer prächtig.

Der Wirtschaftliche Schaden durch diese Sklavenhändler ist aber besonders darin zu sehen, daß sie zunehmend ausgebildetes Fachpersonal ersetzen. Und in Ausbildung investieren diese Firmen nicht. Wie ein Parasit profitieren sie von dem Aufwand, den ordentliche Firmen oder im rahmen von staatlicher Ausbildung der Steuerzahler in die Berufsausbildung ihrer Mitarbeiter gesteckt haben.

Und allein schon wegen dieses Parasitentums gehört diese Branche an den Pranger.

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